Eine junge Frau sitzt am Tisch und betrachtet das Foto eines Pionierlagers, um dann einem Brief in die Hand zu nehmen. Den ein kleines Mädchen, vielleicht ihre Tochter, vielleicht ihre jüngere Schwester, oder sie selbst in jüngeren Jahren, verfasst hat. Die Ich-Erzählerin berichtet von einem ganz besonderen Schultag. Der einmal nicht mit konfrontativem Unterricht im Klassenraum stattgefunden hat, sondern draußen in der Natur. Mit einem außergewöhnlichen Hindernislauf: Zunächst geht es in Paddelbooten auf einen See an der Dumsdorfer Schleuse. Erst müssen Fragen beantwortet werden, bevor es auf der nächsten Station, einem Steg am See, um das Bestimmen von Pflanzenarten geht.
Auf dem „Berg der guten Noten“, der letzten, zu Fuß zu erreichenden Station, müssen wieder herkömmliche Rechenaufgaben gelöst werden – und wider Erwarten liegt die Ich-Erzählerin goldrichtig und gewinnt den Wettbewerb. Der Tag endet nach einbrechender Dunkelheit mit einer Segelpartie, wobei die Boote mit Lampions geschmückt sind. Der Kurzfilm „Petras Erlebnis“ kommt ohne O-Ton aus, ist aber mit der Stimme der Ich-Erzählerin aus dem Off sowie beinahe permanent mit Musik unterlegt.
Im Jahr 2016 jährte sich zum achtzigsten Mal der Geburtstag von Ingrid Reschke, nicht der einzigen, aber wohl der ersten Defa-Regisseurin, die sich aus dem Ghetto der Kinder- und Jugendproduktionen befreien konnte. CineGraph Babelsberg und das Berlin-Brandenburgische Centrum für Filmforschung haben in Zusammenarbeit mit dem Bundesfilmarchiv, der F. W. Murnau-Stiftung und der Deutschen Kinemathek Anfang März 2016 im Berliner Zeughauskino eine Retrospektive veranstaltet, die mit Ingrid Reschkes erster Arbeit, „Petras Erlebnis“, sozusagen als Vorfilm ihres ersten Defa-Films für Erwachsene, „Wir lassen uns scheiden“ (1968), begann.
Der sechsminütige Schwarzweißfilm, so heißt es im Vorspann, „gehört zu den ersten selbständigen Arbeiten, die von den Studenten des Zweiten Studienjahres der Deutschen Hochschule für Filmkunst hergestellt wurden“. Außer Ingrid Meyer, der späteren Ingrid Reschke, sind noch der Kameramann Kurt Marks und Irene Goltsch als Produktionsleiterin genannt.
Der Filmjournalist Jan Gympel („Berliner Zeitung“), der seit Jahren Retrospektiven im Berliner Zeughauskino bestückt und betreut, sich vor allem aber als Motor des nicht-kommerziellen Projektes „Berlin-Film-Katalog“ mit eigener Reihe im Berliner Kino in der Brotfabrik große Verdienste erwirbt um das Heben vergessener Filmschätze, die zumeist nicht auf DVD erschienen sind, hat zu Beginn der Reschke-Retrospektive die wenigen bekannten Fakten der Biographie der Filmemacherin, die gleich nach der Schule zur Defa gekommen war, aufgelistet.
Geboren am 18. März 1936 in Berlin und im Prenzlauer Berg als Kind einer proletarischen Familie aufgewachsen, ist Ingrid Meyer erstmals in der Arbeitsgemeinschaft Film der Freien Deutschen Jugend (FDJ) Berlin mit „ihrem“ Medium in Berührung gekommen. Sie wollte ursprünglich Kamerafrau werden, begann aber 1954 mit 18 Jahren ein Regiestudium an der Deutschen Hochschule für Filmkunst Babelsberg, der heutigen „Konrad Wolf“-Universität. Wo sie bald als Assistentin von Heiner Carow reüssierte, so 1958 bei „Sie nannten ihn Amigo“ und im Jahr darauf bei „Das Leben beginnt“. Bereits 1959 erfolgte auch ihre Festanstellung bei der Defa, vier Jahre vor ihrem Babelsberger Diplomfilm „Daniel und der Weltmeister“ mit dem DDR-Sportleridol Gustav-Adolf „Täve“ Schur.
