Berlinger

BR Deutschland 1975 Spielfilm

Ein intelligenter Kommerzfilm

Das neue deutsche Kino ist erwachsen geworden



Wolf Donner, Die Zeit, 07.11.1975

Ein paar Szenenfetzen zu Beginn, molto vivace und furioso, ein Filmstart, bei dem man sich verdattert die Augen reibt: 1942, zwei SS-Schergen vor einem Hans, eine schöne junge Frau wird abgeführt, ein mitschuldiger Freund, Parteimitglied, ist hilflos, ihr Mann tobt, sie hat sich vergiftet. Ein Flugfeld wie aus "Casablanca", aber in Farbe und größer und mit echtem Nebel, Nazis in schwarzen Ledermänteln, "Heil Hitler!", dann ein Titel: "Berlinger". Der Mann, umstellt, wirft seine Zigarette in eine Benzinlache, im Schutz des Feuers rast er auf eine Maschine zu, Schüsse, er startet, entkommt, Musik, Vorspann.

Jetzt der Reihe nach. Der Film "Berlinger" ist von Bernhard Sinkel und Alf Brustellin und wird diesen Freitag uraufgeführt. Lucas Berlinger, Sohn eines Salpetersäure-Fabrikanten, und Johannes Roeder, ein Arbeiterkind, sind Internats- und Studienfreunde. In den Ferien spielen sie im Hause Berlinger, und der introvertierte kleine Johannes beobachtet scheel die Streiche und Experimente des begabten Lucas. Später lernt Berlinger fliegen, geht Roeder in die NSDAP, Berlinger, als kriegswichtiger Wissenschaftler freigestellt, entwischt allen Zugriffen der "Bonzen", heiratet, experimentiert, huldigt seinem unbeschwerten Subjektivismus. Roeder übernimmt die Fabrik, kann aber seinen Freund nicht überzeugen und wird, als der flieht, aus der Partei ausgeschlossen.

Zweiter Teil, 1968 ff. Berlinger kommt in die Bundesrepublik zurück, experimentiert und erfindet und baut mit einem Häuflein verschworener Fanatiker Luftschiffe. Roeder, inzwischen Senator und Baulöwe, spekuliert mit Berlingers Gelände, wo eine Freizeitstadt für 20 000 Menschen entstehen soll. Berlinger will nicht, wehrt sich, die Konfrontation wird zur Kesselschlacht, am Ende sind Roeders Wechsel geplatzt und landet Berlinger in einem Baum.

Berlinger und Roeder, zwei ungleiche Freunde im Dauerclinch, zwei Spielarten von Konservatismus, die progressive und die opportunistische. Berlinger (Martin Benrath) ist ein Träumer, Spieler und Spinner, Lebenskünstler und Kraftnatur von barocken Ausmaßen, privilegiert, intelligent, Erfinder, Wissenschaftler und Abenteurer. Und ein Fossil, voll unbändiger Lust an phantastischen Sinnlosigkeiten, ein Kauz, dem die Erhaltung eines Biergartens wichtiger ist als der Wiederaufbau seiner Fabrik. Er haßt Zwänge, Verpflichtungen, Organisation und Planung, ist immer in Abwehrstellung, paßt in kein System, und er lebt wie ein Hippie mitten in dem verlotterten Fabrikgebäude, mit biochemischen Kulturen vor der Tür; ein Protest gegen jenes Wohn- und Architektur-Ambiente, das Roeder vertritt.

Berlinger ist ein fröhlicher Anarchist aus Sturheit und Egoismus, verantwortungslos und von der Hochfahrenheit aller Flieger. Wird es prekär, flieht er und läßt nur Opfer zurück: ein liebenswürdiger Sklavenhalter, der die Leute in seiner Privatmenagerie ausbeutet, weil sie ihm restlos verfallen sind. Vor seiner jungen Freundin gibt er furchtbar an, er kokettiert schamlos und röhrt wie Curd Jürgens in "Des Teufels General". Er ist auch herrisch und rücksichtslos, er will seine Ruhe und sein schönes Leben, und er hat ein sehr bewußtes Verhältnis zur Macht.


Berlinger liegt immer quer zu den Forderungen des Tages, Roeder (Peter Ehrlich) vertritt sie mit Überzeugung und blinder Fortschrittsgläubigkeit. Seine Parolen sind die Wahlslogans und Zeitungsüberschriften von damals und heute. Damals beschwor Roeder das "Wohl der Volksgemeinschaft" und das "Gemeinwesen", mahnte: "Man kann nichts Großes machen und die Hände sauber behalten", versicherte: "Wir bauen eine neue Welt." Um 1970 heißt es dann: Sanierung und Bebauungspläne, Planung von Freizeit und Erholung, "Wir haben viel geschafft" und "Wir haben die Karre aus dem Dreck gezogen".

