Inhalt
Ausschließlich anhand historischer Film- und Tonaufnahmen, darunter zahlreiche Amateurfilme, erzählt der Film die Geschichte Ostpreußens in den Jahren 1912 bis 1945. Mit den dramatischen Kriegsereignissen, Flucht und Vertreibung im Zuge des Untergangs des "Dritten Reichs" beginnend, blendet er zurück und beleuchtet chronologisch ab den 1910er Jahren das Leben in dem "entschwundenen Land" zwischen Königsberg und Insterburg, Tilsit und Allenstein. Neben Freuden und Entbehrungen des agrarisch geprägten Alltags thematisiert der Film auch die Naziherrschaft; der Kommentar ordnet die Bilder hinsichtlich ihrer Entstehung, und Hintergründe ein.
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Zu einer Zeit, da der 2. Weltkrieg bereits verloren war, lief eine gigantische Evakuierungsaktion der Wehrmacht. So errichteten Pioniere noch 1944 eine Brücke über die Weichsel für den Rückzug der Truppen und die Flucht Zigtausender in endlos erscheinenden Trecks mit dem Ziel, über die Ostsee nach Westen zu entkommen. Grausame Bluttaten der Rotarmisten, welche in kurzfristig zurückeroberten Gebieten wie Nemmersdorf dokumentiert werden konnten, wusste die Goebbelsche Propaganda auszunutzen. Sie befeuerte noch die aussichtslosesten Kämpfe in zahllosen zu Festungen erklärten Städte und rettete die eigenen Verluste in Kauf nehmend Hunderttausenden das Leben.
Aus deutschem und sowjetischem, offiziellem und privatem Material ist ein ungemein dichter Film entstanden, der nach dem Inferno des Krieges breit auffächert, was durch ihn – entfacht durch Hitlers Befehl, Polen zu überfallen – verloren gegangen ist. Und es sind gerade die Amateuraufnahmen etwa von Urlaubern und dort stationierten Offizieren (wie Oberstabsarzt Wilhelm Keller vom Fliegerhorst Neuhausen im Samland), aber auch Ornithologen (Vogelwarte Rossitten, Reichsstelle für Naturschutz Berlin) oder Volkskundlern, die das Mosaik einer heute zumindest für uns Nachgeborenen entschwundenen Welt ergeben. 16mm-Filme auf Agfa oder Kodak sind darunter, singuläre 8mm-Aufnahmen der geschlagenen deutschen Armee im nördlichen Ostpreußen, aber etwa auch die letzte Wochenschau aus Ostpreußen im März 1945.
Die älteste filmische Quelle zu Ostpreußen zeigt die Landung des militärischen Prallluftschiffs „Parseval 3“ in Königsberg am 6. Juni 1912 an der Luftschiffhalle im Villenvorort Klein Amalienau. Nur 15 Sekunden lang ist eine Pathé-Wochenschau aus dem Folgejahr, die Kaiser Wilhelm II. beim Besuch der Jahrhundertausstellung 1913 in Königsberg zeigt. Erst der Erste Weltkrieg, in dem Ostpreußen als einzige deutsche Region zum Kriegsschauplatz wurde, liefert ab 1914 auch Aufnahmen, in denen die Wochenschauen mit den Kriegswirren auch beiläufig das Land zeigen.
Ostpreußen hat mit den drei Ausnahmen Paul Lange, Erika Puchstein und Kurt Skalden keine Berufsfilmer gekannt. Zu Beginn der 1930er waren sie bereits nach Berlin übergesiedelt. Was sie in ihrer damaligen Heimat an Dokumentationen etwa im Auftrag der Reichsbahn und Kulturfilmen etwa über die Wandervogel-Bewegung und den aufkommenden Ausdruckstanz im Freien drehten, ermöglicht es, das Leben in den Regionen der Provinz ab der zweiten Hälfte der 1920er Jahre geografisch und sozial breit zu zeigen.
Den Blick lenken vor allem Besucher, die zwischen 1926 und 1943 mit der Amateurkamera in die Provinz reisten. Darunter ein versierter Kameramann aus Hollywood, der Mitte der 1930er Jahre eine Besuchergruppe der amerikanischen Carl Schurz Gesellschaft durch Ostpreußen begleitete. Die älteste Amateuraufnahme stammt von einem Industriellen aus Aschaffenburg, der 1926 Königsberg und die Samlandküste auf 16mm filmte. Danach ermöglichte der technische Fortschritt geradezu eine Explosion von zumeist noch schwarz-weißen Amateurfilmen. Nach einer zwölfjährigen Recherche in zumeist ausländischen Archiven konnte die hundertminütige Dokumentation „Ostpreußen – Entschwundene Welt“ am 15. Mai 2025 im Filmpalast Lüneburg uraufgeführt werden und am Tag darauf in den Kinos starten. Und zwar als reiner Kompilationsfilm im klassischen 4:3-Format – ohne Inszenierungen oder Statements von Zeitzeugen und Sachkundigen. Es hat auch keine Neudrehs gegeben, aber wenige Nachkolorierungen, welche die beiden Sprecher Heidi Jürgens und Peter Kämpfe ebenso ankündigen wie digitale Bearbeitungen und Restaurierungen des gezeigten Materials.
Pitt Herrmann