Als dieser Premiere feierte, war bereits Töchterchen Elke auf dem Weg ins Leben und die Ehe mit Ingomar Reschke, Journalist beim Deutschen Fernsehfunk (DFF), dem späteren Fernsehen der DDR, beschlossene Sache. Ingrid Meyer drehte unter ihrem „neuen“ Namen Ingrid Reschke als „der erste weibliche Regisseur im Defa-Studio für Spielfilme“ dann 1968 Rudi Strahls Gesellschafts- und Familienkomödie „Wir lassen uns scheiden“ – unter schwierigsten politischen Verhältnissen nach dem 11. Plenum des Zentralkomitees der SED Ende des Jahres 1965, unter denen zu dieser Zeit besonders Heiner Carow („Die Russen kommen“) und der erfolgreiche Theater-Lustspielautor Rudi Strahl („Ein irrer Duft von frischem Heu“, „Seine Hoheit, Genosse Prinz“) zu leiden hatten.
1969 entstand die unsentimentale Adventsgeschichte „Der Weihnachtsmann heißt Willi“ mit Rolf Herricht und dem berühmten Friedrichstadtpalast-Clown Ferdinand, zwei Jahre später, nach einem Drehbuch von Ulrich Plenzdorf, die Coming-of-Age-Story „Kennen Sie Urban?“ mit Jenny Gröllmann, Katja Paryla und Manfred Karge. Ingrid Reschkes ambitionierter Film führte sie zu einer weiteren vielversprechenden Zusammenarbeit mit Ulrich Plenzdorf: „Die Legende von Paul und Paula“. Doch ihre Zeit reichte nur bis zur Vollendung des Szenariums, gedreht hat diesen Defa-Klassiker von 1973 mit Angelica Domröse und Winfried Glatzeder dann ihr Mentor Heiner Carow: Ingrid Reschke starb am 9. Mai 1971 im Alter von nur 35 Jahren an den Folgen eines nicht von ihr verursachten Verkehrsunfalls in Alt-Glienicke.
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Auf dem „Berg der guten Noten“, der letzten, zu Fuß zu erreichenden Station, müssen wieder herkömmliche Rechenaufgaben gelöst werden – und wider Erwarten liegt die Ich-Erzählerin goldrichtig und gewinnt den Wettbewerb. Der Tag endet nach einbrechender Dunkelheit mit einer Segelpartie, wobei die Boote mit Lampions geschmückt sind. Der Kurzfilm „Petras Erlebnis“ kommt ohne O-Ton aus, ist aber mit der Stimme der Ich-Erzählerin aus dem Off sowie beinahe permanent mit Musik unterlegt.
Im Jahr 2016 jährte sich zum achtzigsten Mal der Geburtstag von Ingrid Reschke, nicht der einzigen, aber wohl der ersten Defa-Regisseurin, die sich aus dem Ghetto der Kinder- und Jugendproduktionen befreien konnte. CineGraph Babelsberg und das Berlin-Brandenburgische Centrum für Filmforschung haben in Zusammenarbeit mit dem Bundesfilmarchiv, der F. W. Murnau-Stiftung und der Deutschen Kinemathek Anfang März 2016 im Berliner Zeughauskino eine Retrospektive veranstaltet, die mit Ingrid Reschkes erster Arbeit, „Petras Erlebnis“, sozusagen als Vorfilm ihres ersten Defa-Films für Erwachsene, „Wir lassen uns scheiden“ (1968), begann.
