Biografie
Trude Santen, geborene Linna Hermine Frieda Popp, kommt als uneheliches Kind der Dienstmagd Auguste Agate Maria am 1. April 1891 in Heina, einem kleinen thüringischen Ort im Kreis Hildburghausen, auf die Welt und wächst dort auf. Mit etwa zehn Jahren zieht sie zu ihrer leiblichen Mutter nach Erfurt, besucht dort die Mittelschule und kurze Zeit die Handelsschule. Anschließend arbeitet sie als Korrespondentin, um ihr Schauspielstudium finanzieren zu können. 1917 zieht sie nach Berlin, geht dort an die Schauspielschule des Deutschen Theaters und spielt anschließend einige Rollen am Königgrätzer Theater (heute Hebbel-Theater). Schließlich wechselt sie als Schauspielerin zum Stummfilm. 1922 heiratet Santen den Ingenieur und Autohausbesitzer Richard Malwin Feige.
Zwei Jahre nach dem Ersten Weltkrieg gründet die Schauspielerin 1920 eine eigene Produktionsfirma, die Tesa-Filmgesellschaft. Die Produktionsstätte in der Helmstedter Straße 20 in Berlin-Wilmersdorf ist zugleich der Wohnsitz der Familie. Finanzielle Unterstützung erhält sie von ihrem Ehemann, der auch Teilhaber der Tesa-Film ist. Trude Santen startet ihre Filmproduktion mit einer Satire über das Filmgewerbe ("Kientopp im Kino", 1920, Georg Schubert) und spielt darin neben Ernst Hofmann und Hedda Kemp eine der Hauptrollen. Der Film, der wahrscheinlich unter einem anderen Titel in die Kinos gekommen ist – das lässt sich nicht genau nachweisen –, wird in ihrer Heimat Thüringen gedreht. Im Film-Magazin, herausgegeben von Victor Neuenberg (Verlag Reinhold Kühn, 1920), präsentiert sich Trude Santen unter der Rubrik Darstellerinnen als "Ein werdender Star, der keine Zirkusreklame macht […]" und grenzt sich damit gegen die damals berühmte Regisseurin und Schauspielerin Fern Andra ab, deren Filme häufig im Zirkusmilieu spielen. Weiterhin bewirbt sie mit einer Anzeige ihre neu gegründete Produktionsfirma. Der Abenteuerfilm "Die Diamantenkonkurrenz" (1921) ist ihre erste Regiearbeit. Nach nur zwölf Filmen mit Titeln wie "Die Turfpiraten" (1922) oder "Die schwarze Paula" (1922), bei denen sie abwechselnd Regie führt, Produzentin und / oder Darstellerin ist, gibt sie 1927 mit der erfolgreichen Literaturverfilmung "Benno Stehkragen" nach einem Roman von Karl Ettlinger ihre Filmkarriere abrupt auf. Ihr 1929 geborener Sohn Felix Feige betont, dass der Vater ihr nahe gelegt habe, die Filmerei zu beenden, da die Familie eine Tochter, Trude Henriette Feige, geboren am 28. Oktober 1924, zu versorgen habe. Sie selbst gibt an, dass sie, wegen ihrer Ehe mit einem Juden bereits ab 1923 mit vielen Anfeindungen zu kämpfen gehabt habe. 1929 erhält sie noch einmal ein Rollenangebot von der Pantomim-Filmgesellschaft für einen Film, der in Spanien gedreht werden soll.
Gleich nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wird das Geschäft des jüdischen Autohändlers Richard Malwin Feige arisiert. Der Ehefrau Trude Santen wird nahegelegt, sich scheiden zu lassen, ansonsten würden ihr ihre Kinder weggenommen. Sie beugt sich dem Naziregime, lässt sich scheiden und eröffnet 1936 in Charlottenburg in der Niebuhrstraße eine Schneiderei, um sich, ihren Mann und die Kinder durchzubringen. Da sie für ihre Filme die Kostüme selbst entworfen und genäht hat, ist das Schneiderhandwerk kein Neuland für sie. Ihr Mann, den sie und ihre Freunde lange Zeit verstecken können, wird am 6. Januar 1942 deportiert und am 18. September 1943 in Auschwitz ermordet. Trude Santen stirbt am 8. November 1962 in Berlin.
"Sie war eine ganz besonders durchsetzungsstarke Frau", erinnerte sich der Sohn Felix Feige im Gespräch, "noch stärker war nur die Liebe zu ihren Kindern." (gw)
Quelle:
Berten, Daria; Haupts, Annika; Heizmann, Anna; Jaspers, Kristina (Hg.): Weimar, weiblich. Filmpionierinnen des Kinos der Moderne (1918-1933). München: Edition text+kritik 2025 (Film Erbe, Bd. 7).