Autobus Nr. 2

Deutschland 1929 Spielfilm

Autobus Nr. 2



P. M., Lichtbild-Bühne, Nr. 195, 16.8.1929



Das Bestechendste an diesem Film ist die tiefe Publikumskenntnis, die jede Einzelheit dieses ausgezeichnet gemachten Films bestimmt hat. Hier ist alles, was im Kino verlangt wird: die Frau aus dem Volke, die aus einem albernen Zufall für eine halbe Stunde vornehme Dame wird, die diesen kurzen Traum fast mit ihrem Lebensglück bezahlt und schließlich doch bei einem happy end anlangt, weil eine amüsant-geschickte Verwicklung es will. Der Beifall war groß und rechtmäßig und er wird sich noch in dem Maße steigern, als das Publikum weniger um künstlerischer Erhebung willen als um der angenehmen Unterhaltung willen in das Kino geht.


Die Fabel Alfred Schirokauers ist nicht sehr aufregend erdacht, aber ausgezeichnet komponiert. Es sind Rollen geworden, Rollen von dem Format, die jeder Schauspieler liebt. Der brave, temperamentvolle Autobusschaffner, die blonde, ein bißchen lebenshungrige Frau, die abgebrühte Kokotte – das ist alles filmgerecht gesehen bis auf den fetten Diener, der sich in der Rolle des eingebildeten Kranken gefällt. (...)


Die Regieführung Max Macks zeigt in jedem Meter den alten Kenner der Leinwand, dessen Augen schon zum Objektiv geworden sind, dessen Gehirn wie eine Kamera arbeitet. Überall sind die Personen und Vorgänge ins Filmisch-Wirksame gedreht, alles, auch das Banalste, wird durch hübsche Einfälle appetitlich gemacht, immer kommt eine neue Wendung, immer gibt es etwas, das überrascht. Gerade, weil das Manuskript etwas herkömmlich ist, gefällt Macks geschmackvolle, kennerische Arbeit um so mehr.

Die blonde Schaffnersfrau ist Lee Parry. Sicher die eleganteste Schaffnersfrau, die je eine Projektionsfläche betreten hat. Sie hat alle Reize einer: sentimentalen lebensfreudigen Blondine – sie ist pikant und liebevoll, reizend erschreckt und leicht geängstigt. Rein darstellerisch kommt das alles ausgezeichnet: der Regisseur hat sie ungemein geschickt geführt. Ihr Mann ist Fritz Kampers, der diesmal alle Mätzchen sein lässt und einen Mann spielt, mit großer Wirkung, wie der gestrige Abend bewies. Der genußfreudige Rechtsanwalt ist Georg Alexander, auch erfreulich diskret gespielt und mit vieler Laune auf die Beine gestellt. Die böse Kokotte mit den schlanken Beinen ist Elza Temary, Jacob Tiedtkes: Diener ist ein Kabinettstück erster Ordnung.

Für die Photographie zeichnet Bruno Mondi verantwortlich: seine Leistung ist anerkennenswert, geschmackvoll und mit einem sichtbaren Bedürfnis nach persönlicher Kamerakunst. Welcke und Lutz haben effektvoll und mit Stilgefühl gebaut. Guttmanns musikalische Illustration traf reizvoll die Stimmung: des Films: das Publikum war sehr angeregt und die Terra kann mit dem Start ihrer neuen Saison auf das höchste zufrieden sein.