Der Passagier - Welcome to Germany

BR Deutschland Schweiz Großbritannien 1987/1988 Spielfilm

Inhalt

Der jüdische Erfolgsregisseur Cornfield kehrt aus Amerika nach Deutschland zurück, wo er 1942 gemeinsam mit anderen KZ-Häftlingen als Statist in einem antisemitischen Film der Nazis mitwirken musste. Von dem Bedürfnis getrieben, sein Gewissen zu entlasten, will er nun einen Dokumentarfilm über die Umstände der Geschehnisse drehen – denn damals verschuldete er durch einen Verrat den Tod eines Freundes.

 

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Heinz17herne
Heinz17herne
Ein Mann in den besten Jahren sitzt in einer Künstlergarderobe. Nur die kalten, gekachelten Fliesen zwischen den branchenüblich illuminierten und dekorierten großen Spiegeln wollen nicht so recht zur Atmosphäre aus Chaos und Kreativität passen. Der Mann begibt sich, stets den Blick auf die ihn filmende Kamera gerichtet, zur Tür. Sie führt auf eine Straße innerhalb eines schlecht beleuchteten Industriegeländes. Gehört diese nüchterne Zweckarchitektur zum Babelsberger Studiokomplex, wo in den 1940er Jahren ein Film im Auftrag höchster Nazi-Stellen gedreht worden ist mit Juden, die man dafür eigens aus einem Konzentrationslager geholt hat unter dem Versprechen, sie nach Abschluss der Dreharbeiten in die sichere Schweiz ausreisen zu lassen?

Mit einer ausladenden Geste führt der Mann die Kamera und mit ihr das Publikum hinaus auf die Straße und einem Rolltor entgegen: Nun ist der elegante Weißhaarige mit dem leichten Akzent eines seit langem in Amerika lebenden Deutschen offenbar in die Rolle eines dieser Juden geschlüpft, der versucht, unerkannt das Studiogelände zu verlassen. Allein, im letzten Moment wird er aus der Gruppe seiner Mithäftlinge beim Namen angerufen, das Tor schließt sich und der Flüchtende wird von der SS-Wachmannschaft erschossen…

Was ist Realität, was Fiktion in Thomas Braschs letztem Kinofilm, dem einzigen deutschen Beitrag im Wettbewerb der 41. Internationalen Filmfestspiele 1988 in Cannes? Für den zunächst Jurek Becker das Szenarium („Das Ahornprojekt“) geschrieben hatte, mit dem Thomas Brasch dann aber nicht einverstanden gewesen ist: Er hat die zu Beginn der 1940er Jahre spielende Geschichte an die Jetztzeit angebunden mit einer vielfach verschachtelten Film-im-Film-Rahmenhandlung, die in ihrer Komplexität an das Theater Luigi Pirandellos erinnert und dem Zuschauer immer neue Rätsel aufgibt.

Tony Curtis ist Mister Cornfield, der weltgewandte Regisseur aus Los Angeles, der zusammen mit seinem Assistenten Donelly den Film im (West-) Berlin der ausgehenden 1980er Jahre dreht. Und dabei offenbar weder Kosten noch Mühen scheut, um ein erlesenes Ensemble einzufliegen. Zu dem etwa Leslie Malton als Freundin und George Tabori als Rabbiner gehören, Katharina Thalbach als Maskenbildnerin Sofie und Matthias Habich als Regisseur Körner. Ein Who is Who des deutschen Films steht vor der Kamera Axel Blocks, darunter ganz bewusst auch der aus dem Exil zurückgekehrte Paul Andor alias Wolfgang Zilzer als KZ-Insasse Levi.

Casting. Cornfield lässt die Schauspieler, darunter auch der ganz junge Peter Lohmeyer, der dann die Rolle eines SS-Wachmannes erhält, Judenwitze erzählen. Was George Tabori naturgemäß am besten kann. Nur der große, stets so gebrechlich aussehende Alte des Brecht-Theaters, Fritz Marquardt (als Herr Tenzer), kann sich dazu nicht hergeben: er zitiert Verse, die der deutsche Jude Heinrich Heine im Pariser Exil geschrieben hat und die heute ebenso unter die Haut gehen wie diese Casting-Szene.

