Der Hexer

Österreich Deutschland 1932 Spielfilm

Der Hexer


H. T., Lichtbild-Bühne, Nr. 171, 23.7.1932


Die Leser des Romans und die Verehrer Wallacescher Spannungstechnik wurden nicht enttäuscht. Sie sahen einen mit Spannung und Überraschung hochgeladenen Film, aufredend vom ersten bis zum letzten Bild, restlos verständlich – treu nach bewährtem Wallace-Rezept – allerdings erst in der allerletzten Einstellung.

Die Schlußauflösung ist ein Hohn auf alle vorherigen Kombinationen. Die Zuschauer befinden sich ausnahmslos auf grundfalschen Fährten und wenn sie glücklich ihren Verdacht, der sich weit in den Film hinein gleichmäßig auf die verschiedensten Personen erstreckt, auf eine Figur konzentriert haben und nun – in gewissem Sinne erleichtert – eigentlich nur noch auf deren Entdeckung und Bestrafung warten, finden sie schließlich durch die Schlußpointe auch diese scheinbar unwiderlegliche Kombination über den Haufen geworfen.

So möge sich also niemand vorzeitig das Köpfchen zerbrechen, welche von den handelnden Personen eigentlich der geheimnisvolle "Hexer" ist. Es ist am Schluß doch ein ganz anderer. Und das ist gut so! Es ist nicht nur gut, sondern es ist das Beste an diesem gelungenen Film, sein Lebensnerv und seine Rechtfertigung.

Es gehört unendlich viel Fingerspitzengefühl dazu, in einem Wallaceschen Spannungsrezept die verschiedenen Bestandteile, aus denen es sich zusammensetzt, richtig zu dosieren. Das Geheimnisvolle, das Gruselige, das Mystische und das Gespenstische sind Stimmungsmomente bei denen jede Überdosierung tödlich wirkt.

Tödlich in dem Sinne, daß die gewollte Wirkung ins Aufgetragene, allzu Unterstrichene, ja in gefährlichsten Momenten sogar in das unfreiwillig Komische umschlagen kann.


Auch der Irrweg, auf den man das Publikum locken will, darf nicht zu deutlich markiert werden.

Es gibt manche Stellen in diesem Film, in denen gegen die Meisterregeln des vollendeten Kriminalreißers leicht gesündigt wird. Sie werden aber durch das durchgehend gute Tempo und durch den auffallend schlagfertig hingestellten Schluß ausgeglichen. (...)

Unter den Darstellern begrüßen wir nach langen Jahren wieder einmal Paul Richter als Polizeiinspektor. Aus dem strahlenden Siegfried ist ein reiferer, männlich gefestigter Typ geworden, dem man seine konzentrierte Entschlossenheit gerne glaubt. Mit der sprachlichen Aufgabe findet sich Richter überraschend gut ab. Er wird in diesem Punkt noch weiter arbeiten und noch lockerer und gelöster werden. Die Manuskriptautoren hätten ihn mit einigen wirkungsvollen Handlungsszenen bedenken müssen. Sie hätten ihn aktiver und selbständiger machen sollen.

Maria Solveg löst ihre Aufgabe mit Intelligenz und bezwingender Anmut. Wer ihr großes Können ganz genießen will, muß sie allerdings als Tänzerin im Scheinwerferlicht der Bühne sehen. Nur hier entfaltet diese Künstlerin ihre eigentliche Persönlichkeit. Die Farbe und die Bewegtheit der Tanzbühne bekommt ihr besser als das Schwarz-Weiß des Films, wenn sie auch, wie schon bemerkt, ihrer schauspielerischen Aufgabe durch Anpassung und Intelligenz vollkommen gerecht wird.

Wera Engels würde man gern etwas von der Gelöstheit und Gewandtheit dieser Tänzerin wünschen. Als Gegengabe konnte sie von ihrer reichen Mitgift an optischer Außenfassade abgeben. In der Tat, diese junge Schauspielerin ist von verblüffender Bildwirkung. Ihre sprechenden Augen, ihr feingeschnittenes Gesicht und ihre überschlanke Erscheinung sind ein ästhetischer Genuß.

Fritz Rasp hat sich vor jeder Unterstreichung seines natürlichen Typs schwer zu hüten. Er ist unheimlich, soll es also nie spieltechnisch betonen. Hier ist insbesondere im modernen Kriminalfilm größte Diskretion geboten. (...)