"Ernst Kunstmann half bei Trick und Zauberei"

Interview mit Vera Futterlieb über die Arbeit des Trickspezialisten Ernst Kunstmann (März 2011)

 

Ernst Kunstmann war der Trickspezialist der DEFA. In Filmen wie "Die Geschichte vom kleinen Muck", "Das kalte Herz" und "Das Feuerzeug" realisierte er die Spezialeffekte. Er galt als Geheimniskrämer, der seine Tricks ungern verriet. Vera Futterlieb (geb. Kunstmann) hat die Vergangenheit ihres Vaters akribisch aufgearbeitet. Sie selbst sollte seine Nachfolgerin werden und hat elf Jahre mit ihm zusammen in der Trickabteilung der DEFA gearbeitet. Sie ist heute 81 Jahre alt und lebt mit ihrem Mann in Wilhelmshorst bei Potsdam.

Frau Futterlieb, wie ist ihr Vater Ernst Kunstmann zum Beruf des Trickkameramanns gekommen?

Ernst hat schon immer gern gebastelt, er war eines von zehn Kindern. Damals hat er seinem Vater immer das Essen oder auch mal einen Korb Pilze zu dessen Arbeitsstelle gebracht. Dazu musste er über das Filmgelände in Babelsberg laufen. Durch eine Lücke im Zaun ist er immer hinein. Irgendwann hat ihn dann der Pförtner gefragt, was er denn hier mache und ob er nicht einen Job brauche. Das brachte ihn zum Direktor. "Ich mache alles", hat mein Vater gesagt und schob von da an Schubkarren übers Gelände. Irgendwann fiel Ernst dann dem Personalchef auf und da er durch seine vorherige Ausbildung zum Dreher Pläne und Grundrisse lesen konnte, kam er zum Bühnenbild. Dort lernte er den Kameramann Eugen Schüfftan kennen. Mein Vater schaute ihm über die Schulter und gab ihm sogar ab und zu Tipps. Schüfftan machte ihn daraufhin zum Assistenten und brachte ihm alles bei, was er konnte. Ernst war immer fleißig und wissbegierig gewesen. Schließlich entwickelte er mit ihm zusammen das berühmte Schüfftan'sche Spiegeltrick-Verfahren. 1925 fuhren die beiden sogar für anderthalb Jahre nach Amerika, um es den Kameramännern dort zu lehren. Die Familie meines Vaters war ja nicht sehr reich, und als dann das Auto vorgefahren kam und es hieß "Kunstmanns Ernst, der geht nach Amerika", na da war vielleicht was los.

Wie funktioniert denn das Schüfftan'sche Spiegeltrick-Verfahren?

Die Idee kam Eugen Schüfftan wohl während einer Fahrt in der Berliner S-Bahn. Es war dunkel draußen und wenn er aus dem Fenster schaute, sah er nicht viel von Berlin, aber er konnte die Menschen gegenüber von ihm beobachten. Das gleiche Prinzip gibt es auch beim Blick in ein Schaufenster, man sieht dort ja sowohl die Auslagen, als auch sich selbst. Und ebenso funktioniert der Spiegeltrick. Man benutzt ihn, um zwei Personen oder Objekte von verschiedenen Teilen des Raumes in ein Bild zusammenzubringen. So kann man zum Beispiel mit Größen spielen. Dafür benötigt man einen oberflächenversilberten Spiegel mit einer vollkommen ebenen Oberfläche und gleichmäßigem Reflektionsvermögen. Dieser wird in den Unschärfebereich des Kameraobjektivs aufgestellt, damit der Übergang unscharf und damit die Illusion der miteinander verschmelzenden Objekte perfekt erscheint. Der Spiegel bedeckt,  was normalerweise vor der Kamera zu sehen wäre, stattdessen sieht man die Objekte, die 45 Grad neben der Kamera stehen. Kratzt man dann aber einen Teil des Spiegelbelags ab, sieht man zum einen Teil das vor und teilweise das neben der Kamera platzierte. Zwei oder mehr Objekte verschmelzen so zu einem Bild. Größen und Entfernungen müssen natürlich richtig aufeinander abgestimmt sein und das eingespiegelte Objekt muss gegenüber dem Realen spiegelverkehrt beleuchtet werden. Auch die Kulisse muss ein zweites Mal spiegelverkehrt gebaut werden, wenn kein Umkehrspiegel zum Einsatz kommt. Die Schauspieler, die miteinander agieren sollen, stehen dann in verschiedenen Teilen des Raumes. Das war für viele schwierig, sie mussten jeweils einen bestimmten Punkt visieren.

