Zarte Parasiten

Deutschland 2008-2010 Spielfilm

Inhalt

Jakob und Manu, ohne festen Wohnsitz oder geregelte Arbeit, haben ihre eigene Überlebensstrategie entwickelt. Sie leben in einem selbstgebauten Lager im Wald und duschen im örtlichen Schwimmbad. Immer knapp bei Kasse, verdienen sie ihr Geld als menschliche Dienstleister. Sie heuern bei Menschen an, um ihnen zu geben, was sie brauchen oder was ihnen fehlt. Spätsommer, der Herbst steht vor der Tür. Manu und Jakob wohnen in ihrem Waldlager und gehen von da aus ihrem Job nach. Während Manu bei der alten Frau Katz für ihre Dienste Geld erhält, sucht Jakob nach einem neuen Kunden: Auf einem Flugplatz stellt er sich einem landenden Segelflugzeug in den Weg. Martin, der Pilot, ein ehemaliger Manager, kümmert sich um den leicht verletzten Jakob. Nach und nach gelingt es Jakob, Martin näher zu kommen. Da er ihn an seinen verstorbenen Sohn, bietet er schließlich an, dessen Stelle einzunehmen, ohne Zeitlimit und sofort wieder kündbar. Martins Frau Claudia ist von der Idee nicht begeistert, lässt ihren Mann aber gewähren. Als Frau Katz überraschend stirbt, ist Manu bereit weiter zu ziehen, um endlich zusammen mit Jakob eine gemeinsame Bleibe zu finden. Doch Jakob zögert; für ihn ist die Arbeit bei Martin noch nicht beendet, und er verschweigt Manu, dass er sich im Kreise seiner neuen "Familie" zunehmend wohler fühlt. Als er sich immer weiter von Manu entfernt und sie merkt, dass ihr gemeinsames Lebensmodell zu zerbrechen droht, entscheidet sie sich Jakob einen Besuch abzustatten, um ihn zurück zu gewinnen …

Quelle: 43. Internationale Hofer Filmtage

Kommentare

Sie haben diesen Film gesehen? Dann freuen wir uns auf Ihren Beitrag!

Heinz17herne
Heinz17herne
Kein zarter Anfang für zarte Parasiten: Manu und Jakob (sollte den Jakob schon in „Egoshooter“ spielen: Robert Stadtlober) wollen von der Disco heim und müssen sich der Nachstellungen des raubeinigen Constantin erwehren, dem Manu besser gefallen hat als umgekehrt. Das geht nicht ohne blutige Nase ab. Apropos heim. Die beiden Mittzwanziger hausen irgendwo im Wald unter einer Zeltplane, ein paar Klamotten zum Wechseln, Bücher und ein Spirituskocher für den Tee sind ihre einzige Habe. Was auf den zweiten Blick schon jede Romantik verloren hat: Manchmal reicht die letzte Barschaft nur noch dazu, im Hallenbad die Duschen zu benutzen. Ihre wenigen Sachen müssen sie unbeaufsichtigt zurücklassen, wenn sie ihrer ungewöhnlichen Profession nachgehen, die darin besteht, sich bei einem oder – aktuell – mehreren Wirten einzunisten.

Die, das ist die Vereinbarung, vom parasitären Leben der ohne festes Ziel herumvagabundierenden jungen Leute ohne festen Wohnsitz und ebensolches Einkommen mindestens ebenso profitieren wie diese selbst. Etwa Frau Katz, eine freundliche, geradezu liebenswerte, aber schwer kranke Seniorin ohne familiären Anhang. Manu wird zwar von der noch allein in ihrer Wohnung lebenden Dame dafür entlohnt, dass sie sich täglich um sie kümmert, vom Einkauf bis hin zur Körperreinigung. Es wird jedoch nicht nach Stundenlohn abgerechnet: Manu gehört bald wie eine Enkelin zur Familie, darf auch Jakob mitbringen und Frau Katz, deren Lieblingsplatten dann aufgelegt werden, guckt ihnen beim Sex vor ihrem Bett zu. Auf ihrem Nachttisch steht ein gerahmtes Foto mit drei Personen – Oma mit Enkeln.

