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Dokumentarfilm über den Maler und Bildhauer Jörg Immendorff, der zu den wichtigsten Künstlern Deutschlands zählt. Über einen Zeitraum von zwei Jahren begleiteten die Filmemacher Immendorff – bis zu seinem Tod im Mai 2007. Der Künstler lebte seit neun Jahren mit dem Wissen um seine unheilbare Erkrankung an ALS. Der Film zeigt, wie er trotzdem mit unverminderter Energie weiterarbeitete und versuchte, sich durch seine immer dramatischere Krankheit nicht einschränken zu lassen. Neben Immendorff selbst kommen in dem Film Kollegen und Wegbegleiter wie Markus Lüpertz, Jonathan Meese, Tilman Spengler oder Kasper König zu Wort, aber auch Familienmitglieder wie seine Mutter Irene oder Immendorffs Freundin Oda Jaune.
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Als Jörg Immendorff, geboren 1945 in Bleckede bei Lüneburg und mit 18 Jahren jüngster Student an der Düsseldorfer Kunstakademie, 1998 mit der Diagnose ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) konfrontiert wird, sträubt sich sein Innerstes gegen die unheilbare Krankheit. Seiner Lebensgier, die er einst an der Seite seines Malerfreundes und Studienkollegen Markus Lüpertz und Hamburger Szenegrößen wie Udo Lindenberg in der legendären Reeperbahn-Kneipe „La Paloma“ austobte, lässt er nun in erneuten Drogenpartys im Prostituiertenmilieu freie Bahn – und in der Heirat mit der erst 17-jährigen bulgarischen Kunststudentin Oda Jaune, die den 1945 geborenen Kunst-Professor im Großvateralter erstmals zum Vater macht durch die Geburt der Tochter Ida.
Skandale und Skandälchen, von der Klatschpresse gepusht, sind Vergangenheit. Jetzt hat die Krankheit ALS Jörg Immendorff im Griff. Seine Arme und Beine sind gelähmt, sodass er nicht mehr den Pinsel zu führen vermag, sondern nur noch mit der rechten Hand die unvermeidliche Zigarette halten kann. Ein Jahr später wird ein Luftröhrenschnitt notwendig sein, damit er atmen kann. Doch sein Lebenswille ist so ungebrochen wie seine Konsequenz als Künstler.
„Disziplin und Einweisung“: Seine Mitarbeiter, zumeist ehemalige oder noch aktive Studenten seiner „Klasse“ an der Düsseldorfer Akademie, führen aus, was er bestimmt – und mit scharfem Blick und ebensolchen Worten immer wieder korrigiert. Denn: „Die Handschrift der Helfer darf nicht zum tragen kommen.“ In der Hauptsache entstehen großformatige Collagen (Malerei/Fotografie/Zeichnung) mit dem Tod als Sensenmann, Motive, die an Albrecht Dürers Apokalypse erinnern. Was nicht weiter erstaunt, und seinen Galeristen Michael Werner schon gar nicht: Jörg Immendorff hat immer das gelebt, was er gemalt hat.
Und immer gesagt, was er gedacht hat. Womit auch im fortgeschrittenen Stadium der Krankheit seine Schüler und die, die es werden wollen, rechnen müssen: Einen Münsteraner Studenten, der nach Düsseldorf in seine Klasse wechseln will, bürstet Immendorff bei dessen zweiter Mappen-Präsentation so brüsk ab, wie er häufig mit seinen Helfern umzugehen pflegt – die sich dennoch nicht aus der Ruhe bringen lassen, und vor Alexander Rotts Kamera schon gar nicht. Denn: „Auf das Ergebnis kommt es an.“ Noch so eine Maxime, die von Immendorff stammen könnte, die sich aber seine engsten Mitarbeiter zu eigen gemacht haben.
Nicola Graefs Dokumentarfilm ist eher konventioneller Art, auch wenn ihr Kameramann dem Porträtierten immer wieder allzu sehr auf die Pelle rückt. Die Regisseurin verzichtet auf allen technischen Schnickschnack und inszenatorische Extravaganzen, versagt sich reißerische Boulevard-Schlagzeilen und enthält sich jeglicher Kommentierung. Sie lässt stattdessen durchaus auch kritische Zeitzeugen zu Wort kommen, Jörg Immendorffs Mutter Irene Immendorff und seine erste Gattin Chris Reinecke etwa, seinen Schriftsteller-Freund Tilman Spengler, den Kölner Museumsdirektor Kasper König und den vielleicht enthusiastischsten Fan, den jungen Berliner Künstler und Performer Jonathan Meese.
Wir erfahren von Problemen im Elternhaus, vor allem mit seinem Vater, einem Bundeswehr-Offizier, von ersten, humorvoll-anarchischen Kunstaktionen wie dem „Papierhaus“ vor dem Bonner Bundeshaus, von seiner ambivalenten Künstler-Freundschaft zu A. R. Penck. Aber wir erfahren nicht, wie aus dem Lieblingsschüler Joseph Beuys’ und 68er Rebell einer der wichtigsten kritischen und unangepassten Künstler Nachkriegsdeutschlands wurde – und letztlich ein Staatsmaler. Wir erfahren einiges über sein Leben, vor allem das seiner beiden letzten Jahre, Jörg Immendorff starb am 28. Mai 2007 an Herzversagen.
Aber wenig über sein Werk. Sieht man von der „Male Lago“-Retrospektive Ende 2005 in der Neuen Nationalgalerie Berlin und ihrem Hauptwerk „Cafe Deutschland“ ab. Nicola Graef fokussiert entsprechend ihres Filmtitels ganz auf den Menschen, den egozentrischen Berserker Immendorff. Und zeigt ihn dennoch auch als großen Künstler: Nach Jonathan Meeses ironischer Zeichnung, entstanden während einer Rasur Immendorffs, revanchiert sich Letzterer mit einem grandiosen Porträt – gemalt mit einem an seinen rechten Arm geschienten Eding-Stift. Ein treffenderes Bild für die Willenskraft des immer stärker von seiner Krankheit Gezeichneten ist nicht vorstellbar.
Pitt Herrmann