Nürnberg 45

Deutschland 2025 TV-Spielfilm

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Heinz17herne
Heinz17herne
Ein junger Mann stürmt atemlos eine Treppe hoch, hastet durch einen Zellengang und öffnet die Tür mit dem Namensschild H. Goering. „Du bist also derjenige, den wir vergessen haben“ sagt der gefangene Kriegsverbrecher und fügt drohend hinzu: „Das werden wir jetzt korrigieren.“ Der junge Mann, der nach diesem Alptraum schweißgebadet erwacht, heißt Ernst Michel und verfolgt als Korrespondent der von den Alliierten gegründeten Deutschen Allgemeinen Nachrichtenagentur (DANA) den ersten der „Nürnberger Prozesse“ gegen zwanzig ranghohe Nazis.

Der 22-Jährige hat 674 Tage im Konzentrationslager Auschwitz überlebt, nachdem er als 16-Jähriger zusammen mit seinen jüdischen Eltern aus Mannheim dorthin verschleppt worden war. Ein Kalligraphie-Kurs hat ihm wahrscheinlich das Leben gerettet: Er wurde seiner Schönschrift wegen in der Schreibstube eingesetzt, wie der in die USA ausgewanderte Ernst Michel in einem Interview im April 2005 bekannte. Auch seine Tochter Lauren Michel Sachar gehört zu den Zeitzeugen des Dokumentarfilms, die im Nürnberger Gerichtssaal 600 mehrfach betont, dass ihr Vater keine Rachegefühle hegte und von einer Kollektivschuld der Deutschen nichts wissen wollte. „Will ich sie hängen sehen?“ fragt sich Ernst Michel in einer frühen Spielfilm-Szene, um sich sogleich seines journalistischen Auftrags zu vergewissern: „Meine Gefühle dürfen nicht verrücktspielen, ich muss objektiv bleiben.“

„Schreiben kann er ja, der Judenbengel“: Durch die nüchterne Klarheit seiner Artikel ist auch Göring auf Ernst Michel aufmerksam geworden und beauftragt seinen Anwalt Dr. Otto Stahmer, ein Treffen zu arrangieren. Was erst zustande kommt, als der „wichtigste Prozess der Weltgeschichte“ zum langweiligsten mutiert. Doch als der einst designierte Nachfolger Hitlers dem KZ-Überlebenden die Hand zur Begrüßung reichen will, als sei das Zusammentreffen zwischen Täter und Opfer die selbstverständlichste Sache der Welt, ist es abrupt beendet, noch bevor es begonnen hat.

Unter den Journalisten im Pressesaal befindet sich auch ein Kollege aus Norwegen, der für eine Osloer Zeitung berichtet: Willy Brandt. Zufällig begegnet Ernst Michel auf dem Gang des Gerichtsgebäudes der 29-jährigen Polin Seweryna Szmaglewska – und beide traumatisierte Überlebende wissen im gleichen Augenblick, dass sie verwandte Seelen sind. Sie ist als Autorin des bereits 1945 erschienenen Erlebnisberichts „Dymy nad Birkenau“ („Rauch über Birkenau“) als Zeitzeugin geladen neben der Französin Marie-Claude Vaillant-Couturier, muss aber Wochen warten, bis sie in den Zeugenstand gerufen wird.

Seweryna Szmaglewska konnte nachts im Lager mit ihrem einstigen Kommilitonen Witold Wiśniewski über Mauer und Stacheldraht hinweg in Verbindung treten. Noch unwahrscheinlicher, aber ebenfalls wahr: Auch Witold hat Auschwitz überlebt und über einen Zeitungsbericht Ernst Michels erfahren, dass seine Verlobte Seweryna sich derzeit in Nürnberg aufhält. Wo sie im „ersten Haus am Platze“ ausgerechnet in Zimmer 23 untergebracht ist, in dem Göring stets während der Reichsparteitage residierte…

Die Spielszenen werden ergänzt durch Originalaufnahmen vom Kriegsende und der Nürnberger Prozesse, wobei die die historischen Schwarz-Weiß-Filmaufnahmen aus dem Saal 600 nachträglich koloriert worden sind. Aus meiner Sicht noch unverständlicher sind die neben Originalaufnahmen von der Befreiung durch alliierte Soldaten gedrehten Reenactment-Szenen aus dem KZ: Selbst für einen Hybrid aus Dokumentar- und Spielfilm hätte es authentischere Lösungen gegeben.

Nachdem die beiden Zeitzeugen Ernst Michel (Synchronsprecher: Heino Ferch) und Seweryna Szmaglewska inzwischen gestorben waren, geben ihre Kinder Einblicke in deren Leben, neben der Tochter Lauren Shachar (Annette Frier) auch ihr Bruder Jacek Wiśniewski (Herbert Knaup). Die Verschränkung der unterschiedlichen Erzähl- und Zeitebenen des Dokudramas, das auf dem autobiographischen Erlebnisbericht „Rauch über Birkenau“ und dem Roman „Die Unschuldigen in Nürnberg“ von Seweryna Szmaglewska beruht, ist der Editorin Diana Matous vorbildlich gelungen. Ursprünglich als Serie für die Reihe „ARD History“ mit jeweils 25-minütigen Folgen konzipiert und am 27. September 2025 auf dem Filmfest Hamburg uraufgeführt, ist „Nürnberg“ unter dem Titel „Nürnberg ’45 – Im Angesicht des Bösen“ als 90-minütiger Hybrid am 9. November 2025 in der ARD erstausgestrahlt worden.

Pitt Herrmann

Credits

Drehbuch

Kamera

Schnitt

Darsteller

Alle Credits

Dreharbeiten

    • 25.03.2025 - 12.04.2025: Budapest
Bild/Ton:
Farbe, Ton

Titel

  • Originaltitel (DE) Nürnberg 45
  • TV-Titel (DE) Nürnberg '45 - Im Angesicht des Bösen

Fassungen

Original

Bild/Ton:
Farbe, Ton

Teilfassung

Länge:
ca. 25 min
Bild/Ton:
Farbe, Ton
Aufführung:

Uraufführung (DE): 27.09.2025, Hamburg, Filmfest - Televisionen [Teil 1]

Länge:
ca. 25 min
Bild/Ton:
Farbe, Ton
Aufführung:

Uraufführung (DE): 27.09.2025, Hamburg, Filmfest - Televisionen [Teil 3]

Länge:
ca. 25 min
Bild/Ton:
Farbe, Ton
Aufführung:

Uraufführung (DE): 27.09.2025, Hamburg, Filmfest - Televisionen [Teil 2]

TV-Fassung

Abschnittstitel
  • TV-Titel (DE)
  • Nürnberg '45 - Im Angesicht des Bösen
Länge:
88 min
Bild/Ton:
Farbe, Ton
Aufführung:

Aufführung (DE): 12.10.2025, Köln, Film Festival Cologne;
TV-Erstsendung (DE): 09.11.2025, ARD