Die Frau und der Fremde

DDR 1984 Spielfilm

Eine Liebesgeschichte als unerhörte Begebenheit.

"Die Frau und der Fremde"


Günter Agde, Filmspiegel, Berlin/DDR, Nr. 4, 1985

Die Novelle war in der Literatur noch immer diejenige Kunstform, die am stärksten zu gestalterischer Disziplin und zur Mobilisierung derjenigen Kunstmittel drängte, mit denen aus Naturalismus und bloßer Schilderung von Vorgängen ein gedrängt-überhöhtes, bedeutungsreiches, assoziatives Kunstwerk entstand. Die besten Verfilmungen dieses Genres haben denn auch gerade von dieser gestalterischen Eigengesetzlichkeit merklich profitiert.

Rainer Simon gelang, indem er sich ziemlich eng an seine Vorlage hielt, sein nach meiner Meinung bislang stilistisch in sich geschlossenster Film. Das bringt freilich auch eine Bändigung der Fabulierlust und der filmischen Opulenz mit sich, die vorausgegangene Filme Simons wie "Das Luftschiff" und "Zünd an, es kommt die Feuerwehr" charaktensierten. Man wird die Synthese von optischem Phantasiereichtum und Formenstrenge in den nächsten Filmen erwarten können. Die Entwicklung Simons "bis hierher" war produktiv-anregend und stand unserer Kinematographie gut zu Gesicht.


Rainer Simon nahm für seinen Film "Die Frau und der Fremde" eine Novelle Leonhard Franks zur Grundlage, die literar-historisches Aufsehen erregte, weil sie in einem engen, psychologisch äußerst zusammengepressten Knäuel einer Dreiecks-Beziehung und deren jähen Wendungen, eine Nach-Bereitung des Erlebnisses des ersten Weltkrieges auf eigene Art bot. Derlei wirkt heutzutage nicht mehr sensationell, und so tat Simon – der auch sein eigener Szenarist war – gut daran, ganz auf die Liebesgeschichte zu bauen und sie in ihrer Abfolge, sozusagen hintereinanderweg, zu erzählen. (…) In der Komprimiertheit dieser Fabelskizze steckt alles "Unerhörte", Einmalige, extrem Außergewöhnliche einer solchen Liebesgeschichte. Da muß man halt reichlich Unwahrscheinliches als gesetzt hinnehmen, auch wenn man es nicht mitvollziehen kann, auch wenn Anflüge von Leonhard Franks Neigung zum Edel-Leicht-kitschigen wahrnehmbar bleiben. Aber Rainer Simons entschlossenes Bekenntnis zur außergewöhnlichen Liebesgeschichte drückt alle diese berechtigten Bedenklichkeiten in die zweite Reihe. Behutsam, mit Geschmack und zugleich optischer Sinnfälligkeit setzt Rainer Simon in Szene, was bei Frank mehr epische Folie und Hintergrund bildet, was aber für diesen Film Bestandteil und Würze des besonderen der Handlung darstellt – der furchtbare Krieg, der alle Maßstäbe menschlichen Zusammenlebens böse verschiebt und alle ethischen Werte gefährdet. Da findet Simon – über das allgegenwärtige bittere Symbol des hölzernen Hindenburgs hinaus – zu genauen, zugleich individuellen Details, Episoden und Figuren, die den breiten Strom an Zeitumständen und Abhängigkeiten bilden, der die besondere Liebesgeschichte umspült, einbettet und zugleich mitträgt. Simon bleibt in der selbstgewählten Konsequenz und setzt auf die Darsteller der drei Hauptrollen, deren Zusammenspiel weithin den Reiz und die Suggestivkraft des Films ausmachen, zumal ein Großteil der Handlung die Darsteller eng in einen Schauplatz, die Wohnküche Annas, zwängt. Simon besetzte die Rollen erstaunlich jung und mit weithin unbekannten Schauspielern. Das vor allem ermöglicht ihm, die Geschichte nah ans Heute zu rücken. Er läßt seine Darsteller ihre tiefen Gefühle und Gefühlsumbrüche nicht laut oder weit ausspielen, sondern fordert ihnen innere Intensität, gewissermaßen ein Brennen aus der Seele heraus, ab. Das verstärkt das Exemplarische der Handlung, verleiht den Figuren Glaubwürdigkeit und macht auf Verletzbarkeiten und Gefährdungen betont aufmerksam. (…)