Filmfest München: 16 deutsche Weltpremieren in der Reihe Neues Deutsches Kino

Von Neu- und Wiederentdeckungen bis hin zu großem Unterhaltungskino: Mit der diesjährigen Auswahl erneuert das 43. Filmfest München seinen Anspruch, die wichtigste Plattform für das deutsche Filmschaffen zu sein. In der etablierten Wettbewerbsreihe Neues Deutsches Kino feiern in diesem Jahr 16 Filme ihre Weltpremiere. 

 

Die Nachwuchstalente der Sektion haben zudem die Chance auf einen der hoch dotierten Förderpreise. Die kuratierte Filmauswahl steht für ein Kino, das politisch engagiert, eskapistisch oder auch höchst unterhaltsam sein kann – und sein Publikum zur Teilhabe motiviert.

"Die 16 Weltpremieren des Neuen Deutschen Kinos sind ein Spiegel unserer fragilen und sich rapide verändernden Gesellschaft. Politische Diskussionen werden humorvoll geführt – mal erfrischend kontrovers und divers, mal satirisch und augenzwinkernd. Dystopische Zukunftsvisionen treffen auf märchenhaften Eskapismus. Und das alles auf einem Niveau, das keinen internationalen Vergleich scheuen muss." - Christoph Gröner, Julia Weigl und Urs Spörri (Programmer*innen Neues Deutsches Kino)

Auch im Ensemble der diesjährigen Auswahl wird die Vielfalt des deutschen Kinos sichtbar, das aufstrebende Talente und langjährig etablierte Schauspieler:innen in unterschiedlichen Konstellationen zusammenbringt. Mit dabei sind unter anderem August Diehl, Lea Drinda, Josef Hader, Corinna Harfouch, Magdalena Laubisch, Sabrina Setlur, Lilith Stangenberg, Enno Trebs und Julia Windischbauer.  

Politisch und divers: Kritische Blicke auf die Gesellschaft

Was bewegt die Gesellschaft im Innersten, was hält sie zusammen und was treibt sie auseinander? Das Programm der Reihe widmet sich diesen Fragen mit einem kritischen und vielstimmigen Blick: Randa Chahoud verfilmt mit "Identitti" (Regie: Randa Chahoud, Buch: Friederike Jehn) Mithu Sanyals für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman über Repräsentation und koloniales Erbe – mit Sabrina Setlur, einer der ersten und bekanntesten weiblichen Rapperinnen Deutschlands, in einer besonderen Nebenrolle. Ein Brandanschlag bringt das Leben dreier Freundinnen aus dem Gleichgewicht – und plötzlich gerät eine von ihnen unter Verdacht. "3 Kameradinnen" (Regie & Buch: Milena Aboyan), basierend auf Shida Bazyars gleichnamigem Roman, erzählt von Alltagsrassismus und rechtem Terror als gesellschaftliche Realität und findet dabei eine ausdrucksstarke Sprache, die auch jugendliche Zuschauer*innen unmittelbar erreicht.

Dem Film "Die Ballade von Mittwoch auf Donnerstag" (Regie: Christoph Otto, Buch: Jan Bonny, Jan Eichberg) genügt nur eine Nacht durch den Mikrokosmos der Kneipen Kölns, um die demokratische Alltagstauglichkeit auf den Prüfstand zu stellen. In der Dystopie "Morgen war Krieg" (Regie & Buch: Nicolas Ehret) ist ein drohender Verfall der Demokratie schon Wirklichkeit geworden. Regisseur Nicolas Ehret inszeniert Ulrich Matthes und Enno Trebs als entfremdetes Vater-Sohn-Duo in einem Europa, das politisch gescheitert ist und militärisch eskaliert.

Weibliche Perspektiven: zwischen Mutterschaft, Emanzipation und Freundschaft

Weibliche Stimmen prägen das Programm der Reihe – vor und hinter der Kamera. So zeigt das Filmfest München den neuesten Film von Regisseurin Jutta Brückner, die das Festival in diesem Jahr mit einer Hommage ehrt. Corinna Harfouch spielt in "Im Spiegel meiner Mutter" (Regie & Buch: Jutta Brückner) eine Archäologin, die nach dem Tod ihrer Mutter von Erinnerungen, Illusionen und verdrängten Wahrheiten eingeholt wird. Auch Susanne Heinrichs zweiter Film "Die miserable Mutter" (Regie & Buch: Susanne Heinrich) greift das Thema Mutterschaft auf – und bricht es pop-art-bunt und als Musical stilisiert auf seine gesellschaftlichen Grundfragen herunter.  

