Die Verführerin Adele Spitzeder

Deutschland 2010/2011 TV-Spielfilm

Inhalt

Als Adele Spitzeder 1865 in München ankommt, ist sie finanziell fast am Ende. Die verhinderte Schauspielerin hat überall Schulden und kann den ausschweifenden Lebensstandard für sich und ihre Mutter nicht bezahlen. Doch dann hat sie eine rettende, höchst ungewöhnliche Idee. Sie gründet eine Bank und betritt damit eine Männerdomäne. Mit "das meiste Geld für Ihr Geld" wirbt sie vornehmlich Kleinanleger, Arme, Kirchen und Gemeinden als Kunden und deckt damit die versprochenen Bar-Zinszahlungen von bis zu zehn Prozent an andere. Das spricht sich schnell herum. Das Schneeballprinzip ist geboren.

Mit viel Charme und Verhandlungsgeschick wächst Adele Spitzeders Bank, die, während sie selbst in Saus und Braus lebt, für Zehntausende ihrer Kunden der finanzielle Ruin werden soll. Getrieben von dem Wunsch nach Anerkennung und Gier schwankt Adeles Leben zwischen zwei Inszenierungen: der volksnahen Dame mit Herz für die Schwachen und der knallhart kalkulierenden Karrierefrau mit idealistischen Träumen und skandalösem Liebesleben. Doch selbst der finanzielle Erfolg stillt ihren Wunsch nach künstlerischer Entfaltung nicht. Dafür ruft er die Missgunst mächtiger Konkurrenten auf den Plan. Ein Komplott führt schließlich zum Zusammenbruch ihrer Bank. Sie wird als Betrügerin entlarvt und landet im Zuchthaus.

 

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Heinz17herne
Heinz17herne
Champagner und frische Erdbeeren aufs Zimmer nach der „Kabale und Liebe“-Vorstellung, aber drei Monate mit der Pensionsmiete in Verzug: Die so schöne wie intrigante Wiener Schauspielerin Adele Spitzeder (macht sich nach der Wiener „Burg“ und einem kurzen Zwischenstopp an Frank Castorfs Berliner Volksbühne leider rar auf den Brettern: „Weibsteufel“ Birgit Minichmayr) muss das Weite suchen, um ihren Gläubigern zu entkommen.

Sie geht nach München, wo ihre Mutter Betty Vio (großartig: die alterslose Sunnyi Melles als alternder Theaterstar) zwar noch die großbürgerliche elterliche Villa bewohnt, ihr aber noch nicht einmal ein Dach über dem Kopf anbietet. „Ich muss mich jung und schön erhalten, das kostet“: Die einst berühmte Wiener und Münchner Schauspielerin ist so mittellos wie ihre Tochter. Welche sich daher bei Edeltraud Staller (Marianne Sägebrecht wie sie leibt und lebt), resolute Wirtin im Münchner Gasthaus „Zum Schützen“ mit Herz für Künstler, einquartiert. Nicht das erste Haus am Platze, aber preiswert. Und an der Wand ihres Zimmers hängt Adeles Lieblingsspruch: „Tue recht und scheue niemand.“

Eine Weisheit von vielen, die sie sogleich ihrer jungen Bedienerin Therese Ederer nahebringt: „Lesen ist das Tor zur Welt.“ Adele wird Resis Mentorin, bringt ihr Lesen und Schreiben bei, später übernimmt der Wiener Theaterregisseur Eduard Pohlheim (Karlheinz Hackl) die mühsame Aufgabe, dem reizenden Bauernkind feine Manieren und eine der höheren Gesellschaft angemessene sprachliche Artikulation beizubringen – ganz wie einst Henry Higgins dem Blumenmädchen Eliza Doolittle.

Adele sieht keine andere Wahl, als sich beim Pfandleiher Stangl Geld zu borgen – für den üblichen Wucherzins von 20 Prozent pro Woche. Sie hofft auf eine Anstellung im Münchner Hoftheater – vergeblich. Immerhin macht sie im Stiegenhaus Bekanntschaft mit dem jungen Balthasar Engel, der samt seinem Bühnenmanuskript soeben achtkantig herausgeflogen ist beim Intendanten und sich als „vogelfreier Dichter“ fühlt. Und schon ist ihr aberwitziger Traum vom eigenen Theater geboren. Doch wie zu Geld kommen?

