Asta, mein Engelchen

DDR 1980/1981 Spielfilm

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Heinz17herne
Heinz17herne
„Das Kino, das greift ans Herz, da bleibt kein Auge trocken“: Der im Babelsberger Defa-Spielfilmstudio seit vierzig Jahren tätige Pförtner Otto Gratzick tagträumt am Schreibtisch von der dänischen Schauspielerin Asta Nielsen, „dem“ weiblichen Stummfilm-Star vor allem des deutschen Films – und davon, sie einmal in Urban Gads „Engelein“ von 1914 ganz allein genießen zu können im Defa-Vorführraum. Wenn Otto aus der Pförtnerloge auf die Schranke blickt, scheint ihm von der „Unsere Besten“-Plakatwand gegenüber sein eigenes Konterfei entgegenzulächeln.

Doch das gehört zum Filmstar Hermann Gschwinder, dem Hauptdarsteller des so gut wie abgedrehten Spielfilms „So ist das Leben“ des Regisseurs Frank Steiner, der in der unmittelbaren Nachkriegszeit angesiedelt ist. Im Grunde steht nur noch ein Drehtag an – aber den verbringt Gschwinder samt Gipsbein im Krankenhaus, nachdem er im Studio von der Leiter gefallen ist. Was tun? Weil Schneider die verblüffende Ähnlichkeit nicht entgangen ist, bittet er den Pförtner ans Klinikbett, wo er letzte Anweisungen des Schauspielers erhält, damit er diesen vom späteren Kinobesucher unbemerkt doublen kann.

Die Maske tut ein Übriges, damit auch die Fans draußen auf dem Alex oder in der Tram Otto für Hermann halten. Was ihm einerseits schmeichelt und Autogrammwünsche einbringt, andererseits aber auch die Schimpfkanonade eines Monteurs (Horst Krause), als sich Otto im Handwerkerbedarf auf der Suche nach einem Seitenschneider scheinbar vorgedrängelt hat – und als „Promi“ bevorzugt bedient wird. Am Set geht derweil einiges schief, dabei muss Otto zunächst nur diesen einen Satz sprechen: „Bin ich denn hier in der Sowjetischen Besatzungszone?“

Ottos mangelnde Konzentration liegt auch daran, dass im benachbarten Studio gerade eine TV-Show mit langbeinigen Girls gedreht wird. Was Kühne vom Gschwindner-Drehstab mächtig auf die Nerven geht, weshalb er gegenüber dem Regisseur der heiteren Muse (Hans-Joachim Finke) von „Unterhaltungsscheiße“ spricht. Höre ich da eine Spitze zur immerwährenden Konkurrenz zwischen Babelsberg und Adlershof heraus?

Der alleinstehende Otto wohnt über der Wirtsstube von Schorsch und seiner Gattin Melissa (Ilse Bastubbe), sodass er sein Feierabendbier vom Waschbecken aus durch das Wasserrohr zum Tresen bestellen kann. Das verwitwete Stab-Mitglied Meyer-Tassow, der Otto für die Drehzeit in seinem Ehe-Doppelbett Asyl gewährt, ist schon lange der Auffassung, dass sein Kumpel eine Frau an seiner Seite benötigt, um nicht allabendlich in der Kneipe zu versumpfen. Nachdem ein gemeinsamer Barbesuch nichts bringt, setzt Otto eine Zeitungsanzeige auf: Gesucht wird eine Dame mit schwarzem Haar und Ponyfrisur, kurz: eine zweite Asta Nielsen.

