Das Mädchen auf dem Brett

DDR 1966/1967 Spielfilm

Inhalt

Die 18-jährige Katharina Jens ist eine Meisterin unter den Turmspringern. Alles ist ihr bislang geglückt. Entsprechend hoch sind die Erwartungen, als sie bei einem internationalen Wettkampf für ihre Teamgefährtin Claudia an den Start geht. Doch der schwierige anderthalbfache Salto mit doppelter Schraube missglückt ihr, und die Mannschaft kann nicht den Sieg erringen. Auf einmal kommt die Frage auf, ob sie wirklich gut genug ist. Ihr Trainer rät ihr zu einer Auszeit von einer Woche, um wieder zu sich selbst zu finden, doch für Katharina kommt dies einer Anklage ihres Unvermögens gleich. Zunächst unglücklich, verbringt sie die Tage mit einigen neuen Bekanntschaften, etwa dem Dramaturgen Klemm und dem netten Peter, einem jungen Mann, auf den sie ein Auge geworfen hat. Die Gespräche mit diesen Menschen helfen ihr aus der Enttäuschung heraus.

Die Ausstattung dieser Filmseite wurde durch die DEFA-Stiftung gefördert.

Kommentare

Sie haben diesen Film gesehen? Dann freuen wir uns auf Ihren Beitrag!

Heinz17herne
Heinz17herne
Check-in in einem Nobelhotel. Zum internationalen Wettkampf tritt das Team der DDR in schmucken Ausgehuniformen an, zumal auch die Sportler des großen Bruders Sowjetunion mit den Großbuchstaben CCCP auf der Brust unter dem gleichen Dach wohnen. Die „East Germans“ sind früh am Start, wenn es um die erste Trainingseinheit geht, was den Konkurrenten aus dem kapitalistischen Westen Respekt abnötigt. Gesprungen wird bereits in aller Frühe vom Zehn-Meter-Turm, eine schwindelerregende Sache in den phantastischen Schwarzweiß-Aufnahmen Erich Guskos. Besonders der seit Jahren unumstrittene Star im GDR-Team, Claudia, sorgt für Aufsehen mit einem besonders schwierigen Sprung, dem anderthalbfachen Salto mit doppelter Schraube. Den hat sie wie keine zweite drin und soll mit ihm schon beim Training sämtliche Gegnerinnen schockieren.

Geschockt aber ist vor allem die eigene Delegation, die kurz zuvor noch mit Adlershof eine Direktübertragung des Springer-Wettbewerbs im Fernsehen der DDR vereinbaren konnte: Claudia verletzt sich im Training und kann nicht starten. Jetzt ist mit Katharina Jens die Nummer zwei im Team gefragt. Eine mit gerade 'mal 18 Jahren auf nationaler wie internationaler Ebene bereits außerordentlich erfolgreiche Wasserspringerin, die freilich Claudias schwierige Sprungkombination bisher nur im Training und noch nie in einem Wettbewerb gezeigt hat. „Ich will den Mut haben“: Katharina, die mit ihrer nicht nur körperlich verwundeten Kameradin ein Zimmer teilt, glaubt, Claudia auch psychisch einen Gefallen zu tun, wenn sie dem Mannschaftstrainer gegenüber versichert, ihren Sprung soweit drauf zu haben, dass sie ihn jetzt erstmals auch im Wettkampf zeigen kann. Doch auf dem Turm versagen die Nerven, Katharina versemmelt den Sprung derart, dass sie komplett aus der Wertung fällt – und die DDR aus den bereits sicheren Medaillenrängen.

