• Twitter
  • Facebook
  • Print
  • Forward

DORA oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern

Schweiz Deutschland 2013-2015 Spielfilm

Inhalt

Als Doras Mutter die sedierenden Psychopharmaka ihrer geistig behinderten Tochter absetzt, erwacht die 18-Jährige aus einem Dornröschenschlaf. Dora entdeckt ihren Körper, die Sinnlichkeit, schließlich auch den Sex. Doch Doras unbeherrschte Lust auf das Leben schockiert die Eltern. Als sie sich mit einem Mann einlässt, den sie bei ihrer Arbeit als Marktverkäuferin kennengelernt hat, bewerten die aufgebrachten Eltern den Vorgang als skrupellosen Missbrauch und wollen ihrer Tochter den Umgang verbieten. Als das nicht fruchtet und Doras Verhältnis eine folgenschwere Wendung nimmt, müssen die Beteiligten nicht nur Beziehungsgrenzen neu evaluieren, sondern auch Themen wie Selbstbestimmung, Vertrauen und Eifersucht überdenken.

Mutig, nötig, feinfühlig – Stina Werenfels' Adaption eines Theaterstücks von Lukas Bärfuss ist ein furchtloses und anrührendes Drama über das Loslassen. Dazu gehören die zarten, subjektiven Kamerablicke, die Doras Sicht auf die Schönheit der Welt einfangen, genauso wie das Porträt einer verzweifelten Mutter, die ihrerseits mit den Fallstricken des Lebens zu kämpfen hat.

Quelle: 65. Internationale Filmfestspiele Berlin (Katalog)

 

Kommentare

Sie haben diesen Film gesehen? Dann freuen wir uns auf Ihren Beitrag!

hw-kruse
Ein irrer Film und besser als sein Titel...
„Dora – oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern“ ist kein sozialpädagogisches Rührstück, sondern ein schriller, herausfordernder Spielfilm über ein junges, geistig behindertes Mädchen, das hemmungslos seine Lust ausleben will. Der herausragende Film mit dem seltsamen Titel kommt jetzt in die Kinos.

Dora (Victoria Schulz) hat blaue Flecken, nachdem sie lange den schönen Peter (Lars Eidinger) verfolgte und der sie dann – naja, das ist die Sicht ihrer Eltern – vergewaltigte. Dem schönen Mädchen mit der geistigen Behinderung gefällt der ruppige Sex sehr gut, während ihre Eltern außer sich sind. Die alarmierte Polizei unternimmt nichts, denn Dora ist mündig und hat keine gesetzliche Betreuung.

Ihre stark sedierenden Medikamente hat die Mutter (Jenny Schily) am 18. Geburtstag abgesetzt: Verwischte Nahaufnahmen, verschwommene Hintergründe in wackelig gefilmten Bildern lassen uns Zuschauer die jahrelange Dämpfung von Doras Wahrnehmung erahnen. Doch nun wird das ganze Leben eine aufregende Entdeckungsreise für das aus ihrem Dornröschenschlaf geweckte Mädchen. In der Badewanne spielt sie unter den Augen der Mutter an sich herum, von ihrem Vater will sie Zungenküsse, sie begrabscht den Mann einer Freundin und fordert: „Ich will auch ein Paar sein!“ Aber Dora spürt auch ihre Behinderung, „Ich bin kein Mongo!“, kreischt sie die Eltern an, „ich will nicht anders sein.“ Immer wieder trifft sie Peter zum hemmungslosen Sex, ihre Eltern verzweifeln und spüren offensichtlich die eigene Verklemmtheit.

Die weitere, spannende Entwicklung Doras wird hier nicht verraten, doch der Film erzählt nicht nur eindimensional ihre Geschichte. Auch die Perspektive der frustrierten Mutter, die sich nach einem weiteren „normalen“ Kind sehnt, fordert zur Identifikation heraus. Während sie jedoch nicht schwanger werden kann, baumelt über der Tochter das Damoklesschwert der Schwangerschaft: Dora will niemals wieder Pillen nehmen. Ein kleines bisschen Selbstverwirklichung gesteht sich die Mutter dann doch durch das von ihr kreierte Catering auf bizarren Burlesque-Festivals zu.

Der Film traut sich, die Überforderung dieser verdrossenen Mutter zu zeigen: Statt eine verlässliche Bastion der heilen Welt zu sein, quillt aus ihr immer wieder Wut auf die enthemmte Tochter heraus. Der Film zersetzt nicht nur dieses Tabus, sondern stellt auch andere infrage: Hört die Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung beim Sex oder Kinderwunsch auf? Und er stellt Klischees auf den Kopf, ist das, was Peter mit Dora anstellt, „sexuelle Ausbeutung“? Oder fasziniert ihn die – von ihm geweckte – unzivilisierte Begierde des jungen Dornröschens? Wie die Wahnsinnigen tanzen und schreien die beiden manchmal enthemmt im Wald herum. Von der Kamera werden diese bacchantischen und erotischen Bilder großartig eingefangen.

Die für den Film bei einem Streetcasting entdeckte – nicht behinderte – Victoria Schulz spielt ihre Figur exzellent. Sie hatte etwas „Angst vor der Rolle “, nach den Dreharbeiten „vermisste“ sie die kraftvolle und sinnliche Dora. Eidinger ist wirklich der Böse, „verpiss Dich!“, rotzt er als Peter die hilflose Mutter an, doch im Laufe des Films verfällt er immer stärker seiner wollüstigen, scheinbar ungleichen Geliebten. Dora zieht nicht nur Peter in ihre sinnliche Welt hinein, sondern auch uns Zuschauer, und so taumeln wir immer wieder zwischen Entsetzen und Faszination. Berührt, verwirrt, mit vielen Fragen entlässt das Kino uns in die Wirklichkeit.

Credits

Alle Credits

Dreharbeiten

    • 21.05.2013 - 28.06.2013: Berlin
Länge:
90 min
Format:
DCP, 16:9
Bild/Ton:
Farbe, Dolby
Prüfung/Zensur:

FSK-Prüfung (DE): 23.04.2015, 151232, ab 16 Jahre/feiertagsfrei

Aufführung:

Uraufführung (DE): 06.02.2015, Berlin, IFF - Panorama;
Kinostart (DE): 21.05.2015

Titel

  • Originaltitel (CH DE) DORA oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern

Fassungen

Original

Länge:
90 min
Format:
DCP, 16:9
Bild/Ton:
Farbe, Dolby
Prüfung/Zensur:

FSK-Prüfung (DE): 23.04.2015, 151232, ab 16 Jahre/feiertagsfrei

Aufführung:

Uraufführung (DE): 06.02.2015, Berlin, IFF - Panorama;
Kinostart (DE): 21.05.2015

Auszeichnungen

Filmfest Brüssel 2015
  • Cinelab Award
  • Cineuropa Award