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Herbert Georg Albrecht E. Gustav Ihering (Weiterer Name)
Springe Berlin

Biografie

Herbert Georg Albrecht E. Gustav Ihering (häufige Schreibweise auch "Jhering") wurde am 29. Februar 1888 in Springe am Deister geboren. Ab 1906 studierte er Germanistik, zunächst in Freiburg im Breisgau und in München, ab Herbst 1907 in Berlin. Im Januar 1909 begann er, erste Theaterkritiken für die Wochenzeitschrift Die Schaubühne zu verfassen. Schnell wurde er regelmäßiger Mitarbeiter des Blattes und schrieb gelegentlich auch für die Publikationen des Deutschen Theaters, den Theaterkalender, die Zeitschrift der Deutschen Bühnengenossenschaft und den Merker in Wien. Von August bis Dezember 1913 war er als Theaterkritiker bei der Vossischen Zeitung für die kleineren Berliner Bühnen zuständig.

Zur Spielzeit 1914/15 wurde Ihering Dramaturg an der Wiener Volksbühne, einem progressiven Vorstadttheater. Dort betätigte er sich auch als Regisseur, was er später als wichtige Bereicherung für seine Kritikertätigkeit anführte. Im Frühjahr 1918 kehrte Ihering nach Berlin zurück, wo er als Theater- und Filmkritiker arbeitete. 1919 trat er bei der Zeitung Der Tag die Nachfolge des berühmten Theaterkritikers Alfred Kerr an. 1922 wechselte er zum Börsen-Courier, einer einflussreichen Zeitung, die im Politik- und Wirtschaftsteil deutlich konservativ war, in ihrem Feuilleton aber auch "linke" Autoren wie Béla Balász und Bertolt Brecht zu Wort kommen ließ. Dort avancierte Ihering zu einem der der bedeutendsten Theater- und Filmkritiker der Weimarer Republik. Nicht zuletzt für den noch jungen Bertolt Brecht wurde er ein wichtiger Förderer. Nach der Münchner Uraufführung von Brechts "Trommeln in der Nacht" verkündet er: "Der 24jährige Dichter Bert Brecht hat über Nacht das dichterische Antlitz Deutschlands verändert." Wenig später setzte Ihering sich als Vertrauensmann der Kleist-Stiftung erfolgreich dafür ein, dass Brecht den Kleist-Preis erhielt.

Durch seine Brecht-Förderung, aber auch durch seine ästhetischen und politischen Auffassungen wurde Ihering zu einer Art Antipode des prominenten Kritikers Alfred Kerr. Auch die Vorstellungen von der Aufgabe der Kritik gingen bei Kerr und Ihering auseinander. Während Kerr scharfe Urteilssprüche mit feuilletonistischem Witz verkündete ("Geistreicheleien", so Ihering), wollte Ihering mit seinen Kritiken konstruktiv auf das Bühnenleben einwirken. Nicht zuletzt analysierte er in seinen Texten die Leistungen der Darsteller, was damals eher unüblich war. Neben der Arbeit für den Berliner Börsen-Courier schrieb Ihering auch für Zeitschriften wie Das Tage-Buch und war als Theaterkorrespondent für diverse auswärtige Zeitungen tätig. Er veröffentlichte viel diskutierte Streitschriften zur Theaterpolitik und hielt Vorträge im Rundfunk.

Nachdem er bereits in der Weimarer Republik eine Instanz der Theater- und Filmkritik geworden war, konnte Ihering seine Arbeit im Nazi-Regime praktisch nahtlos fortsetzen – im Gegensatz zu Alfred Kerr, der im Februar 1933 emigrierte. Als der Börsen-Courier Ende 1933 eingestellt wurde, übernahm Ihering sogar den Job seines alten Rivalen beim Berliner Tageblatt. Trotz einzelner Denunziationen (etwa durch den Intendanten Graf Solms) konnte er dort für mehrere Jahre publizieren, wenngleich seine Kritiken bisweilen zensiert wurden.

Seine Arbeit während der Nazizeit brachte Ihering scharfe Kritik ein. In seinem Roman "Mephisto" (1936) karikierte Klaus Mann ihn als opportunistischen Journalisten namens Dr. Ihrig. Alfred Kerr reimte ein Spottgedicht auf den "Rezensenten Hering": "Er mimte den Herold Piscators und Brechts. / Doch als ihr Todfeind kam – da kroch / Er diesem rasch ins braune Loch. // Und doch: / Der Nazi strich das triste / Subjekt von seiner Liste." Tatsächlich untersagte die Reichspressekammer Ihering im Juni 1936 die weitere Tätigkeit als Kritiker. Stattdessen wurde er Besetzungschef bei der Tobis Film. Ab 1941 publizierte er mehrere Schauspieler-Monografien. 1942 ging er als Dramaturg und künstlerischer Beirat ans Wiener Burgtheater.

Nach dem Kriegsende und der Befreiung Deutschlands engagierte Ihering sich in Berlin bei der Neuorganisation des Theaterlebens in der zerstörten Stadt. Er gehörte einer Kommission an, die sich in Zusammenarbeit mit den sowjetischen Kulturoffizieren um die Wiedereröffnung der Bühnen bemühte; er nahm Kontakt zu Brecht auf und unterstützte 1949 die Gründung von dessen Berliner Ensemble. Von 1945 bis 1954 war er zudem Dramaturg am Deutschen Theater in Ost-Berlin. Anfang der 1950er Jahre gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der Sektion 'Darstellende Kunst' der Akademie der Künste Ost.

Zwar wohnte Ihering im West-Berliner Stadtteil Zehlendorf, jedoch schrieb er fast ausschließlich für die DDR-Presse, vor allem für die Berliner Zeitung und für den Sonntag. 1955 erhielt er den Lessing-Preis der DDR. Im gleichen Jahr bekam er in der verhältnismäßig liberalen DDR-Kulturzeitschrift 'Sinn und Form' eine regelmäßige Rubrik mit dem Titel "Bemerkungen über Theater und Film". Auf Grund anhaltender Kritik an seiner positiven Haltung zum westdeutschen Theater musste er die Rubrik jedoch zum Jahresende 1962 einstellen. Auch seinen Posten als Sekretär der Sektion Darstellende Kunst in der Akademie musste er räumen.

Zwar wurde der einstige Großkritiker der Weimarer Republik in den folgenden Jahren in der DDR mehrfach geehrt, etwa 1968 mit dem Heinrich-Mann-Preis, aber sein öffentlicher Einfluss war mangels Publikationsmöglichkeiten geschwunden. Während des Kalten Krieges blieben ihm auch die großen Zeitungen des Westens versperrt. Allein die linke, 1969 eingestellte Andere Zeitung druckt seine Kritiken; danach erschienen bis 1974 gelegentlich Texte von ihm in der Recklinghäuser Zeitung.
1971 würdigte man Ihering beim Deutschen Filmpreis mit einem Ehrenpreis für sein "langjähriges und hervorragendes Wirken im deutschen Film" aus. Seine einflussreichen Zeiten als tagesaktueller Kritiker waren zu diesem Zeitpunkt freilich längst vorbei. Am 15. Januar 1977 starb Herbert Ihering in Berlin.