Wo kam der Spiegeltrick zum Beispiel zum Einsatz?

Das Verfahren wurde sehr häufig angewendet. Sehr bekannte Beispiele sind beim Film "Das Feuerzeug" zu finden. Dort bewachen drei riesengroße Hunde den Schatz gegenüber dem normal großen Soldaten. Oder in einer anderen Szene sitzt der eine große Hund neben dem Bett der Prinzessin. Das alles wurde eingespiegelt und deswegen erscheinen die Proportionen so unterschiedlich. Auch das kleine Glasmännlein wirkt winzig klein neben dem Holländer-Michel im Film "Das kalte Herz". Mein Vater sagte immer: „Die Zeit mit Schüfftan war die schönste im Spiegeltrick.“ Später kümmerte sich Ernst ganz allein um die Verbreitung des Verfahrens. Schüfftan war sogar mein Pate, also die beiden haben sich schon sehr gut verstanden.

1935 ging Ernst Kunstmann zu Tobis nach Berlin, um dort die Trickabteilung aufzubauen. Die Bombenangriffe auf Berlin während des Zweiten Weltkriegs zerstörten auch seinen Arbeitsplatz. Wie ging es dann nach dem Krieg  für Ihren Vater weiter?

Nach 1945 arbeitete Ernst an Titeltrickarbeiten für sowjetische Filme im Althoffatelier. Albert Wilkening holte ihn dann zurück, 1947 wurde er fester Mitarbeiter bei der DEFA und war ab 1950 auch wieder in Babelsberg tätig. Das Trickatelier Kunstmann gehörte zum DEFA-Betrieb Spielfilm. Es befand sich zwischen der Mittelhalle und dem Tonkreuz.

Was waren seine besten Tricks?

Ich erinnere mich daran, dass man für eine Szene damals einen Dompteur im Käfig eines Löwen drehen wollte. Nun war der Löwe aber alles andere als zahm und der Schauspieler weigerte sich den Käfig auch nur zu betreten. Da haben sie dann wieder Kunstmann geholt und es hieß: "Na dann mach das mal". Mein Vater hatte eine gute Idee. Er ließ einige Stäbe des Käfigs verdicken und direkt hinter diese ein Gitter ziehen. Das hat von vorne keiner gesehen und der Schauspieler war in Sicherheit. Das ist Trick, da muss man erfinderisch sein. Noch vor DEFA-Zeiten drehte mein Vater mit beim ersten "Titanic"-Film von 1943. Das Modell des Schiffes maß zwölf Meter und lag auf dem Scharmützelsee bei Berlin. Für den Dreh des Untergangs hatten sie nur einen Versuch, denn wenn das Schiff erst einmal die Gleitvorrichtung runter war, dann war das Modell ruiniert. Mein Vater konnte schon mehrere Nächte vorher nicht schlafen.
Generell haben ihm aber die Märchenfilme der DEFA am meisten Freude bereitet. Da konnte er sich so richtig ausleben.

Sie haben ab 1951 auch elf Jahre im Trickatelier Kunstmann gearbeitet. Wie sind Sie zur Zusammenarbeit mit ihm gekommen?

Ich wollte zuerst gar nicht ins Atelier, ich interessierte mich mehr für den Schnitt, aber da war kein Platz frei. Es wurde Nachwuchs im Trick gesucht und schon als Kind interessierte mich, was mein Vater da so machte. Wenn meine Mutter wieder zu mir sagte: "Der kommt ja gar nicht nach Hause, ihm ist bestimmt was passiert, geh mal nachschauen", dann kam ich auch nicht wieder, weil ich ihm im Atelier half. Die Trickabteilung der DEFA bestand fortan aus meinem Vater, mir, einem Bühnenarbeiter und einem Kameraassistenten. An meinen ersten selbstständigen Tricks arbeitete ich beim Film "Das Feuerzeug". Das war meiner Meinung nach der schönste Film der DEFA, auch mit den besten Tricks. Im Team waren alle alten Filmhasen und ich war Mitte 20. Ich realisierte den Spiegeltrick des Hundes, der riesengroß neben dem Bett der Prinzessin sitzen sollte. Die Arbeit mit dem Tier gestaltete sich als sehr schwierig, auch wenn alle vorher sagten: "Ach, der Hund, der kann alles". Ich musste ihn im Verhältnis von 1:33,33 einspiegeln, aber er hat einfach immer über die Kulisse geschaut.