Ein unscheinbarer Zwischenfall im Wirtshaus bringt Adele auf die Idee, ein eigenes Finanzgeschäft zu gründen: Sie leiht sich zunächst von den Stammgästen des „Schützen“ kleinere Geldbeträge mit der schriftlichen Zusage, zehn Prozent Zinsen zu zahlen. Was sogleich die Runde macht, bald steht die halbe Stadt vor Edeltraud Stallers Toren, um die hart erarbeiteten Ersparnisse der nun nicht mehr weltlich-eleganten, sondern bescheiden und mit dem goldenen Kreuz an der Halskette auftretenden „Armenbankerin“ anzuvertrauen.

Ungeheure Summen stapeln sich in ihrem Zimmer, die Aussicht auf eine allen Grundrechenarten der Ökonomie widersprechende wundersame Geldvermehrung zieht immer weitere (Land-) Kreise – und dringt bis in allerhöchste Kreise. Bald residiert Adele in einer großbürgerlichen Villa, ihre Mutter Betty kann wieder Hof halten draußen vor den Toren Münchens – und von großen Rollen im eigenen, von Pohlheim geleiteten Theater träumen.

Nur wenige wie Adeles Vertrauter Georg Zeitler wissen, dass dieses Schneeballsystem nicht mehr lange Bestand haben kann: Immer mehr frisches Kapital wird benötigt, um die horrenden Zinsen zahlen zu können. Als der ehemalige Polizist Zeitler seine Zweifel einem Zeitungsredakteur steckt und auch noch vom ausschweifenden Leben der sich in der Öffentlichkeit so sittsam gebenden Adele Spitzeder zu berichten weiß, ist das rasche Ende des „Bankfräuleins“ besiegelt. „Ja, meine Freunde, wir befinden uns im letzten Akt“: Adele kann zwar ihrer Verhaftung nicht entgehen, aber im letzten Augenblick noch für sich und die ihren sorgen.

Zeitsprung, Café Central in Wien zwanzig Jahre später. Balthasar Engel, inzwischen offenbar ein arrivierter Schriftsteller, berichtet einem Kollegen vom Fall der Adele Spitzeder. Sie ist damals, der Prozess förderte rund 30.000 Betrogene zutage, zu dreieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Und hat die Zeit genutzt, um ihre 1878 erschienene Autobiographie „Geschichte meines Lebens“ zu verfassen. Eine gewisse Adele Vio steht in Wien auf den Brettern – und ein gewisser Hugo von Hofmannsthal verlässt das Palais Ferstl mit dem Stoff für sein erfolgreichstes, wenn auch nicht bestes Stück, das bis heute alljährlich die, nein: seine Salzburger Festspiele eröffnet...

Ariela Bogenberger und Xaver Schwarzenberger ist in Koproduktion mit dem Wiener ORF ein Fernsehspiel zur rechten Zeit gelungen mit einer tollen Besetzung, ganz nostalgisch, aber alles andere als angestaubt. Geld stinkt nicht, und das gilt für Arm und Reich gleichermaßen. Die Gier nach den Extraprozenten ist schließlich auch jetzt nicht auf die (Investment-) Banker beschränkt und wer wie seinerzeit Adele Spitzeder im 19. Jahrhundert „das meiste Geld für Ihr Geld“ verspricht, wird sich auch um 21. Jahrhundert über mangelnden Zuspruch nicht zu beklagen haben.

Pitt Herrmann

Credits

Schnitt

Darsteller

Produktionsfirma

Produzent

Alle Credits

Regie-Assistenz

Kamera-Bühne

Außenrequisite

Innenrequisite

Schnitt

Ton-Design

Darsteller

Produktionsfirma

Produzent

Producer

Produktionsleitung

Dreharbeiten

    • 21.09.2010 - 31.10.2010: München, Regensburg, Wien
Länge:
90 min
Format:
35mm, 16:9
Bild/Ton:
Farbe, Dolby
Aufführung:

TV-Erstsendung (DE): 11.01.2012, ARD

Titel

  • Arbeitstitel (DE) Adele - Das Geld der anderen
  • Weiterer Titel (DE) Adele Spitzeder
  • Originaltitel (DE) Die Verführerin Adele Spitzeder

Fassungen

Original

Länge:
90 min
Format:
35mm, 16:9
Bild/Ton:
Farbe, Dolby
Aufführung:

TV-Erstsendung (DE): 11.01.2012, ARD