Klassenfahrt

Deutschland 2001/2002 Spielfilm

Flaschendrehen mit Ausziehen

Henner Winckler erzählt in seinem ersten Film ganz lakonisch vom Wesen der



Katja Nicodemus, Die Zeit, 02.10.2002

In der Erinnerung sind Klassenfahrten meistens ein wenig banal. Man könnte sogar sagen, das Außergewöhnliche widerspricht ihrem Wesen eines domestizierten Überschwanges. Als Mischung zwischen Ferien und Schulalltag, Abhängen und Exerzierreglement, haben sie etwas seltsam Verhaltenes, eben wie eine Party, die sich nie ganz entfesseln kann, weil das erzieherische Korrektiv immer schon im Nebenzimmer lauert. Strukturell ist die Klassenfahrt untrennbar mit Heimlichtuerei verbunden, wohl deshalb kommt einem manches, was man damals toll fand, irgendwie albern oder verdruckst vor. Zum Beispiel frierend vor der Jugendherberge stehen und heimlich Chantré Cream trinken; nächtliche Kissenschlachten, bei denen man sehnlichst hoffte, zufällig von dem zart beflaumten Kerl getroffen zu werden, den man gerade gut fand. Oder stundenlanges Hören einer Rodgau- Monotones-Kassette zu Flaschendrehen mit Ausziehen.

Auch wenn Klassenfahrten im Laufe der Jahre mit anderen Pubertätserlebnissen verschmelzen und im Gedächtnis kaum mehr als konturierte Zeitinseln wahrnehmbar sind, sollte man ihre Bedeutung nicht unterschätzen. Als vorübergehende raumzeitliche Konzentrationen von jugendlichen Körpern und Alkohol wirken sie wie libidinöse Teilchenbeschleuniger, aus denen man irgendwie anders und auf diffuse Weise erwachsener hervorgeht.

In Henner Wincklers Regiedebüt "Klassenfahrt" gibt es ein Bild, das die Atmosphäre dieser sonderbaren Ausflugsform sehr schön auf den Punkt bringt: In einer Totale der polnischen Ostseeküste sehen wir eine Reihe eingemummelter Menschen in Richtung Objektiv durch den Sand stapfen. Es handelt sich um eine Schulklasse, die offensichtlich den Programmpunkt Strandspaziergang absolviert. Auch wenn kein einziges Gesicht zu erkennen ist, liegt ein allgemeiner Muff über der Szenerie. Klassenfahrt – halbwüchsige Trägheit, die den Befehlen der Freizeitdiktatur mit der Gleichgültigkeit einer Kuhherde Folge leistet.

Kaum haben sich die zwei Dutzend Schüler in Wincklers Film auf die hässlichen Holzfunierbetten verteilt, glaubt man schon die Putzmittel des Plattenbauhotels zu riechen. Postsozialistische Tristesse verbindet sich mit der Lustlosigkeit von abgebrühten Großstadtpflanzen, die sich fragen, was sie zwei Wochen lang im polnischen Küstenkurort Miedzyzdroje verloren haben. Während die anderen das Beste draus machen, sich nach Cliquenzugehörigkeit und Ferienliebschaften sortieren, würde Ronny, der introvertierte Außenseiter der Klasse, am liebsten gleich wieder nach Hause fahren. Einer, der sehnsüchtig zuhört, während sein Zimmernachbar mit der daheimgebliebenen Freundin telefoniert. Aus seinem verlangsamten Gang, seiner wie einstudierten, zerbrechlichen Coolness spricht die ganze verdruckste Körperlichkeit der Pubertät. Über der grauen Ostseedünung schreien die Möwen, der erste Ausflug ins Heimatmuseum droht. Klassenfahrt.


Einsilbige Dialoge und zarte Kontaktaufnahmen, kleine Ausflüge und verstohlene Blicke – irgendwann beginnt sich die Lagerstimmung etwas zu lichten. Ronny wirft ein Auge auf die coole Isa und registriert euphorisch erste schwache Antwortsignale. Auf der Promenade warten CD-Verkäufer, die vielleicht noch mehr zu bieten haben. In der örtlichen Diskothek, die Paradies heißt, kann man mit polnischen Jugendlichen anbandeln, und Bier heißt pivo. Konsequent erzählt Winckler aus der Perspektive seines verstockten Helden, zeigt in aller Ruhe, wie sich ein Netz aus jugendlichen Zeichen und Codes über eine zunächst unbekannte Topografie legt. Der beschauliche Ostseeort bleibt dabei austauschbare Matrix, eine Umgebung, die ausschließlich dazu da ist, den jugendlichen Helden immer neue Anlässe für die viel aufregendere Beschäftigung mit sich selbst zu geben. Die Herberge als Ort der kleinen Trinkgelage und der nächtlichen Zimmerbesuche; das Volleyballspiel am Strand als Balzbühne; die Frittenbude als Cliquentreff; die Disko, ein Ort des vorsichtigen Abcheckens.

Ein Rivale wird Ronnys erste Liebe vorübergehend aus der Balance bringen. Auch hier filmt Winckler eher Zeichen als Ereignisse. Ihre Bedeutung muss man sich selbst zusammensuchen. Flirtet Isa mit dem glatzköpfigen Polen, oder ist da tatsächlich "nichts am Laufen", wie sie einmal ihrer Freundin sagt? Betrachtet das Mädchen interessiert die Muskeln des anderen, oder ist es Ronny, der mit Isas Augen auf den Feind blickt? Am schönsten inszeniert Winckler das Spiel der Doppeldeutigkeiten während eines gemeinsamen Schwimmbadbesuchs, bei dem die Jungs um die Wette und gleichzeitig um das Objekt ihrer Begierde schwimmen. Gegen den etwas älteren Gegenspieler hat Ronny keine Chance. Alles cool, bloß Spaß, nur keine Blöße. Aber durchs Wasser meint man sein Herz pochen zu hören.

Objektive Ereignislosigkeit und subjektive Gefühlsachterbahnen – mit ungeheurer Genauigkeit spürt Henner Winckler die Resonanzen, kleinen Stimmungsverschiebungen und entscheidenden Pausen in den kargen Dialogen seiner Helden auf. Kommunikation als Partitur, hinter deren gleichgültigen Tonlagen und rüde dahingeworfenen Witzen sich immer wieder wahre Eifersuchtsabgründe verbergen. Gerade im Umgang mit der Sprache ist Wincklers ausschließlich mit Laiendarstellern gedrehte "Klassenfahrt" ein Glücksfall. Ein kleines Stück banales Leben, das durch die Ruhe und Konzentration der Kamera zum Portal in eine abgeschlossene Welt wird. Einer dieser Filme, in denen nichts geschieht und es dabei doch permanent ums Ganze geht. Eine dieser Klassenfahrten, an die man sich selbst erinnern könnte. Flirten in der Ostseedünung – Schüler auf der Klassenreise zu sich selbst erinnern könnte.

© Katja Nicodemus