Jakob hat sich ein anderes Wirts-Objekt ausgeguckt und stellt sich, um sich ihm zu nähern, frech auf die Landebahn eines kleinen Flughafens: Martin ist begeisterter Segelflugsportler und kann seinem Hobby nun ausgiebig frönen, seit er seinen stressigen Job als Manager aufgegeben hat. Freilich nicht aufgrund höherer Einsicht die eigene Gesundheit betreffend, sondern weil er mit Benjamin das einzige Kind verloren hat. Was weder er noch seine Gattin Claudia, die aus ihren Lehrerberuf ebenfalls sofort ausgestiegen ist, verkraftet haben: die gut betuchten Eheleute flüchten sich nun in caritative Aktionen. Jakob bietet sich als nachgerade idealer Benjamin-Ersatz an: zugänglich, pflegeleicht, hilfsbereit und für jede Kleinigkeit dankbar. Denn im Grunde sehnt sich dieser so cool gebende, aber noch so kindlich wirkende Nomade nach einem familiären Zuhause. Was Manu ganz ähnlich geht, die sofort eifersüchtig reagiert, als es ihrem Freund bei den „Gasteltern“ zu gut gefällt.

„Diesmal ist es anders – alles“: Obwohl Jakob immer wieder zu weit gegangen ist, seine Gastgeber mit allzu großer Offenheit brüskiert hat, ist es bei Martin und Claudia alles andere als ein Job wie jeder andere. Was bei Manu die Alarmglocken schrillen lässt: frisch blondiert stellt sie sich als Jakobs Schwester vor. Die Lage spitzt sich zu, als der rachedurstige Constantin das Zeltlager der beiden Parasiten zerstört und Frau Katz eines natürlichen, friedlichen Todes stirbt: Schafft Jakob den Absprung, bevor Manu ihr letztes Geld für Übernachtungen in einer Pension ausgegeben hat? Und dann werden die beiden auch noch von der Polizei gesucht, die das Foto auf dem Nachttisch der Toten gefunden hat...

Wie viel Freiheit und Ziellosigkeit verträgt eine Zweierbeziehung unter ja nicht mehr ganz so jungen Leuten, die sich beide nicht nur nach familiärer Geborgenheit bei ihren „Wirtsleuten“ sehnen, sondern selbst einmal eine Familie mit Kindern gründen wollen, jedenfalls wenn es nach Manu geht? Wie berechnend darf Nächstenliebe sein, wenn diese nicht nur Lebensinhalt, sondern vor allem auch Lebensunterhalt bedeutet?

Das sind spannende Fragen, die ein in vieler Hinsicht ungewöhnlicher Streifen stellt, der am 7. September 2009 beim 66. Filmfestival Venedig in der Sektion für unkonventionelle Beiträge, „Orizonti“, uraufgeführt und am 1. August 2011 in der ARD erstausgestrahlt wurde. Die Rheinfilm-Produktion ist nach „Egoshooter“ aus dem Jahr 2004 erst der zweite Spielfilm des Hannoveraners Oliver Schwabe (Jg. 1966) und des Düsseldorfers Christian Becker (Jg. 1971), beides Absolventen der Kölner Kunsthochschule für Medien. Und zugleich der Mittelteil einer Trilogie über Menschen, die sich entschieden haben, einen anderen Weg einzuschlagen. Wie Jakob und Manu, die zwar nicht gleich selbstlose Samariter genannt werden können, aber doch emotionale Lücken füllen im Leben anderer Menschen, welche ihnen bald sehr nahestehen.

Pitt Herrmann

Credits

Alle Credits

Dreharbeiten

    • 16.09.2008 - 21.10.2008: Köln, Knokke (Belgien)
Länge:
2461 m, 90 min
Format:
35mm, 1:1,85
Bild/Ton:
Farbe, Dolby SRD
Prüfung/Zensur:

FSK-Prüfung (DE): 09.08.2010, 123908, ab 12 Jahre / feiertagsfrei

Aufführung:

Aufführung (IT): September 2009, Venedig, IFF;
Aufführung (DE): 30.10.2009, Hof, Internationale Filmtage;
Kinostart (DE): 09.09.2010

Titel

  • Originaltitel (DE) Zarte Parasiten

Fassungen

Original

Länge:
2461 m, 90 min
Format:
35mm, 1:1,85
Bild/Ton:
Farbe, Dolby SRD
Prüfung/Zensur:

FSK-Prüfung (DE): 09.08.2010, 123908, ab 12 Jahre / feiertagsfrei

Aufführung:

Aufführung (IT): September 2009, Venedig, IFF;
Aufführung (DE): 30.10.2009, Hof, Internationale Filmtage;
Kinostart (DE): 09.09.2010