Der Stechlin

BR Deutschland 1974/1975 Spielfilm

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Heinz17herne
Heinz17herne
Auf den ersten Lektüre-Blick scheint Theodor Fontanes Roman „Der Stechlin“ für eine Verfilmung, einen knapp fünfstündigen TV-Dreiteiler gar, völlig ungeeignet. Und das ganz abgesehen von der Grundproblematik von Literaturverfilmungen, die den kundigen Zuschauer enttäuschen müssen. Hat er sich doch naturgemäß ein anderes Bild von der Vorlage gemacht als der Drehbuchautor und Filmregisseur. Aber auch der Zuschauer, der durch das Kinoerlebnis angeregt zur Romanlektüre greift, wird in den meisten Fällen enttäuscht sein. Liest er das Gedruckte doch nun durch die eigene getönte Brille der stets vor seinem inneren Auge stehenden Filmszenen. Beim „Stechlin“ kommt hinzu, dass sich dieses Werk wesentlich von den anderen Gesellschaftsromanen Theodor Fontanes unterscheidet.

Im Mai 1897 schreibt der Autor über sein letztes großes Werk: „Ich stehe so drin im Abschluss eines großen, noch dazu politischen und natürlich märkischen Romans, dass ich gar keine anderen Gedanken habe und gegen alles andere auch gleichgültig bin.“ Später wird Fontane seinen Roman wie folgt charakterisieren: „Zum Schluss stirbt ein Alter und zwei Junge heiraten sich, das ist so ziemlich alles, was auf 500 Seiten geschieht.“

Mit dem Alten ist der verwitwete Major a.D. Dubslav von Stechlin (Arno Assmann) gemeint, der im Preußen des Jahres 1895 von den Konservativen als Reichstags-Kandidat im Wahlkreis Rheinsberg-Wutz aufgestellt worden ist – und die Wahl nicht unerwartet gegen den sozialdemokratischen Konkurrenten verliert. Die neue Zeit ist noch nicht angebrochen, leuchtet aber schon rot am Horizont, als sich sein Sohn Woldemar (Georg-Martin Bode) für eine der beiden Töchter des in Berlin lebenden Grafen Barby (Carl Lange) entscheiden muss: für Armgard (Diana Körner) oder Melusine (Franziska Bronnen).

Womit alles gesagt zu sein scheint und das Unterfangen einer opulenten Verfilmung als Harakiri-Unternehmen angesehen werden muss angesichts der Zuschauer-Erwartungen nach Action, Krimi-Spannung und oberflächlicher Unterhaltung, bei denen kein Platz bleibt für längere Dialoge in einer elegischen, bisweilen gar statisch-verharrenden Atmosphäre gemäß der Stechlinschen Weisheit, dass sich der Mensch vor allem durch die Sprache vom Tier unterscheidet. Gepflegte Konversation über viele Stunden ist eine Herausforderung für das Fernseh-Publikum, für manche gar eine Provokation. Und dennoch: Dieter Meichsner (Buch) und Rolf Hädrich (Buch und Regie) ist ein Meisterwerk gelungen.

Sie nehmen den „Stechlin“ als ein Zeitdokument, das atmosphärisch einen gewissen historischen Abschnitt des ausgehenden 19. Jahrhunderts, eine Gesellschaft und die sie umgebende Landschaft schildert, die uns heute zwar nicht gleich wieder erstrebenswert, aber weniger fremd erscheint. Hädrich hat in Schleswig-Holstein (Herrenhaus Falkenberg im Kreis Flensburg) und teilweise auch in Berlin gedreht und sehr exakt die Ruppiner Landschaft, Bauten und Kostüme rekonstruiert. Und er hat Schauspieler ausgewählt, die in diese Rollen hineinwachsen, geradezu mit den Figuren Fontanes verschmelzen, angefangen und allen voran Arno Assmann als Dubslav von Stechlin und Willi Rose als Diener Engelke über Peter Höfer als Pastor Lorenzen und Georg-Martin Bode als Woldemar von Stechlin bis hin zu Franziska Bronnen als Melusine und Carl Lange als distinguierter Graf Barby. Nur Diana Körner wirkt als Komtesse Armgard zu „laut“, gerade auch im Verhältnis zur Melusine der Franziska Bronnen.

Fontane bot seinen Roman 1897 der Zeitschrift „Über Land und Meer“ mit folgenden an den Verleger gerichteten Worten an: „In einem Waldwinkel der Grafschaft Ruppin liegt ein See, der Stechlin. Dieser See, klein und unbedeutend, hat die Besonderheit, mit der weiten Welt draußen in einer halb rätselhaften Verbindung zu stehen. Und wenn in der Welt draußen etwas los ist, wenn auf Island oder Java ein Berg Feuer speit oder die Erde bebt, so macht der Stechlin, klein und unbedeutend wie er ist, die große Weltbewegung mit. Um dies – so ungefähr fängt der Roman an – und um das Thema dreht sich die ganze Geschichte (...).“

Hädrich hat freilich die „Weltbewegung“, den politischen Gehalt der Vorlage, in den Hintergrund gestellt zugunsten einer sehr exakten Darstellung von Zeit und Raum. Und dabei Kameramann W. P. Hassenstein viel Freiheit gelassen zur Entfaltung der noch kaum als morbid empfundenen Pracht des Fin de siècle. Dagegen ist die Einführung eines Erzählers (kein Geringerer als Wolfgang Borchert) ebenso als überaus gelungener Schachzug zu werten, wie die „heimliche“ (vor allem optische) Annäherung der Figur des Titelhelden an den Autor Theodor Fontane, auch wenn gerade dies die zeitgenössische Kritik herausforderte. So schrieb Branchenführer Momos in der „Zeit“: „In Ehren gescheitert, nicht nur wegen der Besetzung der Titelfigur: Assmann gab eher einen Theatermajor als einen preußischen Gutsherrn.“ Die dreiteilige TV-Miniserie des Norddeutschen Rundfunks (Jürgen Böttcher Prod.) ist am 28. März 1975 in der ARD erstausgestrahlt worden.

Pitt Herrmann