Inhalt
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist Paris das mondäne Zentrum der Welt. Die Künstler, die Mode, Theater und Musik – hier ist man schon immer etwas weiter. Berühmt ist Paris aber auch für seine Kurtisanen, Frauen, die so schön, geistreich und erfahren in der Kunst der Liebe sind, dass Kronprinzen, Herzöge und Industriebarone sich ihr Vergnügen viel Geld kosten lassen. Eine von ihnen ist Léa, die sich mittlerweile ein angenehmes Leben leisten kann und sich aus dem Gewerbe zurückgezogen hat.
Zum Lunch hat sie sich mit ihrer alten Kollegin Mme Peloux verabredet, einer ehemals gefeierten Schönheit, die das Alter zu einer missgünstigen Frau gemacht hat. Léa schätzt sie nicht besonders, weiß aber, was sie einer Kollegin schuldig ist. Mme Peloux kommt nicht allein. In ihrer Begleitung ist ein junger Mann, der sich als ihr Sohn herausstellt. Chéri, so nennt ihn seine Mutter, sieht blendend aus und genießt das sorgenfreie Leben einer wohlhabenden Jugend. Mme Peloux hat Großes mit ihrem Sohn vor, doch vorher muss Chéri zum Mann werden. Sie bittet Léa, sich seiner Ausbildung anzunehmen. Léa sagt zu, und was mit einem spielerischen Flirt beginnt, wird zu einer leidenschaftlichen Liebe; was eine mehrwöchige Lehre im Haus Léas werden sollte, wird zu einer sechsjährigen Liaison. Als Chéri allein zu seiner Mutter eingeladen wird und sich Léa erst später hinzugesellen soll, ahnt sie noch nicht, was ihr bevorsteht: Mme Peloux hat eine Ehe für ihren Sohn arrangiert, der Hochzeitstermin steht kurz bevor, und Léa sollen Braut und Bräutigam vorgestellt werden. Das ist der Anfang einer tragischen Liebesgeschichte, bei der es nur Verlierer geben kann.
Quelle: 59. Internationale Filmfestspiele Berlin (Katalog)
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Der verwöhnte 19-jährige Nichtnutz soll in die „Schule“ ihrer alten Freundin und, in nunmehr glücklicherweise längst zurückliegenden aktiven Kurtisanen-Zeiten, ihrer heftigsten Konkurrentin um die Gunst wohlhabender Männer, gehen: Léa soll ihm die Flausen seines laxen, hedonistischen Dandy-Daseins austreiben und ihn in die Kunst des wahren Lebens – und der Liebe – einweisen zwecks erhofft baldmöglicher Verheiratung naturgemäß mit einer wohlerzogen-bürgerlichen und gut situierten jungen Frau.
Léa nimmt den reizvollen Auftrag mit routinierter Gelassenheit an, doch aus ein paar Wochen, die Madame Peloux für die Initiation ihres Sohnes vorgesehen hatte, sind sechs Jahre geworden – und aus der professionellen Erziehung eine heftige Amour fou. Weshalb nun die Notbremse in Aktion tritt, um die Liaison durch die Macht des Faktischen zu beenden, auch wenn die Auserwählte nicht wie erhofft von außerhalb des „Milieus“ stammt: Edmée ist die Tochter von Marie-Laure, einer Bekannten von Madame Poloux und dazu noch eine sehr aktive Kollegin, die heilfroh über die bevorstehende Hochzeit ist, kann sie anschließend doch ihrem Gewerbe noch ungehemmter nachgehen.
Während „Chéri“ Fred und Edmée ihre Flitterwochen in Italien verbringen, zieht sich die innerlich tief verletzte Léa in den eleganten Art-Nouveau-Luxus einer Nobelherberge im südfranzösischen Badeort Biarritz zurück – und flüchtet sich in eine Affäre mit einem jungen Mann. Doch ihre Gedanken sind bei Fred, jede Sehne ihres Körpers sehnt sich nach Chéri zurück – und dem frischgebackenen Bräutigam geht es umgekehrt nicht anders. Doch was für eine Zukunft könnte es für diese unmögliche Liebe geben? Als heimliche Geliebte eines verheirateten jungen Mannes will Léa jedenfalls nicht enden und sich keineswegs zum Gespött der champagnertrunkenen „Maxime“- Gesellschaft machen...
Ein um die Jahrhundertwende angesiedeltes Sittengemälde ohne eigentliches Überraschungsmoment als reiner Ausstattungsfilm, der unter den Schönen und Reichen spielt, geradezu schwelgt in verschwenderischen Kostümen und luxuriöser Ausstattung, bevor er nach 93 Minuten erwartet melodramatisch ausklingt? Dessen Regisseur Stephen Frears („Fish & Chips”) heißt? Unmöglich!
Stimmt: „Chéri – Eine Komödie der Eitelkeiten“ ist opulent, aber kein reiner Ausstattungsfilm. Ist elegant und verschwenderisch luxuriös, aber auch sarkastisch, böse, anzüglich: „Jetzt, da die Haut etwas weniger straff ist, trägt sich Parfüm so viel besser“ giftet Madame Peloux. „Chéri“ ist große Gesellschaft und Gesellschaftssatire zugleich. Und doch für meinen Geschmack zu blankgeputzt, was vor allem an Darius Khondjis Kamera liegt, die sich nicht sattsehen kann an der auch jenseits der Vierzig makellosen Michelle Pfeiffer.
„Gibt es etwas Schöneres als ein Bett, das man ganz für sich allein hat?“ Man möchte glauben, dass der Film nur gedreht wurde, um Léas an seinem Beginn ausgesprochenen Seufzer der Erleichterung eindrucksvoll zu widerlegen. Das ist dem britischen Duo Hampton & Frears zwanzig Jahre nach ihrer Romanadaption „Gefährliche Liebschaften“ mit der Verfilmung der beiden Romane „Chéri“ (1920) und „Chéris Ende“ (1926) der Französin Colette (1873 bis 1954) jedenfalls gelungen.
Keine Frage, dass „Chéri“ ganz vom Charme und der Strahlkraft der – kaum zu glauben – 51-jährigen Michelle Pfeiffer lebt, die sich bei der Premiere im Wettbewerb der 59. Berlinale mutig allen Fragen zum Problem des Älterwerdens stellte und mit einem Zitat ihres Schauspielerkollegen Maurice Chevalier aufwartete: „Das Altern ist das Beste, was einem passieren kann – wenn man die Alternative bedenkt.“
Pitt Herrmann