Der Hexer

Österreich Deutschland 1932 Spielfilm

Der Hexer


j–n., Film-Kurier, Nr. 172, 23.7.1932


Edgar Wallace hats in sich. Er bringt mit seinem Hexer im Publikum das Spannungsthermometer zum Steigen, ohne daß er mit den Geschwindigkeiten rasender Geschehnisse, dem Tempo knallender Revolver behext. Gibts ein Kreuzfeuer, dann höchstens eines der Blicke und Bilder.

Wer hier den Weg allen Fleisches zur Leinwand des Todes (und des Films) geht, geht ihn, unsichtbar, quasi incognito; wie der Hexer selbst, der im Verborgenen blüht.

Man macht stets nur des Hexers Unbekanntschaft; er bleibt immer sozusagen in flagranti unerwischt.

Geschwindigkeit ist keine Hexerei? Wenn also das Gegenteil eine ist, so ist sie es in diesem Falle, die der Hexer seiner Umgebung legt und in die selbst der Rechtsanwalt Meister – Mittelpunkt der Geschehnisse – gleitet, obgleich abgefeimtes Individuum, mit allen Paragraphen des Strafgesetzbuches gewaschen. Diese Wäsche vollzieht sich in einer etwas gespenstischen Anwaltskanzlei, an deren Tür ein respektabler Balkenverschluß (wie an einer Handtasche ein Reißverschluß) funktioniert. – Die Autoren Knut Borries und Gigotte Walter haben sich nicht eben angestrengt, Dinge der Romansphäre umzuschleifen ins Filmisch-Präzise, ins Heutige, Gegenwärtige; denn was im Roman Bildstimmungsreiz sein kann, ists nicht durchaus auch im Film, wirkt im Film leicht als antiquarische Zutat.

Fritz Rasp gibt diesen Rechtsanwaltssonderling und Verteidiger dunkler Existenzen (von denen eine Karl Etlinger mit Gaunerhumor und -Verschlagenheit wirksam verlebendigt), – gibt ihm das Unheimliche eines krankhaften Intriganten, der die zarten Gemüter im Publikum zum Gruseln bringt. Man glaubts ihm, daß er seine Umgebung in seinen Bann zwingt (Hexenbann kann man sagen; denn auch ihn hat man eine zeitlang in Verdacht, der Hexer zu sein). Einer seiner so Gebannten ist der junge John Lenley, der den (Polizei-) Stein ins Rollen bringt, indem er stiehlt, ohne doch ein Dieb zu sein, der mehr im "höheren Auftrag" dieses Rasp-Rechtsanwaltes lange Finger macht, um desto kürzere Beine zu machen, als er merkt, die Polizei hat"s gemerkt! – Dieses Zwischenspiel zwischen den Fugen und Scharnieren eines vom Guten und Bösen gleicherweise getriebenen Gewissens gelingt dem viel zu wenig beschäftigten Karl Walter Meyer überzeugend.

Noch einen sieht man neu beschäftigt: Paul Richter (einst "Nibelungen"-Siegfried) als menschlichen Polizeiinspektor. Neben ihm der Hauptinspektor, den Paul Henkels (charakteristische Maske) im dunkeln Fahrwasser dieser Themse-Ereignisse gleiten und schreiten läßt. (Gute Bildreize des Kameramannes Otto Heller.)


Ein Plus für Lamac, den Regisseur, daß er die einzelnen Typen und Charaktere des personenreichen Geschehens konturiert gegeneinander absetzt.

Daß die Liebesrosen spärlich gedeihen im Dornengestrüpp dieses detektivischen Kreuz- und Querworträtsels, empfindet das Publikum angenehm und bewahrt den Film vor Seitensprüngen, die er nicht vertragen würde.

Wera Engels, Frau des Hexers, eine klar-gezeichnete Gestalt; reizvoll, abenteuerlich umwittert, trifft den Stil der verschiedenartigsten Momente und Erscheinungen, die sie auszuspielen, auszutrumpfen hat.

Die Liebe für Gegensätze, die dem trefflichen Charakterzeichner Wallace eigen ist, prägt sich aus; stellt eine zarte Gestalt, wie die Schwester des Diebes Lenley der Hinterhältigkeit des Rechtsanwaltes (Unrechtsanwaltes) gegenüber und erzielt eigenartige Wirkungen. Maria Solveg spielt sie mit tapferer Entschlossenheit.

Zum Schluß der Handlung (der dramaturgische Arbeit eine fließendere Linie hätte sichern können) geht eine Welle der Überraschung durchs Publikum. Der Hexer entpuppt sich als der, der scheinbar am wenigsten gehext hat, – Drum sei über ihn am wenigsten verraten.

Ein Teil der Darsteller, (der andere Teil ist zur Zeit nicht in Berlin) konnte den starken Applaus entgegennehmen.