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Im botanischen Garten der mittelalterlichen Universitätsstadt Marburg steht ein majestätischer Ginkgobaum, der über mehr als einhundert Jahre hinweg stiller Zeuge menschlicher Geschichten wird. Der Film erzählt drei Episoden aus den Jahren 1908, 1972 und 2020, in denen Pflanzen das Leben ihrer Protagonist*innen prägen und verwandeln. 1908 entdeckt die erste Studentin der Universität mithilfe der Fotografie verborgene Muster der Welt. 1972 erfährt ein junger Student eine innere Wandlung, ausgelöst durch die Beobachtung einer Geranie. 2020 wagt ein Neurowissenschaftler aus Hongkong, der die kognitive Entwicklung von Babys erforscht, ein ungewöhnliches Experiment mit dem alten Ginkgobaum. Poetisch verknüpft der Film die Geschichten von Menschen und Pflanzen und erzählt von Sehnsucht, Verbundenheit und Wandel über Generationen hinweg.
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Weshalb auch drei „Stille Freundinnen“ benötigt wurden, die beiden jüngeren Gingkos wurden nicht zufällig im zentralen Drehort, dem mitten in der Stadt gelegenen Alten Botanischen Garten in Marburg/Lahn, gefunden: Der Ehemann der Regisseurin hatte dort in den 1970er Jahren an der Philipps-Universität studiert. Das im Film häufig gezeigte prächtigste, über einhundert Jahre alte Exemplar wurde in Budapest gefunden.
Ausgerechnet im Corona-Jahr 2020 hat Professor Tony Wong, ein Neurowissenschaftler aus Hongkong, eine Gastprofessur an der Marburger Universität begonnen. Seine Assistentin Ju macht ihn sogleich mit den lokalen Spezialitäten Schweinshaxe und Weißbier, die ja eigentlich eher nach Bayern gehören, vertraut – mit schlimmen Folgen. Künftig wird in Asia-Imbiss in der Altstadt seinen Hunger stillen. Professor Wong forscht über die kognitive und sprachliche Entwicklung von Babys und führt ein ungewöhnliches Experiment mit dem alten Baum, den er mit Sensoren verkabelt, durch. Per Skype ist er mit der französischen Forscherin Alice Sauvage verbunden, die ihm männliche Samen für seinen weiblichen Baum schickt.
Doch kaum hat er eine erste Vorlesung gehalten, in der er mit den Studenten ein Wahrnehmungs-Experiment durchführt, legt der Lockdown den Hochschulbetrieb lahm – und Wong ist in den verwaisten, unwirklich erscheinenden Räumlichkeiten allein mit dem schrulligen Hausmeister Anton. Der sich gestört fühlt durch den fremdartigen Mann, dessen wissenschaftlichen Versuche er nicht versteht und deshalb mehrfach behindert. Bis sich beide beim bestens verträglichen Traditionsgericht „Himmel und Erde“ näherkommen…
Auf der Zeitachse zurück zur Jahrhundertwende, Gergely Pálos‘ Bilder werden Schwarz-Weiß. Die junge Grete, schnell als „waschechte kleine Frauenrechtlerin“ klassifiziert, muss sich einer Prüfungskommission aus einem halben Dutzend ergrauter Lehrstuhlinhaber unter der Leitung von Prof. Winterhalter stellen, um als Frau überhaupt ein Studium aufnehmen zu können. Sie lässt nicht nur alle Invektiven an sich abprallen, sondern blamiert die Herren ein ums andere Mal. Grete darf sich zwar einschreiben, findet als alleinstehende junge Frau aber erst beim Fotografen Fuchs eine Bleibe, nachdem sie sich ihm als Assistentin zur Verfügung stellt. Was sich als Glücksgriff für die Biologie-Studentin herausstellt: Sie lernt das Fotografen-Handwerk von der Pike auf und entdeckt 1908 verborgene Muster des Universums – eingeschrieben in die unscheinbarsten Pflanzen.
Zeitsprung in die auch auf der Leinwand wieder knallig bunten 1970er Jahre. Die langmähnigen, nach Geschlechtern kaum zu unterscheidenden Studenten liegen ganz selbstverständlich auf den um 1900 noch akkurat abgesperrten Grünflächen des Botanischen Gartens und lassen den Joint kreisen. Hannes Brandt muss sich gegen politisierende Kommilitonen wie seinen späteren Freund Francesco behaupten. Der vom Land stammende Student ist mit Tieren und Pflanzen auf ganz nüchterne Weise vertraut, weshalb er die Naturschwärmerei seiner Kommilitonin Gundula für reichlich übertrieben hält. Doch erstaunliche Experimente mit einer Geranie, die unmittelbar auf ihre menschliche Umgebung reagiert, bewirken ein Umdenken.
„Was denkt ein Kleeblatt, bevor es von einem Pferd gemampft wird?“: Ildikó Enyedi begleitet im steten Wechsel drei Experimente mit Pflanzen, welche die stille, beständige und geheimnisvolle Kraft der Natur offenbaren und zugleich der Frage nachgehen, was es bedeutet, Mensch zu sein. Alle gezeigten Versuche, auch der skurrile von Gundula und Hannes, bei dem es einer Geranie gelingt, bei besonderer Stimulierung ein Gartentor zu öffnen, basieren, so die Regisseurin im Pandora-Presseheft, auf realen Forschungen etwa der amerikanischen Psychologin Alison Gopnik, der australischen Ökologin Monika Gagliano und der britischen Neurowissenschaftlerin Anil Seth.
Nach dem Goldenen-Bären-Gewinner „Körper und Seele“ (2017) präsentiert Ildikó Enyedi mit „Silent Friend – Drei Leben, drei Epochen, ein Baum“, gedreht in Schwarzweiß, auf grobem 16mm-Farbfilm (1970er Jahre) und digital, ein poetisches, sensibles Werk, in dem die Beziehung zwischen Pflanzen und Menschen zum Sinnbild für die universelle Sehnsucht nach Verbundenheit wird. Es ist nicht zuletzt ein Plädoyer für die Freiheit der Wissenschaften.
Pitt Herrmann