Das Autogramm

BR Deutschland Frankreich 1983/1984 Spielfilm

Das Autogramm

L`autographe


Horst Peter Koll, film-dienst, Nr. 6, 20.03.1984

Nach seinem Abstecher in die Illusionen und Träume Nordamerikas ("Dear Mr. Wonderful", fd 23631) wendet sich Peter Lilienthal wieder einem nicht näher bezeichneten lateinamerikanischen Land zu, was nicht eine Rückkehr zur politischen Fabel über Diktatur und Unterdrückung, Leiden und Kämpfen der Menschen bedeutet. Es geht weniger um den politischen Kampf gegen ein totalitäres Regime als um die Beschreibung "alltäglicher", unpolitischer Menschen, die auf unterschiedliche Weisen Repression und Macht wahrnehmen und die zur Überprüfung ihrer Hoffnungen und (streckenweise naiven) Illusionen gezwungen sind. Von daher ist "Das Autogramm" sowohl in seiner Erzählperspektive als auch in seiner verhaltenen, fast "unterspielten" Form ein konsequent weiterführender Schritt, wenn er zwangsläufig auch nur einen kleinen Teil lateinamerikanische Realität eingefangen hat.

Im Mittelpunkt stehen ein farbiger Schwergewichtsboxer und ein erfolgreicher Bandoneon-Musiker, zwei beinahe archaische Popularitätsgestalten der südamerikanischen (vornehmlich argentinischen) Kultur. Die beiden werden zum Volksfest in einer Provinzstadt eingeladen: Der veranstaltende Militärkommandant erhofft sich durch musikalische und sportliche Attraktionen einen engeren Zusammenhalt zwischen Militär und Bevölkerung. Boxer und Musiker lernen sich auf dem Bahnhof kennen; der eine ein kraftstrotzender, selbstbewußter Sportler, der andere ein stiller, zurückhaltender Einzelgänger, der sich dem einnehmenden Wesen des neuen Bekannten kaum zu entziehen weiß. Während sich der Boxer in der Gunst des Militärs sonnt, ohne sich Gedanken über die Hintergründe zu machen, nutzt der Musiker seine Privilegien zu Fragen nach dem Schicksal eines von der Geheimpolizei entführten Kollegen – und entdeckt die Grenzen seiner Rolle. Als er einem Polizisten ein Autogramm verweigert, reagiert dieser mit Gewalt und verletzt die Hand des Boxers. Daß beim Kampf ein viel größeres Handicap wartet, schweißt die beiden schließlich zu einer Freundschaft zusammen, die äußerlich nur wenig erfolgreich ist: Der Boxkampf geht gegen einen Offizier und ist manipuliert und der Musiker zahlt – um den Verletzten zu retten – doch noch den "Preis" eines Autogramms.

Es ist dies eine wenig spektakuläre Geschichte, die die politische Situation kaum verändern kann und will, in der es vielmehr um private Erfahrungen geht, die letztlich keinen Rückzug in die Innerlichkeit bedeuten, sondern als Aufbruch zu einem tieferen Verständnis der Verhältnisse nutzbar gemacht werden könnten. Zwar setzt Lilienthal durch kleine Gesten und einige prägnante Nebenfiguren Akzente, die den Terror und die daraus resultierende Vereinsamung und Isolation der Menschen bewußt machen, im Mittelpunkt steht jedoch die Verständigung zwischen den beiden Hauptfiguren, die angesichts der Bedrohung zu Verbündeten und Freunden werden und damit eine tiefe Erfahrung machen. So liegt die Qualität des Films im Wechselspiel von Gezeigtem und dem nicht direkt Zeigbaren "zwischen den Bildern": Der für die (propagandistisch notwendige) Illusion einer Harmonie zwischen Volk und Militär geführte Boxkampf ist auch ein Kampf für die (private) Erkenntnis, Sieg und Niederlage vertauschen sich auf einer "philosophischen" Ebene. Angesichts dieser vielschichtigen, sich im Stillen vollziehenden Geschichte wirken manche Szenen in ihrer verknappten Darstellung (Übergriffe des Militärs, der Boxkampf) wie hölzerne Stilisierungen der Wirklichkeit, die man wohl kaum als reale Abbilder verstehen sollte; in seiner gesamten Komposition ist "Das Autogramm" jedoch eine kluge und einfühlsame Studie menschlicher Verhaltensweisen und Möglichkeiten.