Netzwerk

DDR 1970 Spielfilm

Auskunft über uns



Rosemarie Rehahn, Wochenpost, Berlin/DDR, 25.9.1970




(…) "Netzwerk" gibt Auskunft über die DDR. Hier ist ein Querschnitt durch die Gesellschaft, hier geht es auf unsere, also auf sozialistische Weise um die Gretchenfrage der 70er Jahre: Wie hältst Du"s mit der wissenschaftlich-technischen Revolution? Hier wird sozialistische Menschengemeinschaft vorgeführt.



Ein "Fall" setzt das Geschehen in Gang, fordert eine Reihe ganz und gar unterschiedlicher Menschen heraus, Stellung zu beziehen, Haltungen zu offenbaren, individuelle Haltungen, die zugleich Gesellschaftliches reflektieren.



Der "Fall" heißt Peter Ragosch. Ein Aktivist der ersten Stunde ist den neuen wissenschaftlichen Anforderungen nicht mehr gewachsen. Was tun? Ragosch tut das Falsche, versucht durch doppelten Einsatz mangelnde Qualifikation wettzumachen. Ein Leben ständiger Überforderung, in dem kein Platz mehr ist für Freude, für Glück, kein Platz mehr für seine Frau Katja. Zusammenbruch: Krankenhaus. (…)



Eine Gestalt, wie sie uns, tiefer angelegt, zugespitzter geführt, schon im Dr. Bernhard des DEFA-Films "Im Spannungsfeld" begegnete. Neu dagegen erscheint mir die sehr aktuelle Auseinandersetzung mit dem Konsumdenken einer jungen, gutverdienenden Generation, mit modernem Spießertum, wie es die Glücksvorstellungen des tüchtigen Ingenieurs Püschel und seiner attraktiven jungen Frau (Heidemarie Wenzel) prägt. (…)



Die Filmschöpfer zeigen ein reichliches Dutzend Zeitgenossen, deren Echtheit man bestätigen möchte, deren Gesichter einem vertraut sind. Es erweist sich über aber, daß in einem Ausschnitt dieser Breite Probleme nur angetippt werden können, Figuren sich nicht zu Charakteren runden, Diskussionsstoff geboten wird an Stelle von Erlebnisstoff.



Im interessanten Reportageband "Der siebente Sommer" von Eberhard Panitz, der die erste Anregung zum Film gab, kritisiert ein Schriftsteller die Arbeit eines Kollegen: "…warum nimmst Du nicht aus dem Ganzen irgendeine Sache heraus, die Du beschreibst und umschreibst, und einen Konflikt von den vielen angedeuteten Konflikten, aber so, daß man es auch donnern hört und nicht nur ein blasses Wetterleuchten sieht, und so, daß man alles sieht, hört und schmeckt…"


Ein Mangel des Films, der am deutlichsten wird in der Geschichte des Meisters Ragosch (Fred Düren), die die Autoren als Ausgangspunkt benutzen, um das Netz menschlicher Beziehungen aufzuzeigen. Da der im Schicksal Ragosch enthaltene Konfliktstoff schwerer wiegt, kompilierter ist als die Probleme des breit entrollten Figurenpanoramas, bleibt hier eine skizzenhafte Darstellung besonders unbe­friedigend. Ungelöste Fragen, unklare Beziehungen werden zu Fußangeln für den Zuschauer. Zum Glück greift der talentierte Regisseur Ralf Kirsten den Buchautoren Kirsten und Panitz unter die Arme. Es gibt eine Fülle schöner Alltagsbeobachtungen, die das Auge des Zuschauers für die eigene Wirklichkeit schärfen. Echtheit der Atmosphäre, des Milieus, eine Kamera – Claus Neumann –, die in der Prosa des angestrengten Arbeitsalltags etwas von der Poesie des Industriegiganten sichtbar macht.

Hervorragende Schauspielerleistungen beleben den etwas mallen Atem des Buches. So entdeckt uns Julia Wachowiak als Dr. Ruth Kahler den anziehenden Charme, die verfeinerte Weiblichkeit der intellektuellen Frau – und bringt es fertig, ihre ungewöhnliche Fern-Ehe durchaus oder doch beinahe glaubhaft zu machen. (…)