Der sechsminütige Schwarzweißfilm, so heißt es im Vorspann, „gehört zu den ersten selbständigen Arbeiten, die von den Studenten des Zweiten Studienjahres der Deutschen Hochschule für Filmkunst hergestellt wurden“. Außer Ingrid Meyer, der späteren Ingrid Reschke, sind noch der Kameramann Kurt Marks und Irene Goltsch als Produktionsleiterin genannt.
Der Filmjournalist Jan Gympel („Berliner Zeitung“), der seit Jahren Retrospektiven im Berliner Zeughauskino bestückt und betreut, sich vor allem aber als Motor des nicht-kommerziellen Projektes „Berlin-Film-Katalog“ mit eigener Reihe im Berliner Kino in der Brotfabrik große Verdienste erwirbt um das Heben vergessener Filmschätze, die zumeist nicht auf DVD erschienen sind, hat zu Beginn der Reschke-Retrospektive die wenigen bekannten Fakten der Biographie der Filmemacherin, die gleich nach der Schule zur Defa gekommen war, aufgelistet.
Geboren am 18. März 1936 in Berlin und im Prenzlauer Berg als Kind einer proletarischen Familie aufgewachsen, ist Ingrid Meyer erstmals in der Arbeitsgemeinschaft Film der Freien Deutschen Jugend (FDJ) Berlin mit „ihrem“ Medium in Berührung gekommen. Sie wollte ursprünglich Kamerafrau werden, begann aber 1954 mit 18 Jahren ein Regiestudium an der Deutschen Hochschule für Filmkunst Babelsberg, der heutigen „Konrad Wolf“-Universität. Wo sie bald als Assistentin von Heiner Carow reüssierte, so 1958 bei „Sie nannten ihn Amigo“ und im Jahr darauf bei „Das Leben beginnt“. Bereits 1959 erfolgte auch ihre Festanstellung bei der Defa, vier Jahre vor ihrem Babelsberger Diplomfilm „Daniel und der Weltmeister“ mit dem DDR-Sportleridol Gustav-Adolf „Täve“ Schur.
Als dieser Premiere feierte, war bereits Töchterchen Elke auf dem Weg ins Leben und die Ehe mit Ingomar Reschke, Journalist beim Deutschen Fernsehfunk (DFF), dem späteren Fernsehen der DDR, beschlossene Sache. Ingrid Meyer drehte unter ihrem „neuen“ Namen Ingrid Reschke als „der erste weibliche Regisseur im Defa-Studio für Spielfilme“ dann 1968 Rudi Strahls Gesellschafts- und Familienkomödie „Wir lassen uns scheiden“ – unter schwierigsten politischen Verhältnissen nach dem 11. Plenum des Zentralkomitees der SED Ende des Jahres 1965, unter denen zu dieser Zeit besonders Heiner Carow („Die Russen kommen“) und der erfolgreiche Theater-Lustspielautor Rudi Strahl („Ein irrer Duft von frischem Heu“, „Seine Hoheit, Genosse Prinz“) zu leiden hatten.
1969 entstand die unsentimentale Adventsgeschichte „Der Weihnachtsmann heißt Willi“ mit Rolf Herricht und dem berühmten Friedrichstadtpalast-Clown Ferdinand, zwei Jahre später, nach einem Drehbuch von Ulrich Plenzdorf, die Coming-of-Age-Story „Kennen Sie Urban?“ mit Jenny Gröllmann, Katja Paryla und Manfred Karge. Ingrid Reschkes ambitionierter Film führte sie zu einer weiteren vielversprechenden Zusammenarbeit mit Ulrich Plenzdorf: „Die Legende von Paul und Paula“. Doch ihre Zeit reichte nur bis zur Vollendung des Szenariums, gedreht hat diesen Defa-Klassiker von 1973 mit Angelica Domröse und Winfried Glatzeder dann ihr Mentor Heiner Carow: Ingrid Reschke starb am 9. Mai 1971 im Alter von nur 35 Jahren an den Folgen eines nicht von ihr verursachten Verkehrsunfalls in Alt-Glienicke.
Pitt Herrmann