Harakiri

Deutschland 1919 Spielfilm

Japan in Stellingen


Margot Meyer, Film-Kurier, Nr. 94, 24.9.1919


Alles in Hamburg trägt den Stempel einer ruhigen Gediegenheit, die Überraschungen liebsamer wie unliebsamer Art nach Möglichkeit ausscheidet. In pikantem Gegensatz dazu steht das Wetter. Es ist von einer so entzückenden, geradezu künstlerisch anmutenden Unbeständigkeit, daß man als Mensch, der einen Regen- und einen Sonnenschirm sein eigen nennt, seine helle Freude daran haben kann. Noch dazu, wo es sich um eine künstlerische Note handelt, die nichts kostet. Denn für künstlerische Angelegenheiten, die der Stadt etwas kosten können, haben wir Hamburger nun mal nicht viel übrig. Und so können wir auch nicht begreifen, weshalb ein Häuflein Menschen draußen im Tierpark zu Stellingen verzweiflungsvoll den sonnenlosen Himmel anstarrt; bis wir erfahren, daß es Filmmenschen sind, daß sonnenlose Tage unter Umständen viel Geld kosten können und daraufhin sofort mitempfinden. Der allgewaltige Märchenonkel, der als künstlerischer Beirat der "Decla" immer wieder eine würdige Stätte für ihre hochfliegenden Pläne bereitet, hat diesmal besonders tief in seinen schier unerschöpflichen Beutel gegriffen und ein japanisches Milieu für den zweiten Film der Decla Weltklasse "Harakiri" geschaffen, das nicht nur das Auge des Filmfachmanns, sondern auch das der Besucher des Tierparks entzückt. Je nach Stand und Bildung vernimmt man staunende "Ahs", "Ohs" und "Gott, wie gediegen!" oder "Nu kiek eens an!"

In anmutiger Farbenpracht schmiegt sich das Vaterhaus der Heldin an einen kleinen verträumten See; hoch am Felsen klebt, von Glyzinen und Apfelblüten überrankt, das Heim ihrer jungen Liebe, und auf anderem Terrain wartet ein japanisches Städtchen des Lebens, das durch seine Straßen fluten soll. Das Reizvolle an der Aufmachung ist, daß auch die Innenaufnahmen hier in den eigens erbauten japanischen Häusern gedreht werden, daß die Atelierkulisse fehlt und an ihre Stelle eine verblüffende Echtheit tritt. Zufrieden schmunzelnd steht Heinrich Umlauff, der Erbauer, unter all seinen Kostbarkeiten und sieht weder wie ein Märchenonkel noch wie ein Weihnachtsmann, sondern nur echt, echt hamburgisch aus.

Aber was nützt all die Pracht, wenn die Sonne fehlt, ohne die Faßbender seinen berühmten Dreh nicht macht? Melancholisch steht Fritz Lang, der Regisseur, auf dem Steg am See und hilft, Lampions an die glatten, japanischen Boote hängen. Jetzt hebt er den Blick zum Himmel und sagt düster das einzige Wort, das er uns Hamburgern schon abgelauscht hat, alles hineinlegend, was er an Grimm, Ärger und Galgenhumor im Herzen trägt: "Igitt!" Dann arbeitet er ergeben weiter, und ich warte sehnsüchtig darauf, daß sein Monokel endlich in den See, mitten unter die fröstelnd erschauernden Wasserrosen fallen und damit den Beweis erbringen wird, daß es nicht festgewachsen ist. . . . .


Aber Frau Sonne hat ein Einsehen. Die Wolkenwand verzerrt und verschiebt sich, und plötzlich lacht ein Stücklein blauen Himmels herab. Lang scheint es nicht zu bemerken und sieht so furchtbar aus, daß niemand wagt, ihn aufmerksam zu machen. Aber die Künstler, die wartend umhersitzen, verlieren ihre Gleichgültigkeit. Lil Dagover greift nach dem Spiegel und wirkt mit ihrem farbenfrohen Kimono auf der Stufe ihres "Vaterhauses" wie ein Bild. Paul Biensfeldt bricht sein interessantes Gespräch über die Hamburger Delikatessen ab, während Georg John, Bruno Lettinger und Meinhard Maur über den Wert japanischer Masken streiten. Und als nun die ersten Strahlen der Sonne den langen Zug der heraneilenden Japaner und Japanerinnen beleuchtet und funkelnde Reflexe auf all der Farbenpracht aufblitzen läßt, da verbirgt Fritz Lang sein erleichtertes Aufatmen hinter einem blasierten: "Na ja, also los!", und das Schweigen am See verwandelt sich in ein japanisches Idyll.

Kurze Zeit darauf ziehen malerisch die vollbesetzten Boote durch den See, rammen sich infolge geschickten Paddelns im Anfang fast gegenseitig in den Grund und gleiten dann elegant den Landungssteg an Butterflys Vaterhaus zu, wo die Festgäste zaghaft den entsetzlich schwankenden Fahrtgelegenheiten entsteigen und innerlich feststellen, daß Geishaspielen süß, aber mitunter eine kipplige Geschichte ist. Lil Dagover aber lächelt an der Seite ihres Vaters den Gästen ihr freundliches Schmetterlingslächeln. Und ich fühle mit Faßbender, der vor sich hin murmelt: "Donnerwetter, wenn man das erst farbig aufnehmen könnte!"