Die Abfahrer

BR Deutschland 1978 TV-Spielfilm

Die Abfahrer


Hans Gerhold, film-dienst, Nr. 13, 26.06.1979

Atze, Lutz und Sulli sind arbeitslos und verbringen ihre Tage auf einem Dortmunder Hinterhof, leben von kleinen Diebstählen von einem Schrottplatz und werden von Lutz" Mutter, die glaubt, ihr Sohn habe seine Lehrstelle noch, unfreiwillig verpflegt. In dieses alltägliche Einerlei kommt eines Tages Abwechslung, als der Lastwagen einer Möbelspedition, mit dem ein Nachbar umziehen will, wegen eines Fehlers im Bremssystem vor ihrem Grundstück abgestellt wird. Die drei leihen sich den Lastwagen, von dessen Defekt sie nichts wissen, für eine nächtliche Probefahrt um den Häuserblock aus, die sich zu einer Spritztour über die Autobahn entwickelt. Unterwegs gabeln sie ein Mädchen auf, das von seinem Freund aus dem Wagen geworfen wurde. Sie fahren Svea nach Münster, doch dort beschließt sie, zunächst bei den dreien zu bleiben. Der Fahrzettel führt sie nach Siegen, wo Möbel abgeholt werden sollen, was die vier auf die Idee bringt, anschließend die Möbel des Nachbarn abzuliefern. Bei einer Rast im Wald wird ihnen der Bremsschaden beinahe zum Verhängnis, doch sie können ihre Fahrt fortsetzen und beschließen – nach einem Telefonat mit den Bekannten in ihrer Stammkneipe – , nach Dortmund zurückzukehren und fahren weiter ...

Ohne aufgesetzte und anspruchsvolle Botschaften vermitteln zu wollen, überzeugt dieser erste Spielfilm von Adolf Winkelmann vor allem durch seine Frische, Spontaneität und Authentizität. Sie scheinen bereits durch in der Beschreibung des Hinterhofmilieus mit seinen alltäglichen Sorgen, seinen Fensterguckertypen und der Eckkneipe mit ihren Schon- und Noch-Nicht-Arbeitslosen (auf der Dortmunder Hütte sind die Arbeitsplätze von l 500 Menschen bedroht). Dieser Realismus im Detail und der Humor und die Sprache der Bewohner sind unverfälscht eingefangen und tragen zur Charakterisierung einer ganzen Region, des "Kohlenpotts", bei. Auf der anderen Seite ist es diese Sprache, die Atze und seine Freunde als Typen ausweist und sie etwa Kontakt zu einem Rentner gewinnen läßt, der dann ohne ihr Verlangen während ihrer Fahrt ihre Behausung gegen Eindringlinge verteidigt, also praktische Solidarität beweist. Eben diese Art des Verstehens, ohne große Worte zu machen, herrscht auch in ihrer Beziehung zu Svea, die zunächst unbewußt, im weiteren Verlauf der Reise mehr und mehr die Antriebskraft des Unternehmens wird. Der ebenso unverhoffte wie rauschhafte Ausbruch der vier bestimmt auch die Sprunghaftigkeit der Fahrt, die zu unerwarteten Gefühlen von Freiheit und Zufriedenheit führt, aber auch zu Zwiespältigkeit ihren Sehnsüchten gegenüber und zur Einsicht in das notwendige Ende ihrer "Abfahrt". So nennt Atze ihr Abenteuer einmal ironisch "Arbeitsbeschaffungsprogramm".

Der Optimismus ihrer Reise, die den Film zu einem achtbaren Vertreter der "road-movies" werden läßt (einige Einstellungen zitieren Wenders" "Im Lauf der Zeit"), drückt sich nicht zuletzt in der einfachen und klaren Kameraführung aus, die sich völlig der Geschichte unterordnet. Dieser Optimismus und der Galgenhumor, der die Situation arbeitsloser Jugendlicher ebenso wie ihr gebrochenes Lebensgefühl authentisch widerspiegelt, läßt das offene Ende als einzig berechtigt erscheinen. Der Zuschauer ist aufgefordert, die Geschichte mit eigenen Schlußkonstruktionen zu füllen und nicht zuletzt die Situation der vier auf seine eigenen Erfahrungen zu beziehen. In seinen witzigen und realistischen, komischen und nachdenklichen Momenten nimmt der Film seine Figuren ernst und behandelt sie menschlich, ein Grund, der ihm verdientermaßen den Bundesfilmpreis 1979 (Filmband in Silber) eingetragen hat.