Karla

DDR 1965/1966 Spielfilm

Karla



Erika Richter, in: Ralf Schenk (Red.): Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg 1946-92. Herausgegeben vom Filmmuseum Potsdam. Berlin: Henschel 1994.


Alle folgenden Arbeiten befanden sich in verschiedenen Stadien der Fertigung und wurden – mit Ausnahme von "Spur der Steine" – erst nach dem Herbst 1989 zu Ende gebracht. Darunter "Karla", für mich einer der schönsten, menschlich berührendsten Verbotsfilme, die Geschichte einer jungen Lehrerin, die nach dem Studium an eine Oberschule im Norden des Landes kommt. Auf der Hochschule hatte sie Anfang der sechziger Jahre Vokabeln wie "eigene Meinung", "Meinungsstreit" gehört und auch, daß die Jugend der "Hausherr von morgen" sei. Nun versucht sie, die Schüler ernstzunehmen und in einer Atmosphäre gegenseitiger Kritik und gegenseitigen Respekts zu ermutigen, selbstständige Menschen zu werden. Sie findet Freunde und Feinde, und sie findet auch einen Mann, der, ehemals Journalist, über Stalins Verbrechen schreiben wollte und sollte und dann doch nicht durfte und der sich seitdem verweigert und im Sägewerk arbeitet. Er sagt ihr, daß das, was sie will, nicht gut gehen wird. Und obwohl er recht behält, ist es doch sie, die ihn wieder lebendig macht, so daß er ihr, als sie strafversetzt wird, folgt.

Das Erlebnis dieses Films ist Jutta Hoffmann als Karla. Sie strahlt eine reine, kristallklare menschliche Kraft aus, Glauben an die Möglichkeit, aufrecht, nicht anpasserisch durchs Leben zu gehen, Vertrauen in die jungen Leute. Man konnte und kann diesen Film nicht anders als mit großer innerer Bewegung sehen. Herrmann Zschoche bezeichnet die Figur in einem Gespräch von 1990 zurecht als eine Heilige Johanna. Er führte Jutta Hoffmann, mit der er damals verheiratet war, so, daß sie einerseits streng und stark wirkt, keine Feder im Wind, sondern ein junges Mädchen mit Charakter. Zugleich gibt es viele intime, spontane kleine Reaktionen in Sprache und Gestus, durch die man das Gefühl einer Begegnung mit einem Zauberwesen hat. Das Anrührende dieser Figur geht über spezifische DDR-Erfahrungen hinaus. Bei der Aufführung des Films im Forum 1990 wurde von Diskussionsteilnehmern aus dem Westen immer wieder geäußert, daß sie ihre eigenen Erfahrungen und Erlebnisse in Karlas Schicksal wiederfänden.

Das Aus für den Film kam während der ersten Synchrontage. Hier einige Vokabeln aus dem Antrag auf "Ausbuchung", der am 4. März 1966 vom neuen Studiodirektor Franz Bruk an den neuen Filmminister Dr. Wilfried Maaß gestellt wurde: pessimistische und skeptizistische Grundhaltung, verbunden mit einer teilweise falschen Geschichtsbetrachtung; die Hauptfigur kämpfe unablässig um Ehrlichkeit und Wahrheit und käme damit im Widerspruch zu den Vertretern der Staatsmacht; künstlicher Widerspruch zwischen Ideal und vollkommener Wirklichkeit; Grundprinzipien des sozialistischen Realismus aufgegeben, Position der Parteilichkeit verlassen.