Biografie
Clärenore Stinnes, geboren im Januar 1901, wächst als drittes von sieben Kindern des Großindustriellen Hugo Stinnes und seiner Frau Cläre auf. "Soweit ich in meine Kindheitstage zurückblicken kann, war ich nie frei von dem Wunsch nach Abenteuern. […] Oft musste ich mir anhören, dass ich mich gar nicht wie ein Mädchen zu benehmen wüsste und noch schlimmer als die Jungens sei", erinnert sie sich in "Im Auto durch zwei Welten" (1929). Die zunächst unbeschwerte Kindheit endet mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges, in dessen Verlauf sie als Hilfskrankenschwester in einem Lazarett tätig ist. Clärenore Stinnes hat zeitlebens eine enge Beziehung zu ihrem Vater, der zu den einflussreichsten Industriellen des Landes zählt. Ihr Wunsch, in seinen Konzern einzutreten, wird jedoch nach dessen frühen Tod im Jahr 1924 von ihrer Mutter verhindert, die ihre Brüder das Erbe antreten lässt. Im selben Jahr beginnt sie, mit Wagen aus einem Werk, an welchem das Familienunternehmen beteiligt ist, Autorennen zu fahren.
Sie avanciert zur erfolgreichsten Rennfahrerin Europas. 1926 nimmt sie an einer von der kommunistischen Partei Russland ausgeschriebenen Rallye von St. Petersburg nach Moskau teil und kann sich in ihrer Klasse durchsetzen. Dabei sammelt sie wertvolle Erfahrungen im Fahren auf unbefestigten Straßen. "Daneben brachte diese Fahrt aber uns Fahrern eine Kenntnis des Landes, seiner Bevölkerung und der Lebensbedingungen, wie wir sie nie hätten gewinnen können, wenn wir die gleiche Strecke mit der Eisenbahn gefahren wären", reflektiert sie später in ihrem Reisebericht (Im Auto durch zwei Welten. Die erste Autofahrt einer Frau um die Welt 1927 bis 1929. Berlin: Reimar Hobbing 1929, S. 4). Von diesen technischen wie kulturellen Erfahrungen inspiriert, beginnt Clärenore Stinnes gemeinsam mit der Firma Adler die Planung einer Weltumrundung. Die Expedition wird von der deutschen Industrie unterstützt, so von Bosch, Continental und Aral. 1927 bricht sie mit einem serienmäßigen Adler Standard 6 von Frankfurt am Main auf. Die Reise führt über den Balkan und den Mittleren Osten in die Sowjetunion, über den gefrorenen Baikalsee in die Mongolei, durch die Wüste Gobi und das im Bürgerkrieg befindliche China, über Japan und Hawaii nach Südamerika für eine Querung der Anden, durch die USA von Vancouver bis nach New York und abschließend von Le Havre zur AVUS nach Berlin. Als Expeditionsleiterin wird sie von zwei Mechanikern begleitet, die mit einem Lastwagen Ersatzteile, Benzin und Öl mitführen. Beide brechen die Reise jedoch vorzeitig ab. Nur der schwedische Kameramann Carl-Axel Söderström, der die Reise fotografisch begleitet, bleibt bis zuletzt an ihrer Seite. Die Weltumrundung durch insgesamt 23 Länder dauert zwei Jahre und einen Monat – nach knapp 47.000 Kilometern treffen beide am 24. Juni 1929 in Berlin ein.
Im selben Jahr veröffentlicht Stinnes ihren Expeditionsbericht "Im Auto durch zwei Welten". Noch mehr mediale Aufmerksamkeit erregt der gleichnamige Dokumentarfilm "Im Auto durch zwei Welten" (1931) – Stinnes und Söderström fungieren dabei sowohl als Regie- wie auch als Produktionsduo. Zur selben Zeit werden die ersten Tonfilme präsentiert, sodass sie entscheiden, die Reiseaufnahmen nachträglich von Stinnes kommentieren zu lassen, wobei eine äußerst rassistische Perspektive auf die fremden Kulturen zum Ausdruck kommt. Der Film feiert große Erfolge im Kino.
Carl-Axel Söderström lässt sich im Anschluss an die Expedition von seiner Frau scheiden und heiratet Clärenore Stinnes im Dezember 1930. Das Paar bezieht ein Gut im Süden Schwedens. In den 1970er Jahren stößt der Dokumentarfilmer Michael Kuball auf die einzige überlieferte Kopie von "Im Auto durch zwei Welten" (1931) und verhilft der lange übersehenen Automobil- und Filmpionierin zu später Anerkennung. 1990 stirbt Clärenore Söderström in Schweden.
Ausgewählte Literaturhinweise
Ulrike Ottinger: Adler ohne Flügel. Über "Im Auto durch zwei Welten" (1927–1931). In: Karin Herbst-Meßlinger, Rainer Rother, Annika Schaefer (Hg.): Weimarer Kino neu gesehen. Berlin: Bertz + Fischer 2018, S. 178–185.
Gerlinde Waz: Aufbruch ins Unbekannte. Frauen hinter der Kamera. In: Bundeskunsthalle, Deutsche Kinemathek (Hg.): Kino der Moderne. Film in der Weimarer Republik. Dresden: Sandstein Verlag 2018, S. 152–163.
Quelle:
Berten, Daria; Haupts, Annika; Heizmann, Anna; Jaspers, Kristina (Hg.): Weimar, weiblich. Filmpionierinnen des Kinos der Moderne (1918-1933). München: Edition text+kritik 2025 (Film Erbe, Bd. 7).