Material "Da passiert doch was mit unseren Gefühlen"

Dolly Haas über ihre Emigration und das Exil

Auszug aus: "Da passiert doch was mit unseren Gefühlen", Dolly Haas im Gespräch mit Gero Gandert, in: Helga Belach (Red.): Dolly Haas ( Stiftung deutsche Kinemathek: Exil: Sechs Schauspieler aus Deutschland), Berlin 1983

Hatten Sie, als die Nazis, wie sie das selber nannten, "die Macht ergriffen", schon so etwas wie ein politisches Bewußtsein?

Nein, ich ging vollkommen in meinen Rollen auf, lebte ganz für mich mit Mutter und Schwester.

Die Premiere Ihres Films "Das häßliche Mädchen" war also der große Schock für Sie, der antisemitische Krawall und die faulen Eier gegen Max Hansen...

Den ersten Schock erlebte ich, als Paul Nikolaus, ein Conferencier am Kabarett der Komiker, Selbstmord beging. Und dann die Premiere am 8. September. Den Max Hansen habe ich verehrt, das trifft einen doch persönlich, wenn ein Kollege beschimpft wird. Genau wie die Bergner und Helene Thimig und die unvergeßliche Grete Mosheim, die ich liebe und liebte als junges Mädchen — wenn solche Menschen weggehen, da passiert doch etwas mit unseren Gefühlen. Als diese Eier da landeten, ich glaube auch eine Tomate, da habe ich gewußt, daß mit meinem Gefühl zum geliebten Publikum etwas passiert ist, und das hat mir wirklich meine persönliche Ambition geraubt. Glauben Sie mir das? Denn um Schauspieler zu sein, müssen Sie ein großer Egoist sein, und da müssen Sie einfach eine Mission haben und müssen Menschen vor sich haben, die Sie tief beeindrucken wollen. Erst in England habe ich wieder einen Film gedreht, den ich respektiere: Das war "Broken Blossoms". In meiner Rolle, da waren all die Tausende von Kindern, die man mißhandelt hat.

Auch Hans Brahm, damals Ihr Mentor, galt als "nichtarisch ".

Er war mein Freund, mein Lehrer, mein Regisseur. Wir haben erst Jahre später, in Hollywood, geheiratet. Als man ihn 1934 in Deutschland über seinen Stammbaum befragte, hat er geantwortet, ich bin jüdisch auf beiden Seiten. Schade, hat man gesagt, so ein guter Regisseur. Er war der Neffe des großen Otto Brahm, der Max Reinhardt entdeckte. Hans Brahm mit seinen hellblauen Augen — er sah so deutsch aus, es wäre niemandem eingefallen, daß er jüdisch sein könnte. Er durfte sogar 1934 noch inszenieren. Wir spielten in Hamburg "Scampolo", auf der Bühne. Als wir eines Abends ins Hotel zurückfuhren, Brahm und ich, schießt ein Wagen aus einer Seitenstraße und schneidet uns. Brahm tippt mit dem Zeigefinger an die Stirn. Er sieht nicht, daß die beiden Leute im Wagen SS-Uniformen tragen.

Und jetzt beginnt eine hübsche, kleine Jagd. Die beiden fahren hinter uns her, bis wir in einer Sackgasse anhalten müssen. Brahm steigt aus und geht auf die SS-Männer zu. Ich sehe, wie er vor Nervosität seinen Hut in der Hand hinundherdreht. Da bin ich herausgesprungen, ich sah sehr gut aus, in einem langen, eleganten Kleid. Was erlauben Sie sich, uns aufzuhalten, wir sind in großer Eile. "Und wer sind Sie, fragt einer der Männer verblüfft, Ihr Name?" Ich stand gerade in allen Zeitungen mit einem großen Erfolg. Ich bin Dolly Haas. Da ist Stille. In meiner Angst habe ich einen ganz beherrschenden Ton. Ich habe hier ein Gastspiel gegeben und bin müde und nervös. Das ist mein Sekretär, den müssen Sie anständig behandeln. Sie haben eine sehr schlechte Kurve gemacht, daß mir das nicht wieder vorkommt. — Die SS-Männer waren plötzlich wie kleine Jungens und verschwanden.

