Dein unbekannter Bruder

DDR 1982 Spielfilm

Nichts mehr zu sagen, nichts mehr zu fragen?

Gespräch mit Ulrich Weiß


Fred Gehler, Sonntag, Berlin/DDR, Nr. 22, 1982


SONNTAG: Im Vorfeld Ihres Films war zu lesen: ein Film aus der Perspektive einer Generation, die den Faschismus nicht mehr bewußt selbst erlebt hat. Das spricht sich so hin – aber wie sieht das konkret aus?


ULRICH WEISS: Noch vor wenigen Jahren wäre es mir unmöglich gewesen, einen solchen Film zu machen. Die Zeit des Faschismus, sie lag irgendwie tief unten im Brunnen. Da schien nichts mehr zu sagen, nichts mehr zu fragen zu sein, und plötzlich kehrt unsere Generation dahin zurück. Es gibt dafür wohl äußere und innere Gründe. Wir denken wieder an unsere Eltern, reflektieren unsere Kindheit, also die Zeit, in der die Erwachsenen versuchten, mit ihrer Vergangenheit fertig zu werden. Otto Grotewohl hat 1947 der Jugend diese Worte zugerufen: "Ihr seid unschuldig. Werdet nicht schuldig!" "Unschuldig" – ja, aber die Folgen betrafen uns. Ich bekam immer stärker das Gefühl des Betroffenseins. Du bist nicht fertig damit. In dieser Phase erreichte mich das Szenarienangebot von Wolfgang Trampe.

SONNTAG: Spielte dabei das psychokriminalistische Moment des Sujets eine Rolle oder die Beobachtungen von alltäglichem Faschismus? Beides erscheint in einem seltsamen Miteinander.


WEISS: Es gab während der Arbeit mehrere Metamorphosen. Mich hatte zunächst das Spektrum der alltäglichen Angst des Arnold Clasen interessiert. Aber auch die grotesken und satirischen Elemente, etwa in den Fabrikszenen. Ein Kino einzelner satirischer Auftritte, fast eine Art Nummernkino, nur vage mit der Story verbunden. Aber Kino kann nicht nur gedacht werden, es muß gemacht werden. Ich muß es sehen. (…)

SONNTAG: Es ist ablesbar, wie sehr Sie die Verräter-Opfer-Beziehung künstlerisch zu faszinieren begann: die Austauschbarkeit, die Affinität, der eine als "Schatten" des anderen.

WEISS: Schon im Mythos, in der Jesus-Judas-Konstellation, ist die merkwürdige Nähe frappierend. Die Dialektik von Vertrauen und Mißtrauen, von Stärke und Schwäche, wandelt auf einem schmalen Grat. Mir wurde wesentlich die Problematik der Verführbarkeit. Die Verführung liegt in der Entwicklung der Bereitschaft, verführt zu werden. "Du liebst doch die schönen Tage…" heißt es über den Verräter. Es hängt auch damit zusammen, was ein Mensch ertragen kann, was ihn mürbe macht. Clasen wird mit dem Gedanken konfrontiert, einst vergessen zu werden. Die anderen werden leben und – ihn vergessen. Ein ungeheuerlicher Gedanke, eine schier übermenschliche Belastung und auch eine Verführung. (…)

SONNTAG: In der Zeichenwelt Ihres Films gibt es schöne Entdeckungen. Hier ist die Grundhaltung produktiv geworden, daß im Kino das Sehen das Wichtigste ist, eine immer wieder verletzte Wahrheit.

WEISS: Film – das ist für mich die Entdeckung der sinnlichen Welt. Die Dominanz des Sehens. Als das Kino entdeckt wurde, passierte folgendes. Die es machen, spekulieren darauf: Wir haben etwas gesehen und wollen es anderen mitteilen. Sie spekulieren auf das mögliche Sehen. Es ist, als säßen zwei Spieler zusammen, und der eine spielt vor, ich kann etwas sehen… Es geht nicht einfach darum, Sprache ins Bild zu übersetzen. Nichts kann so mühselig und so unfruchtbar sein wie das Inszenieren hinter klugen Sätzen her. Mich reizt die Entdeckung, was nur mit der klugen Kamera sinnlich herzustellen ist. Wir wissen noch wenig genug darüber. Einen Film als Vorstoß in die sinnliche Welt ansehen. Die Welt besteht ja nicht nur aus Sinn, sondern auch aus Sinnlichkeit.