I.N.R.I.

Deutschland 1923 Spielfilm

I.N.R.I.


Hi. (= Professor Hildebrandt), Lichtbild-Bühne, Nr. 52, 29.12.1923


Nach dem italienischen Christus-Film grauenhaften Angedenkens war man auf die Schöpfung Robert Wienes für die Neumann-Produktion doppelt gespannt. Darstellungen der Heiligen Geschichte sind stets ein Wagnis, weil uns die Unmittelbarkeit der Einstellung fehlt, die noch das Mittelalter in seinen Passions-Spielen hatte. Selbst der kleine Überrest, der uns von ihnen in Oberammergau geblieben ist, erscheint uns mehr als Kuriosität denn als Erlebnis. Dieses ganze Dorf ist in einen Schleier der Mystik gehüllt, die auch das profane Leben der einzelnen Darsteller vergeistigt. Hier aber im Film sollte nun das Heilige unmittelbar in die "gemeine Wirklichkeit der Dinge" hineinplatzen – sogar ohne die Milderung durch das Wort.

Der starke, nachhaltige Eindruck, den der Film am 1. Weihnachtsfeiertag auf das Publikum gemacht hat, bewies, daß Wiene den richtigen Weg gefunden hat. Ohne die Entrückung ins Mystische ist es ihm gelungen, die Hoheit der Gestalt Christi in einprägsame Formen zu fassen. Er hat bewußt die bewundernswürdige Kunst seiner Regie, die wir schon aus dem "Caligari"-Film kennen, in den Dienst einer durchaus realistischen Auffassung vom Leiden und Sterben des Heilands gestellt. Überall, wo er Massenszenen gibt, versteht er es, mit ganz unauffälligen und deshalb um so stärker wirkenden Mitteln, Christi Person als die beherrschende empfinden zu lassen. Ob er nach der Bergpredigt durch die aufgeregten Massen geht oder ob er der Volksmenge von Pilatus neben Barrabas gezeigt wird – immer steht er im Mittelpunkt des Geschehnisses, zieht er aller Augen auf sich. Überhaupt sind die Massenszenen vortrefflich in der Regie: Anders als bei Lubitsch, aber ihm durchaus gleichwertig, weiß uns Wiene die Gewalt großer Volksmengen vor Augen zu führen. (...)

Was so wohltuend bei dem ganzen Film berührt, ist die Abwesenheit jeder Tendenz. Schicksalsmäßig rollt sich das ganze Geschehen ab; niemand eigentlich trägt wirkliche Schuld, und so gewinnt das Ganze ein übergewaltiges Pathos, dessen Eindruck man sich nicht entziehen kann. Es war vielleicht nicht ganz richtig, diese innerliche Spannung durch eine allzusehr in die Einzelheiten gehende Schilderung des Leidens am Kreuz zu lösen, oder, wenn man will, zu veräußerlichen. Gerade wo es Wiene abgelehnt hatte, der gläubigen Tradition bis in alle Einzelheiten zu folgen, lag um so weniger Grund vor, die Kraßheit der letzten Szenen besonders zu unterstreichen. Es soll Wiene unvergessen bleiben, daß er sein ganzes ernstes, künstlerisches Wollen in diesen Film hineingesetzt hat. Man sollte meinen, daß, wo immer fühlende und denkende Menschen sich versammeln, sein Christus-Film denselben Eindruck machen wird, wie bei seiner Erstaufführung.