Ich bin die Andere

Deutschland 2005/2006 Spielfilm

Ich bin die andere

Abgründige Leidenschaften im neuen Film von Margarethe von Trotta



Claudia Lenssen, epd Film, Nr. 10, 2006

Deutschlands bekannteste Regisseurin ist nie den geraden Weg gegangen und hat "ihr" Kino immer wieder neu erfunden. So auch in ihrem aktuellen Film, der nach dem engagierten historischen Drama "Rosenstrasse" mit einer stilisierten Form und bewusst unkorrekten Setzungen überrascht.

Ein Mann verfällt einer Frau, die das Lieben nicht gelernt hat. Sie kann sich nicht von ihrem Vater lösen, das heißt, aus einer Qual der Unterordnung und der Schuldgefühle, die sie zur Spaltung in drei stereotype Weiblichkeitsrollen zwingt: die triebverdrängende Geschäftsfrau, die Nymphomanin, die ewige Elfen-Tochter. Das ist Kolportage pur, eine kinotaugliche Variante von C.G. Jungs Psychoanalyse-Modell des Elektra-Komplexes, vor allem jedoch ein überraschend unsentimentales Thriller-Melodram, das seine Vorbilder Fassbinder, Hitchcock, De Palma und Chabrol nicht verleugnet. Als universelles Genrestück ist Margarethe von Trottas Film Ich bin die Andere eine geschlossene Welt aus Wahn und purer Spannungsdramaturgie, als deutsches Melo ein abgeklärtes Spiel mit Signalelementen aus der Psychopathologie gehobenen Alltagslebens hierzulande.

Alles wirkt ausgesucht, abstrakt, von einer modellhaften Irrealität, die gegen den Fernsehnaturalismus zu Felde zieht. Axel Blocks exzellente Kamera arbeitet mit künstlichem Rot und Blau, wann immer sich das fatale Protagonistenpaar des Films begegnet, mit Weiß-, Braun- und Schwarztönen, wenn die Welt des herrschsüchtigen Vaters ins Bild kommt. Weinberge am Rhein, ein kubusartiges Architekten-Traumhaus am Ammersee: Die Schauplätze sind von greller Symbolik, stehen für ein Deutschland cooler Mitdreißiger, die Gefühle als etwas Abgespaltenes erleben, im Grunde aber Kinder bleiben, die hypnotisiert in destruktiver Abhängigkeit verharren.

Ein Plot, der von einem eloquenten psychosadistischen Patriarchen und seiner masochistischen Tochter handelt – diese selbstzerstörerisch gewendete Elektra-Geschichte widerspricht der gängigen Political Correctness, passt nicht in die Debattenlandschaft um starke Frauen und schwache Männer. Auf den zweiten Blick jedoch wirkt sie wie ein sarkastischer Kommentar auf den Angst einflößenden demografischen Generationenüberhang, der ungefähr so lauten könnte: Vorsicht! Die Fallhöhe von Obsessionen im familiären Binnenklima wirkt auch da, wo Familie in bizarre Patchworkarrangements zerfällt. Die Alten strafen die Jungen für entgangene hedonistische Freuden.

Soweit der ironische Touch des Drehbuchs. Pea Fröhlich und Peter Märthesheimer, ein kenntnisreiches Autorenteam, das schon "Die Ehe der Maria Braun" und weitere Scripts für Rainer Werner Fassbinder schrieb, entwickelte es nach einem Roman von Märthesheimer. Es war sein letztes, noch vor Drehbeginn ist er gestorben.



Erzählt wird von einer Amour fou, die den erfolgsverwöhnten Architekten Robert Fabry (August Diehl) aus seinem Milieu der gläsernen Neubauten in die düster-groteske Patriziervilla eines rheinischen Winzers verschlägt. Fabry ist mit seiner Kollegin Britta verlobt (Bernadette Heerwagen), die ihn ziehen lässt – die einzige wirklich Liebende des Films, die lieber vernünftig analysiert als um ihre Liebe zu kämpfen.

Fabry ist von einer Frau fasziniert, die nachts als betrunkenes Luder Carlotta in einem Frankfurter Hotel ihre Freier sucht, tagsüber als Anwältin Carolin Winter souverän und distanziert Verträge ausarbeitet. Als Fabry der Anwältin nahe kommen will, verstößt er gegen ein Tabu, wird sein grobes Verhalten unmittelbar als Vergewaltigung aufgefasst, reagiert Carolin verstört mit der Flucht. Fabrys Suche nach der Frau mit den zwei Gesichtern führt ihn ins Haus ihrer Eltern.

Katja Riemann, die schon in Trottas "Rosenstrasse" eine konzentrierte Leistung als Charakterschauspielerin zeigte, gibt keine ihrer drei Rollen der Lächerlichkeit preis und macht die überraschenden Loops der Obsessionen glaubhaft. Überhaupt lebt dieser Film auch deshalb von seinen Bildern, weil sehr gute Schauspieler das Psycho-Panoptikum bevölkern. Armin Mueller-Stahl gibt den alten Winter im Rollstuhl als sardonischen Rechthaber und rachsüchtigen Schöngeist. Karin Dor brilliert in einer bizarren Rolle, die ihr komisches Talent offenbart; sie ist Winters alkoholumnebelte Gattin, eine frustrierte Gesellschaftsdame und naive Plaudertasche, die keinerlei Beziehung zu ihrer Tochter hat. Barbara Auer ist Fräulein Schäfer, die Hausdame, die einst als jugendliche Sexpartnerin des Vaters Carolins Trauma mit heraufbeschwor und nun als Dienerin in bedrohlicher Domina-Eleganz durchs Haus schwebt (die einzige Figur, deren Platz im pathologischen Tableau nicht überzeugend motiviert ist).

Wie es sich für ein Melodram gehört, versuchen die Protagonisten, durch Flucht der Verstrickung zu entkommen, intensivieren das Drama jedoch an ihrem Traum-Schauplatz – hier: die marokkanische Wüste – umso mehr. Trotta hat eine starke Metapher für die tödliche Konsequenz der Geschichte parat: Robert Fabry erwartet am Ende seine Braut, die endlich geheilte Carolin, in einem altmodischen Belvedere, ausgerechnet dem Lieblingsplatz des Alten, von dem aus er auf den mythischen Rhein hinunterschauen kann. Diese symbolische Übernahme durch den jungen Mann lässt der Alte in einem finalen Akt nicht gelten, lieber reißt er seine Tochter mit in den Tod. Wie das gezeigt wird, ist von souveräner Bösartigkeit. Am Schluss bleiben nur Blicke.