Das Regiedebüt "Erinnerungen eines Waldes" (Regie: Katharina Rabl, Buch: Katharina Rabl, Karla Cristóbal) folgt Julia Windischbauer in ihrer Rolle als junge Frau, die nach dem Tod der Großmutter zwischen familiären Erwartungen und dem eigenen Weg neu entscheiden muss. "Erzähl mir dein Morgen" (Regie & Buch: Ella Cieslinski und Nina Wesemann) rückt als junge unabhängige Produktion weibliche Freundschaften und ihre Zerbrechlichkeit in den Fokus, als sich die Wege zweier Freundinnen langsam voneinander entfernen.  

Subversive Kunst: Humor und Eskapismus im deutschen Kino

Zwischen Satire und Absurdität widmen sich mehrere Filme gesellschaftlichen Spannungen und Widersprüchen. Was braucht es, damit Fake News zur allgemeinen Wahrheit werden? "Bärenjagen" (Regie & Buch: Peter Meister) geht dieser Frage im pseudo-historischen Setting des Vormärz nach: Ein Mord geschieht, ein Bär wird als Täter ausgerufen, obwohl es in Deutschland längst keine mehr gibt. Der Dreh einer Reality-Show auf Bali führt eine Influencerin in "So Happy it Hurts" (Regie: David Helmut, Buch: David Helmut, Julian Witt) in eine mysteriöse Dschungelkommune. Auf Super-8 gedreht, verfilmt Brezel Göring, bekannt als eine Hälfte des Berliner Duos Stereo Total, mit "Für immer 16" die Buchvorlage seiner 2021 verstorbenen Partnerin Françoise Cactus. Drei Freund:innen fahren gemeinsam in den Urlaub und verlieben sich in dieselbe Person, was die Freundschaft schon bald auf eine harte Probe stellt. Was als Geburtstagsfeier beginnt, endet als schwarzhumorige Abrechnung mit dem Familienidyll: In "Kalter Hund" (Regie und Buch: Pauline Roenneberg) bringt der Tod des Großvaters am Morgen seines hundertsten Geburtstages Familiengeheimnisse ans Licht, die Generationen überdauert haben.

Manchmal braucht es Distanz und Eskapismus in neue Welten, um Klarheit zu gewinnen: August Diehl sucht in "Schöne Seelen" (Regie: Tom Schreiber, Buch: Julia Janzen, Tom Schreiber) an der Costa Brava nach einem Neuanfang und trifft dort vor allem auf sich selbst. Der Kabarettist Josef Hader brilliert in einer weiteren Hauptrolle. Von der rastlosen Suche nach Zugehörigkeit erzählt auch "Wurzeln und Flügel" (Regie & Buch: Anatol Schuster) und schickt eine junge Frau, die als Straßenclown auftritt, mit ihrer kleinen Tochter auf eine sehnsuchtsvolle Reise nach Italien.

Dokumentarfilm-Highlights: Deutschland und die Kunst im Fokus

Besondere Akzente setzen in diesem Jahr zwei Dokumentarfilme: In "Hiddensee" (Regie & Buch: Annekatrin Hendel) wird die Ostseeinsel zum Spiegel deutscher Geschichte – von Künstler:innen und Aussteiger:innen der 1920er Jahre über die DDR bis hin zu aktuellen politischen Verschiebungen. "Rebecca Horn – Die Seele der Dinge" (Regie & Buch: Claudia Müller) nähert sich hingegen dem Werk der 2024 verstorbenen Künstlerin und zeichnet nach, wie ihre Installationen, Filme und kinetischen Objekte den Kunstbegriff nachhaltig geprägt haben.

Förderpreis Neues Deutsches Kino

Am Freitag, dem 3. Juli wird der Förderpreis Neues Deutsches Kino in den Kategorien Regie, Produktion, Drehbuch und Schauspiel an Nachwuchstalente verliehen. Insgesamt ist der von DZ BANK AG, Bavaria Film und Bayerischer Rundfunk gesponserte Preis mit 70.000 Euro dotiert. Die Jury 2026 setzt sich aus der Schauspielerin Haley Louise Jones, der Produzentin Trini Götze und dem Filmregisseur Visar Morina zusammen. Die Nominierungen werden Mitte Juni bekanntgegeben.

Quelle: www.filmfest-muenchen.de