Tôkyô-ga

BR Deutschland USA 1983-1985 Dokumentarfilm

Inhalt

Tagebuchartiger Film-Essay, in dem der Regisseur Wim Wenders seine Impressionen von der japanischen Hauptstadt Tokyo einfängt. Der Film führt in Spielhöllen und auf Hochhausdächer, über Friedhöfe, auf denen Baseball gespielt und durch Straßen, auf denen Rock′n′ Roll getanzt wird. Dabei spricht Wenders über seine Gefühle zu dem legendären japanischen Meisterregisseur Yasujiro Ozu.

 

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Heinz17herne
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„Wenn es in unserem Jahrhundert noch Heiligtümer geben würde“, lässt sich die Erzählerstimme Wim Wenders‘ vernehmen, „wenn es so etwas gäbe wie einen heiligen Schatz des Kinos, dann wäre das für mich das Werk des japanischen Regisseurs Yasujiro Ozu. Er machte 54 Filme. Stummfilme in den 1920ern, Schwarz-Weiß-Filme in den 1930ern und 1940ern und schließlich Farbfilme bis zu seinem Tod, am 12. Dezember 1963, an seinem 60. Geburtstag.”

Im Frühjahr 1983, zum 20. Todestag Ozus, begibt sich Wim Wenders auf die Spuren eines Filmemachers, der mit äußerster Sparsamkeit der Mittel einfache Geschichten über einfache Leute erzählte. Der, so Wenders, den langsamen Verfall der japanischen Familie und den Verlust der nationalen Identität mit distanzierter Wehmut beklagt hat. Was in der 92-minütigen Hommage mit leider nur sehr kurzen Filmausschnitten verifiziert wird. Die Dokumentation trägt den Untertitel „Ein gefilmtes Tagebuch“. Sie konnte erst nach Fertigstellung des Spielfilms „Paris, Texas“ im Laufe des Jahres 1984 geschnitten werden durch Wenders selbst, seine zeitweilige Lebensgefährtin Solveig Dommartin und Jon Neuburger,

Auf Yasujiro Ozu (1903-1963) ist Wenders durch den SZ-Filmkritiker Helmut Färber aufmerksam geworden, seinem Dozenten an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film, der selbst über Ozu gearbeitet hat und den wiederum Wenders in seinem HFF-Abschlussfilm „Summer in the City“ als Kinoexperten auftreten lässt. „Nur schauen – ohne etwas beweisen zu wollen“ ist das Motto für den deutschen Filmemacher, der sich beeindruckt zeigt vom dichten Straßenverkehr der japanischen Metropole, den überfüllten U-Bahnen, den Hochhäusern mit ihren glitzernden Neon-Reklamen und Golf-Übungsplätzen auf ihren Dächern. Und nicht zuletzt von den US-Fans im Tokyo Rockabilly Club, der sich ganz der Musik von Elvis verschrieben hat, den twistenden Teddies der Street Heroes oder den Formationstänzern der Beach-Boys-Anhänger in weiten Petticoat-Röcken.

Gleichzeitig faszinieren Wenders die unter der Allee blühender Kirschbäume auf einem Friedhof picknickenden Familien: fröhliche Gesichter, lärmende, Baseball spielende Kinder. „Tokio war ein Traum“ lässt sich Wenders aus dem Off vernehmen, keine andere Stadt sei ihm durch Ozus Filme so nahe gekommen. Allerdings eine seinerzeit liebevoll gezeichnete geordnete Stadt ohne hektische Inflation der Bilder. Heute, kritisiert der Deutsche, gibt’s sogar im Taxi ohne Aufpreis TV-Bildschirme: „Noch mehr Krach für Augen und Ohren.“ Und dann zieht sich Wenders nachts im Hotelzimmer Dosenbier zum John-Wayne-Western auf dem Bildschirm ‘rein.