Zur privaten kommt die nationale Katastrophe – und das vor laufenden Kameras. Nach diesem einschneidenden Erlebnis leidet Katharina an einer Springblockade, die nun schon sechs Wochen andauert und das gesamte Teamgefüge um die wieder genesene Claudia aus dem Gleichgewicht bringt. Weshalb sie der Trainer Korn für eine Woche freistellt: Katharina soll sich über die Ursachen ihrer Ängste klar werden, damit sie diese überwinden kann. Die trainingsfreie Zeit zur Besinnung ist für die ehrgeizige Sportlerin zunächst eine Katastrophe, weshalb sie ihrer „Mutsch“ genannten Mutter auch nichts erzählt. Die sich die Freiheit genommen hat, das Kinderzimmer aufzuräumen und alle Kuscheltiere der doch jetzt erwachsenen Tochter in einen Karton zu stecken. Als Katharina 'mal wieder das heulende Elend packt und sie weder rechts noch links blickt, wäre sie beinahe vom Auto überfahren worden. Der Fahrer aber, der Theater-Dramaturg Klemm, ist besonnen genug, das völlig verstörte Wesen nicht zu beschimpfen, sondern zu einer Tasse Kaffee einzuladen.

„Was ist Angst?“ fragt Katharina, die schon zehn Jahre dabei ist und wohl rund 100.000 Sprünge absolviert hat. Sie erhält vom Praktiker, der allabendlich mit dem Lampenfieber selbst erfahrener Schauspieler konfrontiert wird, eine unerwartete Antwort: „Die Phantasie vor dem Wagnis“. Klemm rät ihr, es mit sportlichem Ehrgeiz zu versuchen. Auch mit anderen, ganz unterschiedlichen Menschen, spricht sie über das Wesen der Angst, so mit ihrem Deutschlehrer. Sie erinnert sich an die großen Erfolge der Vergangenheit, an schöne Erlebnisse bei internationalen Begegnungen und genießt es, statt in die Schwimmhalle ins Kino gehen zu können. Trotzdem wirft sie ab und zu einen heimlichen Blick durch den Türspalt, um zu sehen, was das Team so macht. Der Rundfunkjournalist Peter, ein Freund von Klemm, den sie in der Theaterkantine kennenlernt und auf den ersten Blick mag, nimmt sie unter seine Fittiche – und mit nach Warnemünde zu einem beruflichen Auftrag. Sein lebensfrohes Naturell ist ansteckend, die frische Ostseebrise belebend: Schule und Sport, Studium und Beruf unter einen Hut zu bringen, ist nicht einfach. Aber machbar. Ein einfühlsamer, verantwortungsbewusster Peter der Große lebt es der bald in ihn verliebten Katharina vor: Sie soll erst 'mal Abitur machen – und über ihren Schatten springen, im übertragenen wie im realen Sinne. Alles weitere werde sich dann von allein ergeben...

Obwohl mit Christiane Lanzke die Olympia-Fünfte im Turmspringen von 1964 in der Hauptrolle für Authentizität sorgt, setzt der großartig besetzte, spannende Defa-Sportfilm kaum auf Effekte und Schauwerte, sondern reflektiert als unspektakuläre Alltagsgeschichte über Angst, Selbstbewusstsein, Verantwortung und Motivation. „Das Mädchen auf dem Brett“ ist der erste Film von Kurt Maetzig nach den traumatisierenden Erfahrungen auf dem 11. Plenum des ZK der SED („Das Kaninchen bin ich“, 1965/1990), den er mit dem jungen Rundfunkjournalisten Ralph Knebel schon vor den kunstfeindlichen Beschlüssen der Beton-Sozialisten konzipiert hatte. Er lässt sich auch als Versuch der persönlichen Krisenbewältigung des Regisseurs lesen.

Pitt Herrmann

Credits

Alle Credits

Regie

Drehbuch

Dramaturgie

Kamera

Kamera-Assistenz

Standfotos

Licht

Kostüme

Schnitt

Darsteller

Produktionsleitung

Länge:
2612 m, 95 min
Format:
35mm, 1:1,33
Bild/Ton:
s/w, Mono
Aufführung:

Uraufführung (DD): 16.02.1967, Berlin, Kosmos;
TV-Erstsendung (DD): 14.11.1969, DFF 1

Titel

  • Originaltitel (DD) Das Mädchen auf dem Brett

Fassungen

Original

Länge:
2612 m, 95 min
Format:
35mm, 1:1,33
Bild/Ton:
s/w, Mono
Aufführung:

Uraufführung (DD): 16.02.1967, Berlin, Kosmos;
TV-Erstsendung (DD): 14.11.1969, DFF 1

Auszeichnungen

1967
  • Prädikat: Wertvoll