Was macht den Beruf eines Trickspezialisten aus?

Vom Regisseur bekamen wir das Manuskript zum Film und dann hieß es Knobeln. Wie kann man den Trick mit wenigen Mitteln und möglichst billig lösen? Dazu musste man sich natürlich auch mit den Architekten, dem Regisseur und dem Kameramann absprechen, das war alles Teamarbeit. Wenn man sich gut mit dem Regisseur verstand, dann konnte man ihn manchmal davon überzeugen, dass seine Ideen schwer realisierbar sind. Wenn nicht, tja, dann musste man das irgendwie hinbekommen. In dem Beruf musste man erfinderisch sein, viel basteln und hämmern. Mein Vater hat oft Tag und Nacht getüftelt, wie er den Trick nun realisiert. Es gibt ja so viele Methoden, aber keine Apparatur für jeden Trick, also entschied man von Fall zu Fall neu. Es war auf jeden Fall eine sehr mühevolle Arbeit und nicht immer gut angesehen. Viele sagten: "Die Trickabteilung, die schwindelt uns doch nur an."
Aber es ist schon ein sehr interessanter Beruf gewesen. Mein Vater sagte immer: "Du musst mit den Ohren lauschen und mit den Augen stehlen". Besonders in der Natur gilt es, wachsam zu sein, sie zu beobachten, sie nachzuahmen und von ihr zu lernen.

Was waren Ihre spannendsten Projekte?

Da gab es zum Beispiel den Puppentrick, wo wir das Modell eines ausgestopften Vogels zum Zwitschern bringen sollten. Das geschah dann per Einzelbildaufnahme. Für eine Sekunde Film bedeutete das 24 verschiedene Bilder. Nach all dem Umstellen waren da am Ende die Knie durchgescheuert und die Arme spürte ich auch nicht mehr. Aber es hat sich gelohnt. Ich habe auch viele Traumvisionen gemacht, das war eine wunderschöne Arbeit. Der Umgang mit Tieren war dagegen immer schwierig. Das Pferd aus dem Film "Das singende, klingende Bäumchen" sollte zu Stein werden. Dazu musste das Zirkustier mehrere Sekunden auf den Hinterbeinen stehen, aber welches Pferd kann das schon? Das musste ja immer hin und her balancieren. Es ist irgendwann verrückt geworden und ausgebrochen. Spannend war auch die Umsetzung des Raketenstarts beim Film "Der schweigende Stern". In ganz Babelsberg gab es zu der Zeit keine Leimfarbe mehr, die haben wir aufgekauft. Beim Start standen wir dann mit Feuerlöschern neben dem Modell und waren danach voller Schaum. Bei der Vorführung der Tricks vor dem Regisseur habe ich immer auf der vordersten Kante des Stuhles gesessen, weil ich so aufgeregt war, ob alles funktionieren würde und wie es ankommt. Es war eine spannende Zeit, mit einem lachenden und einem weinenden Auge bin ich schließlich  gegangen.

Wie sehen Sie die aktuellen Entwicklungen im Bereich der Spezialeffekte?

Der Beruf, wie es ihn einmal gab, ist tot. Dadurch, dass jetzt alles am Computer gemacht wird, hat das ja nichts mehr mit dem Basteln und Hämmern aus unserer Zeit zu tun. Aber dafür ist jetzt viel mehr möglich, auch finanziell. Vorspanne können die aber bis heute nicht. Wenn ich Titel gedreht habe, dann habe ich mit der Stoppuhr gemessen wie lange die Wörter stehen bleiben müssen und es dann in Filmbandlänge umgerechnet. Die Vorspanne heute kann ja kein Mensch mehr lesen, das geht alles immer viel zu schnell.