Jadup und Boel

DDR 1980/1988 Spielfilm

Zum Beispiel: Jadup


Peter Ahrens (= Klaus Wischnewski), Die Weltbühne, Berlin/DDR, 13.12.1988


Dies ist eine späte Anmerkung zu einem Film, der vor sieben Monaten Premiere hatte. Aber da war er bereits acht Jahre alt und nicht gealtert, eher im Gegenteil: Der Film "Jadup und Boel" traf 1988 in eine Umwelt, die empfindsamer und empfindlicher, hellhöriger und scharfsichtiger geworden war, bereiter und bedürftiger für Sprache und Blick und Botschaft des Autors Paul Kanut Schäfer und des Regisseurs Rainer Simon. Viele Erfahrungen, Enttäuschungen auch und neue Hoffnungen brachten die Zuschauer dieses Jahres aus ihrer kleinen und großen Welt in die meist kleinen Kinos oder einmaligen Vorstellungen, in denen "Jadup und Boel" als Studiofilm gezeigt wird. Man spürte und spürt es an ihren sehr wachen Reaktionen, an dem im Kino ja ungewöhnlichen Szenenbeifall, den es immer wieder gibt.

In der Hauptstadt ist der Film inzwischen mehrfach wiederholt worden und wird immer wieder mal gezeigt. Aber wie ist es anderswo?

Der Blick auf unsere Kinospielfilme – besonders gegenwärtig, auf dem Weg zum Jahresabschluß und zu den Feiertagen – findet nicht im Übermaß Angebote, die wertvoll, gedanken- und phantasiereich sind, wenig, was den wachen denkenden Partner herausfordert und bereichert, manches sucht er vergeblich. Um so wichtiger, daß es da diesen DEFA-Film gibt, diese äußerlich karge und merkwürdig reiche Geschichte aus wenigen Tagen (und vielen Erinnerungen) in einer märkischen Ortschaft und ihre scheinbar skurrilen Einwohner, die man nicht vergessen kann und die man, auf gute Weise, nicht wieder los wird, weil diese verfremdet gestalteten Zeitgenossen so vertrackt hartnäckig weiterleben und als wir selbst, als unsere Spiegel- und Spielpartner zu erkennen und anzunehmen sind. (…)

Die Erinnerungen Jadups und anderer bestimmen die Struktur und die eigentliche bewegende innere Handlung: Die Wiederbelebung durch Erinnern, die Selbstbesinnung auf Identität, Ideale und Werte. Das Schöne des Films ist, daß das immer über die normalsten Alltagsdetails und -haltungen geht, deren Verfremdung den Blick öffnet auf Wesentliches, auf Statik und Bewegung. Nur ein Beispiel ist der Krach und Streit um die Nichterfüllung der Kaufhallen-Verpflichtung ("Volles Sortiment zu jeder Zeit"). Allen ist der praktizierte Mechanismus der Verpflichtung so bewußt wie ihre Nicht-Erfüllbarkeit – Jadup bricht das Tabu der Respektierung, er stört und ist Held: Don Quichotte im Märkischen. So setzt er eine Frage in die Welt, bewegt. Den Film interessieren nicht neue Scheinlösungen, sondern diese Haltung, in der allen Lösungen liegen können.


Es gibt böse, erschreckende Momente der leisen und offenen Gewalt, rührende Größe und Vergeblichkeit beim unermüdlichen Chronikschreiber, belastete und kräftige Frauengestalten. Es gibt einen "positiven" Schluß, der kein Schluß ist und dessen Position eine Forderung und Aufforderung ist: Jadups Rede gegen die endgültigen Lösungen im Leben, die mit all seinen früheren Jugendweihereden bricht und konsequent zu Lenin führt: "Das Schicksal der Revolution ist verknüpft mit Menschen, für die man bürgen kann, daß sie kein Wort auf Treu und Glauben hinnehmen, kein Wort gegen ihr Gewissen sagen werden." (…)

Dies ist einer der Filme, die in der DEFA-Geschichte selten waren und geblieben sind. Er ist real und metaphorisch, direkt und nie naturalistisch, er blickt kritisch ohne Polemik, er ist hart, liebevoll weise. Er ist für mich Rainer Simons bisher reifster und reichster Film. Und: Respekt und Dank dem Kameramann Roland Dressel. Und Empfehlung an Zuschauer, Kinoleiter und Filmklubs: Dieser Film ist nicht nur für ein Jahr.