Von ihrer Bäckerei-Kollegin (Erika Stiska) beraten hat sich die Verkäuferin Astrid entsprechend aufgebrezelt, aber zum einen gibt’s ‘mal wieder nur Broiler im Sanssouci-Park und zum anderen ist Otto wenig später glatt eingeschlafen. Ein zweiter Versuch in einer Hotelbar, jetzt mit der Gschwinder-Identität, soll es richten. Als Otto vom Conférencier (Alfred Struwe) aufgefordert wird, ein Lied beizusteuern, rutscht ihm das Herz in die Hose. Wenig später fliegen ihm zumindest alle weiblichen Herzen im Publikum zu: Otto ist dermaßen perfekt in seiner Rolle, dass ihn der Taxifahrer (Lutz Stückrath) in die mondäne Wohnung des tatsächlichen Star-Schauspielers kutschiert, wo anderntags dessen aus Dessau zurückgekehrte Gattin ihr blaues Wunder erlebt…

Die turbulente Verwechslungs- und Doppelgängerkomödie ist ein zeitlos-grandioser Film-im-Film-Spaß, der nicht nur in Babelsberg spielt, sondern auch mit der Geschichte des Potsdamer Studios. Zahlreiche Zitate führen in die Stummfilm-Zeit zurück, zu Asta Nielsen, aber etwa auch zu Robert Wienes „Das Cabinet des Dr. Caligari“. Angereichert mit Zwischentiteln, die auf die Handlung bezogene Weisheiten von Max Liebermann bis Bertolt Brecht wiedergeben, schlägt „Asta, mein Engelchen“ den Bogen von der Ufa zur Defa u.a. mit Günter Reischs erstem Spielfilm „Junges Gemüse“ von 1955.

Eingebettet in das putzmuntere Geschenk Roland Oehmes zum 75. Geburtstag Erwin Geschonnecks wie zum 35-jährigen Bestehen der Defa ist das Happy End der verzwickten Liebesgeschichte von Otto und Astrid: Ausgerechnet der Standesbeamte, der in Schorschs Kneipe regelmäßig im Weg steht, traut die beiden im Beisein des Ehepaars Gschwinder. So findet auch dieser slapstickhafte Running Gag ein gutes Ende.

Die Kritiken der DDR-Medien waren erstaunlicherweise sehr verhalten ausgefallen: „Es zieht sich hin“ mäkelte Günter Sobe in der „Berliner Zeitung“ vom 15. Mai 1981 und Hernryk Goldberg sprach am Tag darauf im „Neuen Deutschland“ gar von „episodischer Weitläufigkeit“, die beim Betrachter „Ermüdung“ hervorrufe. Kann ich nun wirklich nicht nachvollziehen. 1982 gabs dennoch den Kritikerpreis der Sektion Theorie und Kritik des Verbandes der Film- und Fernsehschaffenden der DDR („Bester Defa-Film in einem komischen Genre des Kinoprogramms 1981“), 1983 erhielt Roland Oehme bei der VI. Internationalen Biennale für Humor und Satire im bulgarischen Gabrowo den Preis für die beste Filmregie. Die Erstausstrahlung erfolgte am 12. Dezember 1982 im Fernsehen der DDR.

Pitt Herrmann

Credits

Director

Screenplay

Director of photography

Editing

Cast

All Credits

Duration:
2695 m, 99 min
Format:
35mm
Video/Audio:
Orwocolor, Ton
Screening:

Uraufführung (DD): 14.05.1981, Berlin, Kosmos;
TV-Erstsendung (DD): 12.12.1982, Fernsehen der DDR

Titles

  • Originaltitel (DD) Asta, mein Engelchen

Versions

Original

Duration:
2695 m, 99 min
Format:
35mm
Video/Audio:
Orwocolor, Ton
Screening:

Uraufführung (DD): 14.05.1981, Berlin, Kosmos;
TV-Erstsendung (DD): 12.12.1982, Fernsehen der DDR

Awards

VI. Internationale Biennale für Humor und Satire 1983
  • Preis für die beste Filmregie
Verband der Film- und Fernsehschaffenden der DDR 1982
  • Kritikerpreis, Theorie und KRitik, Bester Defa-Film in einem komischen Genre des Kinoprogramms 1981