Und die auf sie folgende gespenstische Selektion im Konzentrationslager: „Frau Kommandeuse“ hat antreten lassen, damit der Judenälteste (George Tabori) die dreizehn „Schauspieler“, denen die Freiheit in der neutralen Schweiz winkt, auswählt. Darunter mit Baruch und Janko zwei junge ungarische Juden, obwohl einer der beiden Freunde nur gebrochen Deutsch spricht und der andere als Schwerverbrecher gilt. Ein anderer Häftling scheint dagegen ungleich geeigneter zu sein.

Doch der ausgebildete Schauspieler (Klaus Pohl), der schon häufiger offenbar eindrucksvolle Kostproben seines Könnens vor der KZ-Kommandantin ablegen musste, wird nicht genommen – und unternimmt, in vollem Bewusstsein des tödlichen Endes, einen verzweifelten Ausbruchsversuch über eine Kohlenhalde – und damit die entscheidende Szene im zu drehenden Film vorweg. Nur einmal greift Regisseur Körner ein, als er im Kreis der KZ-Insassen den ihm und seiner Familie bekannten Bankdirektor Silbermann erkennt, welchen Charles Regnier mit der gnadenlosen, alles verdrängenden Selbstüberheblichkeit des großbürgerlichen Konservativen gibt.

Am Set spricht sich herum, dass einer der gecasteten Schauspieler tatsächlich ein KZ-Überlebender sein soll mit entsprechender „Nummer“ am Arm. Cornfield sucht ihn sogleich auf – und entlarvt ihn als Lügner. Was sogleich neue Fragen aufwirft – im Studio wie beim Zuschauer: Verfilmt Cornfield sein eigenes Leben sozusagen in therapeutischer Absicht, ist der Amerikaner in Wahrheit der deutsche Regisseur Körner, der für die Nazis diesen Film gedreht hat? Thomas Brasch findet am Ende, soviel sei verraten, eine andere „Lösung“.

Doch zuvor werden noch allerhand Volten geschlagen, auch völlig überflüssige wie das kurzzeitige Erscheinen der Gattin Cornfields (Alexandra Stewart), die wie eine US-Diva auftritt und dem Team, besonders Assistent Donelly, zu schaffen macht, oder einer tatsächlich Überlebenden namens Elisabeth, die am Ende die „wahre“ Geschichte von Baruch und Janko erzählt…

Thomas Braschs „Passagier“ ist aufgrund einer Goebbels-Notiz entstanden, nach der Veit Harlans Propagandastreifen „Jud Süß“ unter der Mitarbeit jüdischer Häftlinge gedreht wurde. Braschs Drehbuch lehnt sich bisweilen arg an die Entstehungsgeschichte des perfid-propagandistischen Theresienstadt-Streifens „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“ an. „Der Passagier“ ist bereits am 5. Mai 1988 in den Kinos gestartet und wohl auch deshalb nach der Vorführung am 17. Mai 1988 in Cannes leer ausgegangen. Brasch gelang es nicht nur, Tony Curtis für die Hauptrolle zu verpflichten, der US-amerikanischen Weltstar spricht auch den deutschen Text selbst ein. Zudem hat in dem bis in kleinste Nebenrollen vorzüglich besetzten Ensemble George Tabori seinen ersten Leinwand-Auftritt.

Pitt Herrmann

Credits

Alle Credits

Regie-Assistenz

Drehbuch

Drehbuch-Mitarbeit

Kamera

Ausstattung

Ton

Darsteller

Produktionsleitung

Dreharbeiten

    • 31.08.1987 - 06.10.1987: Studio Havelchaussee (Berlin)
Länge:
2808 m, 103 min
Format:
35mm, 1:2,35
Bild/Ton:
Fujicolor, Ton
Prüfung/Zensur:

FSK-Prüfung (DE): 21.04.1988, 59714, ab 12 Jahre / feiertagsfrei

Aufführung:

TV-Erstsendung (DE): 05.03.1990, ZDF

Titel

  • Originaltitel (DE) Der Passagier - Welcome to Germany

Fassungen

Original

Länge:
2808 m, 103 min
Format:
35mm, 1:2,35
Bild/Ton:
Fujicolor, Ton
Prüfung/Zensur:

FSK-Prüfung (DE): 21.04.1988, 59714, ab 12 Jahre / feiertagsfrei

Aufführung:

TV-Erstsendung (DE): 05.03.1990, ZDF

Auszeichnungen

FBW 1988
  • Prädikat: wertvoll