Das Haus - 1984

DDR 1984 Dokumentarfilm

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Heinz17herne
Heinz17herne
Das von Peter Behrens konzipierte, zwischen 1929 und 1931 errichtete und im Januar 1932 eröffnete Berolina-Haus am Alexanderplatz, das einst C&A ebenso beherbergte wie das legendäre Cafe Braun, ein Swing-Treff mit Dachterrasse, war zu DDR-Zeiten Poliklinik u.a. für die Mitarbeiter bei beiden Centrum-Warenhäuser am Alex und am Ostbahnhof sowie Bürohaus des Magistrats der Stadt Berlin und, bis 1998, Standort des Bezirksamtes Berlin-Mitte.

Thomas Heises auf 16mm gedrehte, gut einstündige Dokumentation über das sog. „Rathaus des Bezirks Mitte“ beginnt nach einem Kameraschwenk Peter Badels über den Alexanderplatz samt Brunnen der Völkerfreundschaft und Weltzeit-Uhr mit der Auszählung von Wahlstimmen und einer kollektiven Pralinen-Schlemmerei junger Leute zu Ost-Rock-Mucke am Pfingstmontag. Der Schüler Heiner Carows, heute einer der wichtigsten deutschen Dokumentarfilmer, verließ 1982 ohne Abschluss die Babelsberger Filmhochschule, nachdem sein Kurz-Spielfilm „Erfinder ‘82“ nicht nur verboten, sondern sogar vernichtet worden war. Bei der Staatlichen Filmdokumentation fand der nun freiberuflich tätige Regisseur zumindest für eine Überbrückungszeit ein ungewöhnlich restriktionsfreies Arbeitsfeld. Waren die Dokumentationen doch nicht für eine öffentliche Aufführung vorgesehen.

Sieben Zwischentitel beziehen sich auf die Wochentage: Wahlsonntag, Bestelldonnerstag, Hochzeitssamstag, Pfingstmontag, Solidaritätsfreitag sowie die beiden Tage, an denen die kommunalen Dienststellen ohne Voranmeldung besucht werden konnten. Mit entsprechenden Wartezeiten, aber immerhin: Heute nicht nur der Pandemie geschuldet schier undenkbar. „Frieden und Freundschaft“ mahnt das Banner am 1. September 1984, dem „Tag des Weltfriedens“, an, unter dem – gefilmt mit statischer Kamera – Mitarbeiter und Bürger per Paternoster die Stockwerke wechseln.

In der Abteilung Wohnungspolitik wird offenbar, wie weit die Schere klafft zwischen Nachfrage und Angebot. Von altersgerechten Wohnungen ganz zu schweigen. Augenzwinkernd ironisch rät Kollege Müller einer Studentin, die noch mit dem Bruder bei den Eltern wohnt und wenigstens ein Arbeitszimmer benötigt, doch ihren Professor zu heiraten, dann sei sie das Wohnungs-Problem los.

In der Abteilung Soziales spricht eine junge Mutter vor, die mit 420 Mark Bruttogehalt nicht auskommt. Sie hat bereits Beihilfen zur Einschulung ihres Kindes erhalten, mehr kann die Stadt nicht für sie tun. Aber noch einen Rat mit auf den Heimweg geben: Wenn sie dem Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) beitritt, könne sie noch dessen Sozialfond anzapfen. Einem Senior mit 350 Mark Rente und Wohngeld wird eine einmalige Umzugshilfe gewährt. Am vergangenen Verfügungsmittwoch haben 62 Bürger ohne Voranmeldung Rat in rechtlichen Fragen und Hilfe bei Behördenvorgängen gesucht.

In der Abteilung Innere Angelegenheiten, u.a. zuständig für die polizeiliche Meldepflicht, Arbeitsvermittlung und Sondergenehmigungen zum Betreten grenznaher Wohnungen und Betriebe, wird noch auf einem Continental-Vorkriegsmodell getippt. Am Bestelldonnerstag geht es in der Abteilung Jugendhilfe um Probleme innerhalb einer Familie mit verhaltensauffälligen Kindern. Die Mutter beschwert sich über den Abschnitts-Bevollmächtigten (ABV), der vertrauliche Mitteilungen im ganzen Wohnblock herumerzählt hat. Beim Solidaritätsfreitag finden auf dem Alexanderplatz Versteigerungen statt – und am Hochzeitssamstag herrscht Hochbetrieb unterm Honecker-Porträt im Standesamt. Zu Klängen klassischer Musik muss der Fotograf manchem frischgetrauten Paar ein Lächeln erst entlocken – Schwerstarbeit.

Mit diesem realsatirischen Moment schließt die Dokumentation, die als Quellenmaterial für spätere Filme gedacht war und heutigen Betrachtern als „eine Art Flaschenpost, die uns im neuen Jahrhundert erreicht“ vorkommt, so Claus Löser. Der Kurator der Reihe „Schon wieder Wohnungsnot – Der Kampf ums Dach überm Kopf“ im November 2021 im Berliner Kino Brotfabrik: „Im Auftrag der Staatlichen Filmdokumentation, die für eine Veröffentlichung erst in ferner Zukunft auch das filmen durfte, was in der DDR eigentlich nicht gefilmt werden durfte, beobachtete der junge Thomas Heise, wie sozialistische Bürokratie funktioniert und mit den Menschen umgeht – nicht zuletzt mit den vielen Wohnungssuchenden. Zu DDR-Zeiten konnte der Film nicht fertiggestellt werden.“

Pitt Herrmann

Credits

Alle Credits

Länge:
762 m, 70 min
Format:
16mm
Bild/Ton:
s/w, Ton

Titel

  • Originaltitel (DD) Das Haus - 1984

Fassungen

Original

Länge:
762 m, 70 min
Format:
16mm
Bild/Ton:
s/w, Ton