Ich erinnere mich noch an eine andere Geschichte. 1935 spielte ich im Deutschen Theater in Molieres "Georges Dandin" mit Heinz Rühmann. Als ich nach der Vorstellung nach Hause fahren will, steht da die Enkelin meiner geliebten Vize-Mama und winkt mir zu. Bei ihrer Großmutter, der Frau eines Justizrats, hatte ich gewohnt, als ich achtzehn war, und als ich meinen ersten Film machte, wohnte ich immer noch bei ihr. Ich öffne die Wagentür und lasse das Mädchen einsteigen. Es war ein jüdisches Mädchen und sah auch sehr jüdisch aus. Mit mir im Wagen saß ein Freund des Hauses. Der sagt zu mir, warum tust du das, du bist wohl verrückt geworden? Der Mann hatte offenbar eine Gehirnwäsche bekommen — einfach erschütternd.

Ich hatte nur noch wenig Spaß in Deutschland, weil ich zu sehr mit meinen jüdischen Kollegen fühlte.

Von British International Pictures kam das erlösende Telegramm. Eine Hosenrolle in "Girls Will Be Boys". Der Produzent war ein kleiner, deutschfreundlicher, von den Nazis begeisterter Mann namens Mycroft. Nach dem Krieg gingen Gerüchte um, daß er in irgendeine schlimme Nazisache verwickelt war. Jedenfalls wurde im Studio eine deutlich antisemitische Bemerkung gemacht, so laut, daß ich sie hören mußte. Wohl um zu testen, wie ich eingestellt bin, wie ich reagieren würde. Ich habe sehr scharf reagiert.

Als ich nach England gerufen wurde, ging ich in die Heimat meines Vaters, zunächst mit einem deutschen Paß. Später bin ich von England aus nach Amerika engagiert worden. Ich habe die Nazizeit mehr gefühlsmäßig erlebt, weil ich niemals direkt betroffen war.

Sie hätten also in Deutschland bleiben oder nach Deutschland zurückkehren können – das Propagandaministerium hätte Sie weiter filmen oder Theater spielen lassen?

Ich glaube schon. Man hat mir nie etwas angetan, man hat nie gesagt, Sie müssen jetzt raus. So ist das nicht gewesen bei mir. Und darum fühle ich mich auch ganz besonders geehrt, wenn ich jetzt wieder nach Berlin kommen soll, und denke, daß ich"s nicht verdiene, weil ich nicht Jüdin bin, verstehen Sie? Als ich 1934 nach "Girls Will Be Boys" nach Berlin zurückkam und zu Hause klingelte, lehnte sich meine Schwester aus dem Fenster. Komm nicht rauf, ich komme runter. Wir müssen sofort zur Gestapo, wir sollen uns dort melden. Wir wohnten damals in einem dreistöckigen Haus in der Westendallee. Unten im Parterre wohnte der Bauernminister Darrée.

In der Prinz-Albrecht-Straße war man sehr höflich. Wer denn dieser Hans Brahm sei, das sei doch ein Jude. Alle Briefe, die ich meiner Mutter aus England geschrieben hatte, hatte man untersucht. Man hat auch gefragt, warum ich in eine jüdische Schule gegangen sei und eine Bescheinigung über meinen englischen Großvater verlangt. Als ich bei meinem nächsten Aufenthalt in London im Somerset House den Taufschein meines Großvaters abholen mußte, den Christenbeweis, den Arierbeweis, habe ich gedacht, das ist doch Wahnsinn, was hat mein Großvater mit mir zu tun. Ich brauche also diesen Arierschein, weil ich nichts wert wäre, wäre er Jude gewesen. Ich habe mich plötzlich wie ein Tier gefühlt.