Taking Sides - Der Fall Furtwängler

Deutschland Frankreich Großbritannien 2000/2001 Spielfilm

Taking Sides – Der Fall Furtwängler

István Szabós dokumentarischer Spielfilm über "Adolfs Bandleader"



Dietmar Kanthak, epd Film, Nr. 3, 26.02.2002

"Wilhelm Furtwängler war nicht allein. Wer immer aufgefordert wurde, stellte sich dem Regime zur Verfügung: Richard Strauss, Wilhelm Furtwängler, Werner Krauss, Gustaf Gründgens", schrieb Jachim Fest in seiner Hitler-Biografie. Schwäche oder Opportunismus seien die Gründe für die Parteinahme mancher Künstler gewesen, viele seien aber auch mitgerissen worden vom Schwung der Machtergreifung, von den Hochgefühlen nationalen Aufbruchs. Andere hätten, in idealistischer Absicht, dazu beitragen wollen, das Schlimmste zu verhindern und die dumpfen Energien des Nationalsozialismus zu sublimieren.

Der Fall Wilhelm Furtwängler (1886 - 1954), des neben Arturo Toscanini bedeutendsten Dirigenten seiner Generation, ist nie restlos geklärt worden. Hitlers "gehätschelter Maestro", wie ihn Erika Mann nannte, verabscheute das Nazi-System; doch er diente ihm auch als herausragender Repräsentant deutscher Kultur. Sein Widerstand blieb eher symbolischer Natur. Den Taktstock, heißt es, hielt er nach Konzerten immer in der rechten Hand, um dem Hitlergruß zu entkommen. Obwohl er mehrfach die Gelegenheit hatte, das Land zu verlassen, blieb Furtwängler in Deutschland, um, wie er sagte, "eine künstlerische Aufgabe zu erfüllen und sich um die Musik zu kümmern". Auch wenn ihm keine aktive Kollaboration mit dem Regime nachgewiesen werden konnte, wurde er nach dem Krieg das Odium des Mitläufers nicht los.

Der englische Dramatiker Ronald Harwood hat den Fall Furtwängler in seinem Stück "Taking Sides" dramatisch verhandelt. 1995 erlebte es in der Regie Harold Pinters seine triumphale Premiere in London. In Deutschland interessierten sich die Theater, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nicht für dieses eminent deutsche Stück; es erschien ihnen wohl zu altmodisch. Jetzt erhält das Kinopublikum Gelegenheit, Harwoods Furtwängler-Bild zu besichtigen. Das Stück wie auch István Szabós Film "Taking Sides – Der Fall Furtwängler" nach dem Drehbuch des Dramatikers verweigern einfache Antworten auf die komplexen Fragen, die das Schicksal eines Künstlers im totalitären Staat exemplarisch aufwirft. Der Zuschauer wird gleichsam zum Richter bestellt, er muss sich ein eigenes Urteil bilden, Partei ergreifen. In den Worten des Autors: "It all depends on the side you take."

"Mephisto"-Regisseur Szabó konzentriert sich erst spät auf die zentralen Auseinandersetzungen zwischen Furtwängler (Stellan Skarsgård) und dem amerikanischen Major Steve Arnold (Harvey Keitel). Der verhört den Dirigenten, um "Adolfs Bandleader" seiner Nazi-Sympathien zu überführen. Zunächst zeigt der Film in historisch eingefärbten Bildern des Kameramanns Lajos Koltai ein Genie bei der Arbeit: Furtwängler dirigiert Beethovens Fünfte. Im Hintergrund das Echo des Krieges: Flugzeuge, Detonationen, Sirenen. Szabó inszeniert mit dokumentarischen Aufnahmen Zeitgeschichte oder begibt sich ins Freie: in billig anmutende Kulissen. Das bringt nichts, belegt allenfalls, wie wenig Geld der Filmemacher offenbar zur Verfügung hatte. Und es lenkt von der Brisanz des Stoffes ab.


Die steckt allein in den Worten – und in den Gesichtern der Schauspieler. Neben den brillanten Hauptdarstellern Keitel und Skarsgård treten in dieser internationalen Produktion – außer Konkurrenz im Wettbewerb der Berlinale vertreten – unter anderem Moritz Bleibtreu, Ulrich Tukur und Armin Rohde auf. Und Birgit Minichmayr: eine Entdeckung. Rohde als Orchestermusiker Schlee ist es aufgegeben, die Magie Furtwänglers zu beglaubigen, seine fast schon hypnotische Wirkung auf Musiker und Publikum (und auf Frauen im Besonderen). Das gelingt Rohde glänzend. Und er intoniert das große Thema des Films: "Politik und Kunst", sagt er, "muss man immer voneinander trennen."

Von Genie und Magie scheint Stellan Skarsgårds Furtwängler im Jahr 1945 verlassen. Der Dirigent, der da müde und phlegmatisch vor Keitels Arnold sitzt, sieht aus, als hätte er sich in ein Parallel-Universum abgesetzt. "Ich bin doch Deutscher", sagt er auf die Frage nach dem möglichen Gang ins Exil 1933. "Es war doch mein Vaterland." Dieser Furtwängler hält die Kunst hoch, in der Freiheit, Humanität und Gerechtigkeit aufgehoben seien und die über Politik, ja auch über Terror triumphiere. Diesen Werten habe er sich als Musiker in den Zeiten der Barbarei verpflichtet gefühlt: in Deutschland. "Als Musiker bin ich mehr als ein Bürger", behauptet er. Im Grunde argumentiert hier ein Unpolitischer, ein elitärer Künstler, der nicht wahrhaben will, dass er sich einst mit dem Teufel eingelassen hatte.

Es bedarf des moralischen Rigorismus Arnolds, der Brutalität des Ahnungslosen, um Furtwänglers Verteidigungs-Rhetorik aufzubrechen und das Genie zu entzaubern. Eifersucht auf den jungen Konkurrenten und potenziellen Nachfolger, NSDAP-Mitglied Herbert von Karajan, hatte Furtwänglers Bleiben in Deutschland mitbestimmt, findet der Major heraus: die Konkurrenz zwischen "alterndem Romeo und jungem Bock", wie der Amerikaner drastisch resümiert. "Sie haben denen alles bedeutet", erklärt er seinem Verhör-Partner. Der Dienst an der Musik war auch ein Dienst am Regime; das eine war ohne das andere nicht zu haben. Wohl wahr, doch reicht all dies aus für einen Schuldspruch? Die Dialoge zwischen Keitel und Skarsgård intensiv und spannend zu nennen, wäre die Untertreibung des Jahres. Sie nehmen gefangen, bannen - und werfen Fragen auf über Egoismus und Verantwortung, Karriere und Zivilcourage. Mit diesen Fragen lässt Szabó das Publikum allein.