Man wünscht diesem Roeder seine Pleite nicht. Immer im Schatten des bewunderten, beneideten genialen Widersachers, kämpft und schachert und plant er unermüdlich, spielt hoch und nicht sehr wählerisch in seinen Methoden und sucht verbissen, Berlinger endlich kleinzukriegen. Er ist einer jener Deutschen, die sich allen Zeitläufen anzupassen wußten und, wenn sie einmal stolperten, immer wieder auf die Füße fielen, vor und nach 45. Aber er glaubt fest an das, was er tut, und was er da plant, ist nichts Böses, ist vielleicht sogar richtig und sozial gedacht.

Ein Signal von vielen für ein neues, souveränes Filmbewußtsein im "Berlinger" ist die Besetzungsliste. Immerhin sollten einmal Curd Jürgens und Richard Münch die beiden Hauptrollen spielen. Benrath und Ehrlich überspringen mühelos dreißig Jahre, sie "spielen" mit großer Selbstverständlichkeit zwei verschiedene Lebensalter, ohne Tricks, ohne viel Maske. Und daß Berlingers Frau Marlit (Hannelore Elsner) eine stumme Rolle ist, hat man nach dem Film vergessen. Einmal steht sie nur bewegungslos im Bild, sieht starr in die Kamera, verwirrend schön und sinnlich, und alles ist in ihrem Blick: die Liebe zu Berlinger, die böse Ahnung vom Ende ihres Glücks, Sorge um ihn und Furcht für sich und schon die aufkeimende Bereitschaft für ihr Selbstopfer.


Die Struktur von Sinkel/Brustellins "Berlinger" wird Filmgeschichte machen und ist höchstens mit der Technik von Orson Welles, etwa in dessen "F for Fake", vergleichbar: ein fragiles, kunstvolles Gebilde, das nicht linear verläuft, sondern in Spiralen und Ellipsen, in großen Handlungsbögen, die aufeinander zulaufen, Motivketten, die sich schließen. Das wird nie zur bloß brillanten formalen Spielerei, weil der Erzählfluß einen ganz natürlichen, psychologischen Rhythmus behält; Man sieht Bewußtseinsebenen zu, sieht, wie Traum und Erinnerung funktionieren.

Die tatsächliche Handlung des Films umfaßt 48 Stunden, während der drei Figuren, Berlinger, Roeder und Maria, die Vorgeschichte rekapitulieren. Ihre jeweilige individuelle Perspektive kommentiert und differenziert das Geschehen, wobei das erste Drittel des Films eher sie und die anderen Personen vorstellt, Thesen anbietet und Handlungspartikel einstreut, die sich dann fortspinnen und komplettieren im gemächlicheren Ausbreiten des Materials, bis am Ende Rückblenden und Gegenwart sich einholen, die Geschichte sich abgerundet hat und der Zuschauer es ganz natürlich findet, einen Brand entstehen zu sehen, dessen Löscharbeiten zu Beginn stattfanden.

Es bleibt das Geheimnis der beiden Regisseure (die zwei Jahre an dem Buch gearbeitet haben und zwischendurch den Kinoerfolg "Lina Braake" realisierten) sowie ihrer Mitarbeiter Dietrich Lohmann (Kamera) und Nicos Perakis (Ausstattung), wie sie trotz dieser komplexen Struktur des "Berlinger" und einer dermaßen zersplitterten Chronologie einen Film von solcher Kraft und Dichte machen konnten, voller kinoattraktiver Figuren, praller Szenen, sympathischer Verrücktheiten, voller Phantasie und naivem Vergnügen.

Filmpolitisch schafft "Berlinger" neue Realitäten. Nach Herzog, Fassbinder, Wenders, nach "Ludwig" und "Katharina Blum" und vielen anderen hat sich im neuen deutschen Kino, allen überflüssigen Fanfarenstößen und Endlich!-Rufen zum Trotz, ein professionelles Niveau etabliert, das den ängstlichen Vergleich mit der glücklosen Oberhausener Bewegung von 1962 nicht länger rechtfertigt. Mehr noch: Die Entstehung von "Berlinger", .das Zusammenwirken von Fernsehen, Filmförderungsanstalt, Innenministerausschuß, Verleihgarantie und Eigenkapital beweist, daß unser Filmförderungs- und Finanzierungssystem funktioniert, daß keine der beteiligten Seiten diese vernünftige und realistische. Basis in Frage stellen sollte.

"Berlinger" hat die Chance, die Zustimmung aller zu finden, des Publikums, der Branche und der Kritik. "Berlinger" oder die Harmonie des Unvereinbaren: ein Kinostück über einen romantischen Kapitalisten, einen sensiblen Karrieristen, eine stumm-beredte schöne Frau, ein paar pragmatischer Träumer; ein intelligenter Kommerzfilm.

© Wolf Donner