Venezianische Nacht

Deutschland 1913 Spielfilm

Eine venezianische Nacht


Der Kinematograph, Nr. 382, 22.4.1914


Nachdem der erste Max Reinhardt-Film der Union, "Die Insel der Seligen", die an ihn geknüpften Erwartungen leider nicht ganz erfüllt hatte, sah man mit um so grösserer Spannung dem zweiten Werke der Serie entgegen. Karl Vollmöllers "Venezianische Nacht" gilt als ein Kabinettstück Reinhardtscher Regiekunst und schien auch, da sie die Entfaltung aller möglichen szenischen Effekte gestattete, von vornherein für den Kinematograph trefflich geeignet zu sein. Rechnet man hinzu, dass hervorragende Künstler vom Deutschen Theater die Rollen übernahmen, dass die Aufnahme in Venedig selbst stattfand und dass überhaupt keine Kosten gescheut wurden, um dem eigenartigen Werke ein würdiges Gewand zu geben, so durfte man wohl ein ganz hervorragendes Meisterwerk moderner Lichtbildkunst erwarten. Freilich – was so unter Fachleuten des Films durchgesickert war, eröffnete ihm trotzdem keine allzu glänzenden Perspektiven; man behauptete sogar, dass Reinhardt als Filmregisseur vollständig versagt habe. Diese Gerüchte nachzuprüfen war natürlich unmöglich und ist heute auch garnicht mehr nötig. Nicht allein der Regisseur macht einen Film, sondern Darstellung, Handlung und die Geschicklichkeit des Aufnahme-Operateurs haben stets ein überaus gewichtiges Wort mitzusprechen. Tatsache jedenfalls ist, dass die Premierenbesucher am Donnerstag abend im Union-Theater auf dem Kurfürstendamm ein wirkliches Kunstwerk zu sehen bekamen, das weitab von alten, ausgetretenen Wegen wandelt und eine überraschende Fülle technischer, artistischer und literarischer Individualität offenbart. Damit soll durchaus nicht gesagt sein, dass es in allen seinen Teilen die Zustimmung des Publikums fand. Wenn auch der Beifall das ganze Haus füllte, so waren doch auch vereinzelte Zischer vorhanden, deren Urteil allerdings im Applaus völlig unterging. Der Widerspruch wird in erster Linie auf das Konto der eigenartigen, ein seltsames Gemisch von Tragik, Humor, Übermut, Melancholie und Spuk bildenden Handlung zu setzen sein, deren feiner poetischer Hauch für viele unverständlich geblieben sein mag. Szenen, die in ihrer Drastik durchaus ernst und tragisch aufzufassen waren, lösten bei verschiedenen Personen ein ironisch gemeintes Gelächter aus, das aber nicht der Handlung des Films, sondern nur die betreffenden Spötter selbst kompromittierte. (...)


Und nun zur Kritik der Regie, der hier ja das Hauptinteresse zukommt. Venedig – – – man hatte eine reiche Entfaltung des ganzen Lagunenzaubers erwartet, der über dieser alten Dogenstadt ausgebreitet liegt. Hier enttäuscht das Bild ein wenig. Die Szenen, die Stimmungsbilder von Venedig bringen, sind zum Teil wunderbar gelungen (wie die Fahrt nach der Toteninsel und der mitternächtige Spuk auf ihr), aber sie sind zu nebensächlich behandelt, zu selten. Man hat diese gerade für die Regie bezeichnende und hochinteressante Aufgabe in drei, vier Szenen bewältigt; das ist schade – nach den gebotenen Proben hätte man das vierfache Quantum gewünscht..... Im übrigen spielt die Handlung fast ausschliesslich in einem Venezianischen Gasthaus, und wenn auch hier die Regie viel Feinheiten entfalten und manche Proben ihres guten Geschmacks ablegen konnte, so ist doch eben ihr Wirkungsfeld ein recht beschränktes. – Ein ganz besonderes Lob aber gebührt der Darstellung der Schauspieler vom Deutschen Theater. An erster Stelle ist hier Maria Carmi zu nennen. die in ihrer Rolle als Braut ein faszinierendes Spiel bot, an dem man die meisterhafte Technik ebensosehr bewundern kann, als die Tiefe der Empfindung und die Entfaltung künstlerischen Temperaments. – Die zweite Stelle gebührt unbedingt dem Darsteller des Pipistrello, der seine affenartigen artistischen Kunststückchen und das Lächerlich-Unheimlich – Fratzenhafte seiner Maske mit der psychologischen Innigkeit eines Mephisto und Homunculus zugleich auszustatten wusste. Auch die übrigen Schauspieler boten vorzügliche, in sich abgeschlossene Leistungen und trugen sicher den Hauptanteil zum Erfolge bei. – Ein ganz besonderes Lob verdient die Zusammenstellung der Musik, die in etwa 25 Stücken aus bekannten Opern und klassischen Werken, teilweise durch Gesang unterstützt, eine treffliche Illustration zu der Pantomime bot. Und fasst man alle Eindrücke des Abends zu einer Definition des Films zusammen, so gelangt man wieder zu dem Urteil: ein wahres Kunstwerk, das Beifall und Widerspruch erwecken kann, aber niemals Gleichgültigkeit aufkommen lässt. (...)