Über die Grenzen

DDR 1989/1990 Spielfilm

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Heinz17herne
Heinz17herne
Die erste Einstellung zeigt vermeintlich schneebedeckte Berge, aber dann schwenkt die Kamera auf eine staubig-graue Industriekulisse und der weiße Zuckerguss entpuppt sich als Kalk. Der Dokumentarfilmer Paul Krewer steht mit seinem flippigen Kameramann Jean-Claude Schultz, den er aus dem Urlaub loseisen musste, auf regennasser Straße. Er will mit „Ritters letztes Rennen“ einen Film über seinen langjährigen Freund, den Radrennfahrer Thomas Ritter, machen, der zum Ende seiner Karriere, die, wie wir aus dem Off erfahren, auch zwei Weltmeister-Titel umfasst, erstmals die Int. Friedensfahrt gewinnen, die von Warschau durch die DDR nach Prag führt.

Mit Micki Miller hat Krewer einen alten Haudegen des Radsports als Fahrer des Kamerawagens, der lange Jahre für die Wochenschau gearbeitet hat. Er muss höllisch aufpassen, weder mit den Sportlern noch mit den zahllosen Begleitfahrzeugen zu kollidieren, speziell auf engen Ortsstraßen und bei halsbrecherisch-rasanten Bergabfahrten. Nach dem Prolog startet Ritter im Gelben Trikot des Spitzenreiters, stürzt aber bereits auf der ersten Etappe und muss das Feld von hinten aufrollen – mit mehr als sechs Minuten Rückstand.

„Aus der Traum“ konstatiert Paul Krewer, der mit Steve Baxter ein neues Objekt für Jean-Claude entdeckt: Weit abgeschlagen wollte der Engländer schon aufgeben und den „Besenwagen“ besteigen, als er die Kamera bemerkte und es sich noch einmal anders überlegte. Sein Ziel ist, Prag zu erreichen – wann auch immer. Und Thomas Ritter? Baxter ist der festen Überzeugung, dass der DDR-Star zurückkommt: „Vertrau‘ einem Fahrer.“

Matthias Falck, der ewige Zweite, ist nun vorn. Der erfahrene „Sportwelt“-Reporter Hammer (Wolfram Winkler) traut ihm als „Mann der Stunde“ zu, die gewohnte, „Wasserträger“ genannte Unterstützer-Rolle für Thomas Ritter endlich abzulegen. Der Teamleiter ergänzt, dass Ritter immer das Glückskind gewesen ist, während der elternlose Falck das Sportinternat gewählt hat, um nicht im Heim zu landen.

Auf der Etappe trifft Krewer nicht nur eine Reporter-Legende, Emilie Louvel vom französischen KP-Organ „L'Humanité“ und die tschechische Fotografin Dana, sondern mit der attraktiven Malgorzata eine alte Bekannte aus Warschau wieder, die sich bitter bei ihm beklagt, dass er acht Jahre nichts von sich hat hören lassen. „Es ist nicht so leicht, über die Grenze zu kommen“ gibt Paul zur Antwort, zumal sich das sozialistische Bruderland Polen stark dem Westen geöffnet hat. Im Kino läuft gerade eine Komödie mit Gérard Depardieu und Pierre Richard.

Steinthal, der Heimatort Ritters, empfängt das Peloton mit Blasmusik: Steve Baxter liegt lange Zeit überraschend vorn, wird dann aber doch eingefangen. Im Apollo-Kino von Jutta Sonntag (Waltraut Kramm) schaut sich Krewer mit Team und einigen Fahrern das bisher Gedrehte an. Die Frage: „Paul, wie willste denn das alles zusammenbringen?“, beantwortet der Regisseur nonchalant mit: „Es wird eben ein sehr persönlicher Film.“ Dem am Schluss das Material ausgeht, sodass Baxters Ankunft in Prag nicht mehr auf Zelluloid gebannt werden kann. Dafür aber der Gesamtsieg Thomas Ritters, der Matthias Falck nach einem Kettenschaden sein Rad zur Verfügung stellen wollte, was dieser jedoch vehement ablehnte. So beschließt Ritter, im kommenden Jahr doch noch einmal zu starten, vermutet er doch, dass die Panne seines „Wasserträgers“ nur vorgetäuscht war…

Das Spielfilmdebüt des Defa-Dokumentaristen Rainer Ackermann, an dem zahlreiche DDR-Radsportler wie Lutz Haueisen und Robby Gerlach mitwirkten, ist am 7. Mai 1990 im „Rio“ in Berlin-Pankow uraufgeführt worden anlässlich der 43. Int. Friedensfahrt, deren Prolog am Tag darauf in der Berliner Karl-Marx-Allee stattfand. Es gilt als der letzte große Defa-Film mit einem Budget von über vier Millionen DDR-Mark. Ihm ging Rainer Ackermanns halbstündige Kurz-Doku „Friedensfahrer“ über die 36. Int. Friedensfahrt voraus, die am 27. Januar 1984 in die Kinos kam. Schon damals stand mit Hugh Ashworth ein britischer Fahrer im Mittelpunkt, der sich über seinen 81. Platz nicht minder freute wie der DDR-Fahrer Falk Boden über den Gesamtsieg. „Über die Grenzen“ verschränkt Dokumentation und Spielhandlung miteinander und offenbart mit den Dreharbeiten zum Film im Film auch die Schwierigkeiten der Berichterstattung über eine so dynamische Sportart in der Vor-Drohnen-Zeit.

Michael Grisko, Literatur- und Medienwissenschaftler, Honorarprofessor an der Universität Erfurt, als Kurator der Reihe „Selbstauskünfte“ im Zeughauskino Berlin: „Nicht nur die Grenzen zwischen Film und dem im Film entstehenden Portrait verschwimmen. Während der Etappen des Radrennens verändert sich auch der erzählerische Fokus, denn die Dynamik der Realität stellt das Regieteam vor immer neue Herausforderungen. Was soll im Mittelpunkt stehen: der Sport oder die Dreharbeit, die portraitierte Person, die persönlichen Beziehungen der Menschen oder die Qualität der Bilder? Und: Welche Geschichten bleiben unerzählt?“

Pitt Herrmann

Credits

Alle Credits

Länge:
2895 m, 106 min
Format:
35mm, 1:1,66
Bild/Ton:
Orwocolor, Ton
Aufführung:

Uraufführung (DD): 04.05.1990, Berlin, Rio

Titel

  • Originaltitel (DD) Über die Grenzen

Fassungen

Original

Länge:
2895 m, 106 min
Format:
35mm, 1:1,66
Bild/Ton:
Orwocolor, Ton
Aufführung:

Uraufführung (DD): 04.05.1990, Berlin, Rio