Inhalt
Munir reist auf eine entlegene Insel, um eine extreme Entscheidung zu durchdenken. Dabei kehren seine Gedanken immer wieder zu einer rätselhaften Parabel zurück, die ihm seine Mutter mit auf den Weg gegeben hat. In der Stille seines einsamen Insel-Rückzugs begegnet er der geheimnisvollen Valeska und ihrem vorlauten, aber ihr eng verbundenen Sohn Karl. Obwohl sie nur wenige Worte miteinander wechseln, gelingt es mit kleinen Akten der Freundlichkeit, das gegenseitige Misstrauen zu überwinden. Munirs schwere Last wird allmählich leichter und sein Lebenswille erwacht wieder.
Quelle: 75. Internationale Filmfestspiele Berlin (Katalog)
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So macht er sich mit dem Zug in die Einsamkeit der windumtosten Halligen auf, über Hooge nach Langeneß. Und landet, ohne Reservierung, im Gasthaus Johannsen bei der menschenfreundlichen Wirtin Valeska. Die hat zwar kein Zimmer frei, aber Platz im seit geraumer Zeit verwaisten, etwa zwei Kilometer entfernten Gästehaus. Die Bruchbude, die er mit dem Fahrrad ihres darüber nicht amüsierten Sohnes Karl ansteuert, ist alles andere als eine Luxusherberge, bietet dem Gast aus der Großstadt aber beste kontemplative Aussicht auf eine der hier allgegenwärtigen Schafherden.
Die Munir an eine etwas kryptische Geschichte seiner Mutter erinnert. Sie handelt vom kargen Alltag des auch körperlich vom Leben gezeichneten Schäfers Yusuf, dessen linkes Auge völlig zugeschwollen ist, und seiner traurigen, ihn trotz allem liebenden Schönheit von Gattin Kamilya. Im Gepäck versteckt hat Munir eine Pistole, was den Verdacht nahelegt, dass er sich hier im hohen Norden das Leben nehmen will. Doch seine Melancholie verbindet sich mit der rauen Landschaft, den am Horizont jagenden Vogelschwärmen, den stoisch grasenden Rindern und Schafen und nicht zuletzt den trostlos überwucherten Bahngleisen, die seine eigene Situation widerspiegeln: Munir kann offenbar aus politischen Gründen nicht in sein Heimatland zurückkehren.
Als im Radio eine Sturmwarnung für das nordfriesische Wattenmeer durchgegeben wird, trifft sich ganz Lageneß im Wirtshaus. „Land unter“ gilt bald auch fürs Gästehaus, sodass Munir zu Valeska umziehen muss. Dabei geht das Fahrrad verloren, das Karl von seinem vor vier Jahren verstorbenen Vater geschenkt bekommen hatte. Die Menschen rücken wie das von den Weiden geholte Vieh eng zusammen, selbst das Großmaul Torsten (Klaus Peeck) wird ganz kleinlaut.
Nur Valeska hat die Ruhe weg – und immer eine Tasse Tee bereit. Munir, der sich in der Nordseeluft endlich wieder selbst gespürt hat ganz ohne Atmungsprobleme, erinnert ihre Gelassenheit an seine Mutter, zumal die weltoffene Wirtin zum Tanz mit ihm den CD-Player mit arabischer Musik bestückt. Ronald Plante bringt die exorbitanten Naturgewalten, die sogar einen Wal stranden lassen, in langen Kameraeinstellungen auf die große Kinoleinwand. Auch wenn das Ende offen bleibt, darf davon ausgegangen werden, dass Munirs Waffe nicht mehr zum Einsatz kommt.
Der Titel „Yunan“ bezieht sich wie der ganze parabelhafte, sehr lange Film auf die sowohl im Judentum (als Prophetenlesung an Jom Kippur) und im Christentum (als Symbol für die Auferstehung im Neuen Testament) als auch im Islam (die 10. Sure trägt den Namen Jonas, die 37. Sure „as-Suffat“ handelt von Yunu bzw. Junas) inhaltlich fast gleichlautende Geschichte des Propheten Jona, der sich einem göttlichen Auftrag widersetzt und nach einem gewaltigen Sturm im Bauch eines Wals landet, welcher ihn nach drei Tagen der inneren Einkehr wieder ausspuckt, nachdem der geläuterte Jona zu Gott gebetet hat.
Geboren in Kiew als Sohn syrischer Eltern aus den besetzten Golanhöhen, ist Ameer Fakher Eldin ein in Hamburg lebender Autor und Regisseur, dessen Spielfilmdebüt „The Stranger“ bei den 78. Internationalen Filmfestspielen von Venedig mit dem Edipo Re Award ausgezeichnet wurde. Sein zweiter Film „Yunan“, im Wettbewerb der 75. Berlinale uraufgeführt, wurde auf dem Filmfestival im ägyptischen El Gouna 2025 mit dem Arab Critics Award in der Kategorie „Europäische Filme“ ausgezeichnet. Seine Familie stammt von den von Israel besetzten Golanhöhen: „Dort sind Vertreibung und Widerstand nicht bloß Teil der Geschichte, sondern durchziehen den ganzen Alltag“, so der Regisseur im Immergutefilme-Presseheft: „Diese Erfahrung prägt meine Geschichten nicht als etwas abstraktes, sondern als gelebte Wirklichkeit. Themen wie Exil, Verlust und Identität beschäftigen mich nicht nur intellektuell, sondern persönlich, getragen durch Generationen. Sie fließen ganz natürlich in meine Arbeit ein, denn sie sind tief verwurzelt in dem, was ich bin.“
Pitt Herrmann