Vom äußerst bescheiden auftretenden Filmstar Chishû Ryû, der seit Stummfilm-Zeiten in beinahe allen Ozu-Filmen mitwirkte und sogleich auf der Straße erkannt und von Dutzenden Selfie-Sticks eingeschlossen wird, lässt sich der Autorenfilmer Wenders erläutern, warum dieser stets nur den Anweisungen des Regisseurs gefolgt ist: Ryû fühlt sich bis heute nicht als eigenständiger Künstler, sondern als darauf stolzes Geschöpf Ozus. In luftiger Höhe, auf dem Fernsehturm Tokyo Tower, trifft Wenders seinen befreundeten Regie-Kollegen Werner Herzog, der auf der Durchreise nach Australien für ein paar Tage Station macht in dieser von Bildern überfluteten „beleidigten (Stadt-) Landschaft“. Yuharu Atsuta schließlich, mehr als dreißig Jahre Ozus Kameramann, schildert Wenders die spezielle Filmsprache des „Meisters“, der seine zumeist auf einem selbst entworfenen „Baby-Stativ“ ruhende Kamera mit einem 50er Objektiv nur knapp über dem Boden situierte, sodass Atsuta auf Bastmatten liegend bäuchlings filmen musste. Auch er versteht sich, darin Wenders seelenverwandt, zuerst als Handwerker: mit dem „Meister“ wurde bei der Arbeit nicht geredet – und schon gar nicht diskutiert.

Wenders als Erzähler aus dem Off über Ozus Werk: „Wenn diese Filme auch durch und durch japanisch sind, so sind sie doch auch global. Ich habe in ihnen alle Familien, in allen Ländern der Welt, sowie auch meine eigenen Eltern, mein Bruder und mich selber wiedererkannt. Niemals zuvor und niemals wieder war der Film so nahe seiner Essenz und seiner Bestimmung: ein Bild zu zeigen vom Menschen in unserem Jahrhundert, ein brauchbares, wahres und gültiges Bild, in welchem er nicht nur sich selber sieht, sondern vielmehr etwas über sich selbst lernen kann.”

„Für meinen Vater und meine Mutter und meinen Bruder“ hat Wenders seine Hommage im Abspann gewidmet. „Ozus Werk braucht mein Lob nicht. Und solch einen ‚heiligen Schatz des Kinos’ gibt es auch nur in der Vorstellung. Meine Reise nach Tokio war also keine Pilgerfahrt. Ich war neugierig, ob ich noch etwas von dieser Zeit entdecken konnte, ob noch etwas übrig sei von seiner Arbeit. Bilder vielleicht, oder sogar Menschen… Oder ob sich in den 20 Jahren seit Ozus Tod doch so vieles geändert hätte in Tokyo, dass nun nichts mehr zu finden wäre.“

„Tôkyô-ga“ ist am 10. Januar 1985 bei den Int. Filmtagen Hof uraufgeführt und am 13. Mai 1985 bei den 68. Int. Filmfestspielen Cannes in der Sektion „Un Certain Regard“ gezeigt worden. Die 2014 erstellte 2k-Digitalisierung durch Arri Berlin lief zwar erstmals im Februar 2015 auf der 65. Berlinale im Rahmen einer Filmreihe anlässlich der Verleihung des „Goldenen Ehrenbären“ an Wim Wenders, dennoch weist der Vorspann der digitalen Fassung, für welche das Originalnegativ in 4k-Auflösung gescannt wurde, als Uraufführung die 68. Int. Filmfestspiele Cannes im Mai 2015 aus.

Pitt Herrmann

Credits

Alle Credits

Länge:
1007 m, 92 min
Format:
16mm, 1:1,37
Bild/Ton:
Eastmancolor, Ton
Prüfung/Zensur:

FSK-Prüfung (DE): 11.10.1993, 70340, ab 12 Jahre

Aufführung:

Uraufführung (DE): Oktober 1985, Hof, Internationale Filmtage;
TV-Erstsendung (DE): 13.11.1988, West 3

Titel

  • Originaltitel (DE) Tôkyô-ga

Fassungen

Original

Länge:
1007 m, 92 min
Format:
16mm, 1:1,37
Bild/Ton:
Eastmancolor, Ton
Prüfung/Zensur:

FSK-Prüfung (DE): 11.10.1993, 70340, ab 12 Jahre

Aufführung:

Uraufführung (DE): Oktober 1985, Hof, Internationale Filmtage;
TV-Erstsendung (DE): 13.11.1988, West 3