Trotz alledem!

DDR 1971/1972 Spielfilm

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Heinz17herne
Heinz17herne
Das ursprünglich Anfang der 1960er Jahre noch von Slatan Dudow und Willi Bredel geplante mehrteilige Projekt eines großen Liebknecht-Epos hatte sich nach dem Unfalltod des Regisseurs zerschlagen. Günter Reisch konnte mit „Solange Leben in mir ist“ im September 1965 nur den ersten Teil in die Kinos bringen. Es dauerte sieben Jahre, bis der zweite und dann letzte Film, „Trotz alledem!“ Premiere feiern konnte – und exakt ein Jahr später am 13. Januar 1973 im Fernsehen der DDR erstausgestrahlt wurde.

Im ersten Teil stand noch die Parallelhandlung der Arbeiterfamilie Schreiner beinahe gleichgewichtig den anderen beiden Schwerpunkten des, so Reisch, in „episch-dramatischer Mischform“ gedrehten biographischen Films, gegenüber: der Schilderung des Menschen und, was die Tochter Vera betrifft, eher schlechten Familienvaters Karl Liebknecht sowie der Partei- und Zeitgeschichte um den Spartakus- und KPD-Gründer. Im zweiten, erneut im Totalvision-Breitwandformat, nun aber in Farbe gedreht, verschiebt sich der Mittelpunkt auf die innerparteiliche Auseinandersetzung der Sozialdemokratie zwischen dem Ebert/Noske- und dem Liebknecht-Flügel, die zur Gründung des Spartakus-Bundes, zur Abspaltung der USPD führt und schließlich in die Neugründung der leninistischen Kommunistischen Partei Deutschlands mündet.

Im fünften Jahr des Ersten Weltkriegs, am 23. Oktober 1918, wird Karl Liebknecht aus dem Zuchthaus von Luckau entlassen und von seiner Gattin Sophie abgeholt. Als der Zug in Berlin ankommt, bereitet ihm die Industriearbeiterschaft einen triumphalen Empfang. Sie hat nicht vergessen, dass allein Liebknecht gegen den Krieg votierte, der in allen Familien tiefe Spuren hinterlassen hat. Der Hurra-Patriotismus ist längst tiefer Resignation gewichen, gerade weil das Kaiserreich seine letzten Kriegsreserven mobilisiert.

Nun muss auch Vater Paul Schreiner, der seinen Ältesten Hans im Gaskrieg auf Flandrischem Boden verlor, an die Front. Der Sozialdemokrat, der einst Liebknecht des Vaterlandsverrats bezichtigt hatte, weil dieser als einziger SPD-Reichstagsabgeordneter nicht in die allgemeine Kriegsbegeisterung einstimmte, hat zugleich mit seinem zweiten Sohn Kulle den Stellungsbefehl erhalten. Der hat sich jedoch dem Spartakus-Bund angeschlossen und geht in den Untergrund, inzwischen nicht mehr nur klammheimlich unterstützt von seiner Schwägerin Käthe und seiner Mutter Milda.

Auch bei den Liebknechts hat sich die Familie vermehrt, um einen kleinen Sohn. Währenddessen ist Tochter Vera zu einer jungen Frau herangereift, die nach wie vor unter der gesellschaftlichen Stigmatisierung ihres Vaters leidet, etwa durch bornierte Lehrer in der Schule. Aber auch ganz privat unter dem enormen Arbeitspensum, dass sich Karl Liebknecht nach der Haftentlassung sogleich wieder aufbürdet: Für die Familie bleibt ihm keine Zeit. Zumal nun auch Rosa Luxemburg aus dem Gefängnis entlassen wird.

Um den Spartakus-Bund zu festigen und die Kampfeslust der zunehmend ausgepowerten, desillusionierten Arbeiter zu wecken, wird mit der „Roten Fahne“ eine eigene Tageszeitung gegründet. Nach dem Vorbild der russischen Oktoberrevolution sollen Arbeiter- und Soldatenräte gebildet werden mit dem Ziel, die bestehende Ebert-Regierung zu stürzen, die kaisertreuen Offiziere zu entwaffnen und den Krieg zu beenden. Während die SPD unter Ebert und Noske mit der Militärführung verhandelt, um eine drohende und von den Sozialdemokraten als anarchistisch gebrandmarkte Revolution in Deutschland zu verhindern, machen die Spartakisten Nägel mit Köpfen: Vom Balkon des Berliner Stadtschlosses ruft Liebknecht am 9. November 1918 die Sozialistische Republik Deutschland aus.

„Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten!“ Reichskanzler Ebert und seine Genossen machen gemeinsame Sache mit den Generälen des Kaisers um Generalfeldmarschall Hindenburg. Während deren Provokateure wie der Hauptmann von Preuss die Arbeiter dazu anstacheln, ihre Waffen in die Spree zu werfen, bilden sich insgeheim Freicorpstruppen, bei denen ewiggestrige Monokelträger mit dekorativem „Schmiss“ an der Wange Seite an Seite mit „rechten“ Sozialdemokraten stehen. Nach einem ersten naiven, da völlig unkoordinierten und rasch gescheiterten Versuch, Berlin im Geschütz-Sturm zu nehmen, wird die Oberste Heeresleitung schlauer: Friedrich Ebert selbst nimmt an der Seite der reaktionären (Bürger-) Kriegstreiber in Zossen, vor den Toren der Hauptstadt, die Parade der vom SPD-Genossen Noske befehligten „Anti-Bolschewisten“ ab, die über schwere Waffen verfügen.

Ebert ist informiert, als ausgerechnet am Heiligen Abend des Jahres 1918 die Noske-Truppen einmarschieren. Ihrer materiellen und personellen Übermacht sind die Spartakisten auf Dauer nicht gewachsen. Aber Liebknecht und Luxemburg lehnen alle Bitten etwa von Bremer Genossen, aus der Stadt zu fliehen, ab. So kommt es nach dem schmerzvollen Riss durch viele Arbeiterfamilien, für die paradigmatisch die Schreiners stehen mit dem Vater auf der Noske- und dem Sohn auf der Liebknecht-Seite, zum blutigen Straßenkampf. Am 15. Januar 1919 werden Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ermordet. Die Beisetzung gerät zu einer letzten Demonstration ungebrochenen Kampfeswillens: Wenn nicht gesungen oder gepfiffen werden darf, so wird eben gesummt. Die Idee ist mit ihren Ideengebern nicht gestorben. Doch wird sie jemals siegen?

Ach, wenn doch die Völker die Signale gehört hätten! Doch die Rechtfertigung der Diktatur des Proletariats durch Lenin, die Szene wurde übrigens auf dem Roten Platz in Moskau gedreht, und damit die Rechtfertigung des real existierenden Sozialismus in der DDR, stößt anno 1972 bei vielen Kinobesuchern auf keine Gegenliebe. Die Wirklichkeit der Arbeiter und Bauern in „ihrem“ ersten Staat auf deutschem Boden hat mit den Idealen Liebknechts und Luxemburgs recht wenig zu tun, auch wenn Günter Reisch die Linien seines Zweiteilers bis in die DDR-Gegenwart zog: „Den eigentlichen Schluss unseres Filmes zeigen wir nicht: dass wir aus dem Kino auf die Straße treten und uns in dem Staate Liebknechts befinden.“ Der Titel „Trotz alledem!“ bezieht sich auf den Schluss des letzten Liebknecht-Artikels in der „Roten Fahne“, der dort am Tag seines Todes erschienen ist.

Günter Reischs umfassendes filmisches Werk selbst, das zeigte sich 2012 in der Retrospektive „Zwischen Historienfilm und Gegenwartskomödie“ zum 85. Geburtstag des Regisseurs im Berliner Zeughaus-Kino, straft diesen Kotau an den SED-Staat Lügen. Wie auch die Persönlichkeit dieses bescheidenen, trotz schwerer Krankheit stets fröhlichen Filmemachers selbst, der seinen Ehrentag ganz selbstverständlich samt vielköpfiger Familie im Zeughaus-Kino bei der Vorführung der Liebknecht-Filme verbrachte, Rotkäppchen-Sekt und Schmalzstullen verteilte und jede Menge gute Wünsche entgegennahm – auch von „seinen“ Schauspielern wie Horst Schulze und Ernst-Georg Schwill.

Pitt Herrmann

Credits

Drehbuch

Darsteller

Alle Credits

Drehbuch

Länge:
3419 m, 125 min
Format:
35mm, 1:2,35
Bild/Ton:
Orwocolor, Ton
Aufführung:

Uraufführung (DD): 13.01.1972, Berlin, International

Titel

  • Weiterer Titel (DD) Trotz alledem! Ein Film über Karl Liebknecht
  • Originaltitel (DD) Trotz alledem!

Fassungen

Original

Länge:
3419 m, 125 min
Format:
35mm, 1:2,35
Bild/Ton:
Orwocolor, Ton
Aufführung:

Uraufführung (DD): 13.01.1972, Berlin, International