Veritas Vincit

Deutschland 1918/1919 Spielfilm

Veritas vincit

Der Kinematograph, Nr. 615, 16.10.1918

Die Aufnahmen zu dem großen Film "Veritas vincit" (Die Wahrheit siegt) sind nun fast vollendet und bald wird der Regisseur Joe May daran gehen können, den fertigen Film zusammenzusetzen, was in Anbetracht der Länge des Films (über 3000 m) und infolge eines ganz neuen technischen Aufnahmeverfahrens in zahllosen Einzelszenen mit stets wechselnden Apparatstellungen eine schwierige Arbeit darstellt.

Nach dem bisher vorliegenden Material sind besonders die Klassenszenen, an denen bis 1500 Personen mitwirkten, trefflich gelungen, die – fast möchte man sagen – farbenprächtigen Bilder aus dem alten Rom ”Der Triumphzug”, ”Die Gärten des Dezius”, ”Das römische Bacchanal”, ”Die mittelalterlichen Kulturbilder”, ”Das Fest auf der Freuden-Au” und die modernen großen Szenen ”Im Hause des Inders”, ”Auf Schloß Solitut”, ”Auf der Wildkanzel” und ”Die Gerichtssitzung”.

Die hervorragende Besetzung sämtlicher Rollen mit ersten Schauspielern, voran Mia May und Johannes Riemann, haben Spielwirkungen von bisher nicht erreichter Stärke ergeben, so daß der Regisseur und die Autoren (Ruth Goetz und Richard Hutter) mit dem Erfolg, den ihr Werk erzielen wird, zufrieden sein können.

Künstlerisch und eigenartig wie alles bei diesem Film, der auch in seinem Kostenaufwand alles bisher Dagewesene übertrifft – man spricht von einer halben Million –, ist auch die von Richard Hutter verfaßte Inhaltsangabe des Stückes, welche durch ihre poetische Form von Interesse ist.


Veritas vincit!

Der Leib zerfällt. Nichts wie ein Traum
Des Körpers ist das Leben.
Unsterblich nur wie Zeit und Raum
Kann der Gedanke sich allein
Zur Ewigkeit vom Erdensein,
Von Welt zu Welt erheben.

Im alten Rom... In einer Höhle dort –
In banger Scheu nur naht man sich dem Ort –
Da haust ein Weib, geheime Zauber webend,
Mit Kröt’ und Schlange als Gefährten lebend:
Sie weiß, was sonst den Sterblichen verborgen,
Was noch verhüllt im ungewissen Morgen.
Und was es sei, ob Segen oder Fluch,
Verkündet sie in dunklem Schicksalsspruch.
 
Tochter des Flavius! Römerin!
Helena! Kennst du des Spruches Sinn?
Keiner ist noch seinem Schicksal entronnen,
Das ihm die Fäden der Parzen gesponnen.
Wenn du aus Liebe die Lüge gesprochen,
Hast du dein eigenes Glück dir zerbrochen...
Laß von der Lüge, die dich betrügt!
Veritas vincit! Die Wahrheit siegt!

Zeiten vergehen... Am deutschen Rhein
Ellinor, Goldschmiedes Töchterlein.
Willst durch die Lüge den Freund dir erretten?
Wähnst du zu sprengen des Schicksals Ketten?
Tot der Genosse der seligen Stunden –
Tot der Geliebte, den kaum du gefunden,
Zu deinen Füßen erschlage liegt...
Veritas vincit! Die Wahrheit siegt!

Zeiten vergehen... Zum drittenmal
Wechselt des Liebesspiels Freud’ und Qual.
Seelen, vom Schicksal einander erkoren!
Dreimal gefunden und dreimal verloren!
Wird es der Dritten – Helenen – gelingen,
Was sich erfüllen soll, sich zu erzwingen?
Sprich es das Wort, in dem Rettung liegt!
Veritas vincit! Die Wahrheit siegt!

R.H.


Der prunkvolle Rahmen des Films, den die Dekorationen Paul Leni’s schufen, kommt durch die besondere sorgfältige Photographie des Operateurs Lutze und die wundervollen Kostüme, welche die Firma Diringer in München beistellte, besonders zur Geltung und bringt dieser Film wuchtige Atelierbauten in ebenso schönen Bildern wie ganz eigenartig schöne Freiaufnahmen, unter denen besonders einige Morgennebelstimmungen auffallen.