Jeder für sich und Gott gegen alle

BR Deutschland 1974 Spielfilm

Jeder für sich und Gott gegen alle


H. G. Pflaum, film-dienst, Nr. 26, 24.12.1974

Dinge zeigen, die man zum ersten Mal sieht oder wie zum ersten Mal sieht, dies gehört zu den erklärten Intentionen aller Arbeiten des Filmemachers Werner Herzog. In "Jeder für sich und Gott gegen alle" gehören diese Absichten enger als je zuvor in seinem Werk auch zu den Erfahrungen der Figur selbst. Kaspar Hauser, jenes Findelkind, das 1829 in Nürnberg aufgegriffen und, zunächst keiner Kommunikation fähig, zum großen pädagogischen Forschungsfall wurde, ist vielleicht die Herzog"sche Filmfigur schlechthin. Bezeichnend ist auch die Vielzahl von Verweisen auf Filme wie "Auch Zwerge haben klein angefangen" (fd 17751), "Aguirre, der Zorn Gottes" (fd 18164) und "Die große Ekstase des Bildschnitzers Steiner". Im Gegensatz zu Truffaut, der bei seinem "Wolfsjungen" (fd 17238) vor allem pädagogische Intentionen hatte, wird hier die Geschichte vom Findelkind, dessen Integration in die Gesellschaft ein schwieriger, nie von Schmerzen und Gewalt freier Erfahrungsprozeß ist, von vornherein als Passion gesehen. "Mein Erscheinen auf der Welt war doch ein harter Sturz", sagt Kaspar später von sich. Auch der klare, in verschiedene Stationen gegliederte Aufbau des Films entspricht dem Passionsspiel, vor allem den Märtyrerdramen der Jesuiten. Herzog hat dabei einen Darsteller gefunden, dessen eigene Erfahrungen denen der Rolle sehr nahe kommen: Bruno S., der seine Kindheit in Heimen verbrachte und die Spuren seiner Zerstörungen wohl nie überwinden wird. ("Bruno der Schwarze" von Lutz Eisholz dokumentierte seine Geschichte, vgl. fd 22/1972.)

Herzog zeigt in der Exposition Kaspars Leben in einem dunklen Keller, vegetierend wie ein Tier, mit einfachem Spielzeug hantierend. Dann eine der größten Sequenzen, die Herzog je gedreht hat: Kaspar wird ins Freie getragen, eine schier grenzenlos weite, totale Landschaft ist im Hintergrund zu sehen, während er seine ersten, verkrampften Gehversuche macht, und seine Gestalt steht in krassem Gegensatz zu der in der Szenerie herrschenden Harmonie. Nach seiner Aussetzung begegnet Kaspar einer gnadenlos neugierigen, unsensiblen Gesellschaft, deren Verhalten manche Kritiker zu Unrecht auf den Regisseur selbst projizieren und ihm Grausamkeit vorwerfen. Schließlich wird Kaspar vom Gymnasialprofessor Daumer aufgenommen (eine historisch belegte Figur in dem ansonsten sehr frei verfahrenden Film), der für ihn fast zu einer Vaterfigur wird. Aber noch ehe sich das Findelkind in dieser Welt zurechtgefunden hat, fällt es einem (auch in der Historie nie aufgeklärten) Mord zum Opfer.


Auch in den einzelnen Motiven wirkt "Jeder für sich und Gott gegen alle" wie eine Summe aus Herzogs bisherigen Arbeiten. Wie in "Land des Schweigens und der Dunkelheit" (fd 18/72) geht es um Kommunikation, mit deren Fähigkeit für den Regisseur das Menschsein beginnt, aber auch um Träume und Phantasien, die für Kaspar Hauser den Beweis eines höheren Bewußtseins bedeuten. Und wieder ist der Protagonist Herzogs ein Zerstörter, Mißhandelter, der sich mühsam aus seinem Leid zu befreien versucht und dabei doch Momente von Glück erlebt, in denen – auch das ist ein Kennzeichen von Herzogs Arbeiten – seelische Rührung fast immer mit körperlicher Berührung korrespondiert. Bemerkenswert ist auch Herzogs handwerkliche Sorgfalt, der sehr genaue Originalton, die präzise Arbeit in allen Details bis hinein in die Requisiten, die behutsame Führung von Schauspielern und Kamera. In den brutalen Aspekten dieser Geschichte geht Herzog viel aufrichtiger und radikaler vor als Truffaut; sein Held bricht die wenigen zärtlichen Momente, die er erlebt, immer wieder verzweifelt schnell ab: "Die Menschen sind mir wie die Wölfe", klagt er einmal. Und immer wieder sieht man, wie Kaspar uns alltägliche Dinge zum ersten Mal verrichtet, wie er zum ersten Mal uns vertraute Eindrücke und Gefühle erfährt, die, weil sie für ihn so völlig neu sind, auch für den Zuschauer ihre Selbstverständlichkeit verlieren und mit einem plötzlich veränderten Blick gesehen werden. Seine immer wieder variierten Themen haben Herzog den Vorwurf eingebracht, er würde nur seine ganz privaten Probleme abhandeln, doch dabei werden die ebenso durchgängig präsenten politischen Dimensionen übersehen – auch in der Geschichte Kaspar Hausers. Man sieht, wie man in dem Ausgestoßenen zunächst einen Betrüger zu entdecken versucht, wie man seine Abhängigkeit mißbraucht und ihn im Zirkus als Schauobjekt ausbeutet, wie Pastoren auftreten, die kein anderes Interesse an Kaspar haben als ihm ihre Religion aufzuzwingen und wie schließlich die Wissenschaft nach seiner Ermordung seine Abweichung von allen Normen nach einem mechanischen biologischen Prinzip zu erklären versucht, anstatt die Ursachen bei der Gesellschaft selbst zu suchen.