Summary
Love, After All
Since retiring, Harry has settled into life at home: he drinks beer, smokes, and tends to the delphiniums in the garden. Lore, on the other hand, remains dedicated to her job as a librarian, organizes readings, and reveres her poets with almost devotional devotion. When their daughter Julia decides to get married for the third time, a dispute breaks out that extends far beyond the wedding. Forty years of marriage have left their mark, including unspoken grievances, old jealousies, friction over Harry's lethargy, and Lore's growing restlessness. While he retreats into his garden, she feels a longing for a fresh start - for a life she has never lived. The question of whether one can still start something new at over 60 looms ever larger, and after decades of living together, Lore and Harry must get to know each other all over again.
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Während sich der Alt-68er Harry in seinem Garten wohlfühlt und gar nicht daran denkt, Lore zu den Lesungen etwa von Martin Walser oder Daniel Kehlmannin in ihre Bücherei zu begleiten, geht seine Gattin voll im Kulturleben der ungenannten westdeutschen Stadt auf. Was beide gerade eint ist ihr Entsetzen über die bevorstehende und nunmehr dritte Hochzeit ihrer 36-jährigen Tochter Gloria mit einem steinreichen Industriellen, der nur zehn Jahre jünger als ihr Vater ist. Und die soll auch noch in Leipzig stattfinden, der dann neuen Heimat für ihre zehnjährige Enkeltochter Laura.
Es geht freilich auch darum, dass Frank Bredow, der Gatte in spe, Sohn eines Hamburger Immobilienmagnaten ist, der die Leipziger Filiale offenbar mit großem Geschick und besten Verbindungen zu Politik und Verwaltung führt. Bevor es zähneknirschend nach Leipzig geht, verlebt Laura wie jedes Jahr eine Ferienwoche bei den Großeltern – ohne Großbildschirm und mit kaltem Zigarrenrauch in den Gardinen. „Pubertät ist die Zeit, in der die Eltern echt scheiße werden“, weiß Laura, die sich von Bredows Chauffeur, der früher „Stasibonzen“ gefahren hat, zu ihnen kutschieren lässt.
„Kein Navi, keine Filterzigaretten, keine Kondome“: In der von ihnen als lächerlich empfundenen Luxus-Umgebung mit livrierten Lakaien, die früher bei der Volkspolizei waren, werden die beiden Alten, die sich frühzeitig von der Hochzeitsfeier davonstehlen, wieder jung. Wieder daheim dann der Schock: Lore soll pensioniert werden und das von ihr aufgebaute Feld der Kollegen Christa („dick, dumm und faul“) überlassen. Am letzten Arbeitstag erleidet sie einen Herzinfarkt – an ihrem sorgsam geräumten Arbeitsplatz…
Die beiden Westdeutschen Elke Heidenreich und Bernd Schroeder haben „Alte Liebe“ ausschließlich mit knappen Monologen und Dialogen von Lore und Harry verfasst, wobei sie zur konsequenten Trennung der Perspektiven völlig autonom an den Kapiteln für ihre Protagonisten geschrieben haben. Was bei der Leinwand-Adaption der beiden Ostdeutschen Laila Stieler und Andreas Dresen in ihrem nunmehr neunten gemeinsamen Film nicht funktionieren konnte: Sie haben in den Zweierszenen ihres Kammerspiels genauer auf die Perspektiven beider Figuren geachtet: „Wer provoziert hier wen und wodurch? Wer entwickelt sich wie in einer Szene?“
Hinzu kommt der dramaturgische Kunstgriff, dass Dagmar Manzel und Joachim Król die inneren Monologe ihrer Figuren spielen, indem sie Lores demente Mutter Leni im Pflegeheim besuchen und mit ihr sprechen, ohne je eine Antwort zu bekommen. Die bedeutsamste Veränderung gegenüber der Romanvorlage aber ist die Verlegung von West nach Ost, „weil wir dadurch auf eigene Erfahrungen zurückgreifen konnten und wollten“, so Dresen im Pandora-Presseheft. Bei den Lesungen in der Bücherei wurden so aus Martin Walser nun Christoph Hein und aus Daniel Kehlmann nun Clemens Meyer, beide sind in kurzen Cameo-Auftritten zu sehen.
Harry ist nun kein rechthaberischer Alt-68er mehr, der als Student dem SDS Rudi Dutschkes angehört hat. Und die Erinnerungen vom Lago Maggiore spielen 1986 nun am Balaton. Für Lore, die ihre Jugendweihe ohne den in den Westen ‘rübergemachten Vater feiern musste, und Harry geht es jetzt nicht nur darum, welche persönlichen Träume sich erfüllt haben oder nicht, sondern auch um den Systemwechsel nach der Wiedervereinigung: Ein Bruch, der im Leben ihrer Generation eine große Rolle spielt – und die einstige SED-Parteisekretärin Leni verstummen ließ. Im Film geht es darum, wie sich Harry und Lore in der kapitalistischen Ellbogen-Gesellschaft zurechtfinden und was nach der Wende auf der Strecke geblieben ist an Idealen, Hoffnungen und konkreten Plänen. Drehbuchautorin Stieler: „Ja, es geht auch um die Abwertung von Lebensleistung.“
Die Ost-Berlinerin Dagmar Manzel, einst Star im Ensemble „des“ DDR-Staatsschauspiels Deutsches Theater Berlin wie bei der Defa („So viel Träume“, „Coming out“), spielt an der Seite des Herners Joachim Król, der im Presseheft offen bekundet: „Der neue Ort der Handlung im Film hat mich dann ein wenig irritiert, aber wie sagte einst ein Berliner Taxifahrer zu mir: ‚Nee, nee, nee! Deutschland, wat bisse jeroß jeworden‘.“ Dabei ist das Gerüst der Vorlage gleich geblieben: Seit seiner Pensionierung meckert Harry nur noch ‘rum, liest die (Ost-) „Berliner Zeitung“, raucht, trinkt Weizenbier und pflegt im Garten des Einfamilienhauses seinen Rittersporn – findet Lore. Die sich an ihren Job als Bibliothekarin klammert und in ihrer Berliner Stadtteilbücherei Lesungen organisiert. Mit Dichtern, die sie wie Propheten verehrt – findet Harry.
„Alte Liebe“ ist eine kluge Liebesgeschichte über zwei Menschen, die nach vierzig Jahren Ehe Bilanz ziehen mit der Hoffnung, sich noch einmal neu zu begegnen – bissig, ironisch, sentimental, heiter und zart. Die naturgemäß ganz von den beiden Protagonisten lebt. Regisseur Andreas Dresen: „Schon bei der Leseprobe, als die beiden die Dialoge zum ersten Mal in den Mund genommen haben, fühlte es sich richtig an. Beide wissen einfach, was die Tonlage einer Geschichte ist. Wo braucht es Humor, wo Sarkasmus, wann muss das Tempo anziehen, wann braucht es die Bremse.“
Pitt Herrmann