Die Straße

Deutschland 1923 Spielfilm

Die Straße



The Bioscope, London, zit. nach Lichtbild-Bühne, Nr. 23, 1.3.1924


(...) Die Handlung ist eher visionär gesehen, als berichtet, und zwar in Szenen, die sich fast ohne jede Hilfe von Zwischentiteln durch sich selbst zu erklären vermögen. Es war jedoch keineswegs die Absicht des Regisseurs, lediglich eine realistische Handlung wiederzugeben, die so klar und einfach wie eine Landkarte oder ein Adreßbuch wäre. Er hat vielmehr versucht, Gefühlsmomente in Schwingung zu setzen, dadurch, daß er an die Phantasie des Beschauers appelliert, an seine Seele mehr als an seinen Verstand. (...)

Außerordentlich geschickt ist die photographische Darstellung der tausenderlei Einzelheiten von Mädchen, Lichtern, Autos und all dem anderen, das sich in der Seele des Helden als Vision des erträumten Nachtlebens darstellt, das zu genießen er im Begriff steht. (...)

Das wirkliche Thema des Films ist, wie ja schon der Titel anzeigt, die Romantik der Großstadtstraße selbst, die man in dem ganzen Verlauf des Films in stets wechselnder Gestalt in jeder ihrer mannigfaltigen Formen sieht, als geheimnisvoller Schrein von Wollust und Vergnügen, als das lärmende Schlachtfeld der Menschheit, als der düstere Schlupfwinkel des Verbrechens und schließlich im fröstelnden Schauer des frühen Morgenlichtes, als das Grab einer Enttäuschung, bedeckt mit dem Abfall der Lust und den Hoffnungen der Nacht.

So ganz und gar durchtränkt von dem Charakter und Typ des Ganzen sind Bauten und technisches Gerüst dieses Werkes, daß die Spieler selbst gewissermaßen nur Figuren in dieser künstlerischen allgemeinen Expression sind, etwa in der Art, wie in manchen der berühmten russischen Tänze die Tänzer selbst nur die lebenden Exponenten eines umfassenden dekorativen Schemas sind. Im einzelnen aber sind diese außerordentlich schweren Rollen von den betreffenden Darstellern ganz außerordentlich gut behandelt worden.