Das Spinnennetz

BR Deutschland 1986-1989 Spielfilm

Das Spinnennetz



Peter W. Jansen, epd Film, Nr. 09, September 1989

Diesen Augenblick kann keine Verfilmung wiederherstellen: den November 1923, als Joseph Roths Fortsetzungsroman "Das Spinnennnetz" in der Wiener "Arbeiterzeitung" den Hitler-Ludendorff-Putsch schon erzählend vorweggenommen hatte, ehe er (sogenannte) historische Realität wurde. Kann das kein Film wieder einholen? Bernhard Wicki hat nicht einmal den Versuch unternommen. Wohlweislich. Weil niemand in den achtziger Jahren die historischen Verläufe und Verwerfungen der sechzig Jahre seit den zwanziger Jahren vernachlässigen kann. Weil aus der geschichtlichen Entfernung der Blick auf das Jahr 1923 anders ist, anders sein muss, als der Blick des politischen Feuilletonisten, der im Herbst 1923 seinen ersten Roman schreibt (und noch nicht der Romancier ist, der bald den "Radetzkymarsch" schreiben wird).

Dennoch bleibt ein Widerspruch, und Wicki versucht ihn produktiv zu machen. Er nimmt die Erzählmasse des schmalen Romans ganz plan (er braucht praktisch nichts auszulassen) und etabliert das Dekor, die Bilder, das Feeling von 1923. Aber der Blick von heute dorthin ist gegenwärtig in Akzenten, die auf den Einzelheiten sitzen, in der fulminanten filmischen Erzähltechnik sowohl des Polit-Action-Thrillers als auch des Psychodramas der letzten Jahrzehnte und – zuletzt genannt, aber doch nicht zuletzt — in der Modernität der Schauspielerführung.

Klaus Maria Brandauer, endlich einmal nicht mehr der präfaschistische oder faschistoide Intrigant Höfgen ("Mephisto") usw., sondern auf der Seite der Opfer, ist so gut wie lange nicht, das heißt genau, ohne zu pointieren, klar, ohne belehren zu wollen, zurückgenommen, ohne zu chargieren. Er spielt den zuerst zwielichtig erscheinenden, dann immer eindeutigeren Juden Benjamin Lenz; er versucht nicht, Benjamin Lenz zu sein. Ulrich Mühe ist schon in einer sehr oberflächlichen Kritik nachgesagt worden, er sei viel zu blass für die Rolle des Theodor Lohse, des abgerüsteten Weltkrieg-1-Leutnants und Karrieristen um jeden Preis. Wenn es nicht paradox wäre, würde ich sagen: Wer diesen Typ zu spielen hat, kann gar nicht blass genug sein. Denn das kennzeichnet ihn doch, diesen "Mann ohne Eigenschaften", der seine Gesinnung und Moral, sofern er jemals dergleichen hatte, jedem politischen Zufall der Zeit anpasst, also auch dem Faschismus. Seine schmale Gestalt biegt sich vor dem Wind der Geschichte, will sagen: vor denen, die den stärksten Wind zu machen verstehen. Er setzt, ein Bündel aus Arroganz und Lebensangst, Frechheit und Feigheit, Unterwürfigkeit und Mordlust, dem gefälligen Trend keinen Widerstand entgegen. Mühe und Wicki ist es in der Tat gelungen – und das ist die stärkste, ganz unverzichtbare und unübersehbare Leistung des Films –, das immer noch von den verwunderten Fragen der Zeitgenossen, die es besser hätten wissen müssen, und der Nachgeborenen verkleisterte Porträt des Faschisten zu zeichnen, der ein Faschist ist, weil er ein Nichts ist. Niemand hat das 1923 so nüchtern (und gleichzeitig, dem Expressionismus huldigend, emphatisch) erkannt wie Joseph Roth, niemand bis heute so einleuchtend wie Wicki. So mag sich erklären, dass ein Satz bei Roth sich bei Wicki zu einer vollen Sequenz auswachsen kann, was gelegentlich mit Tempoverlusten erkauft werden muss – und was, nebenbei, aufs genaueste die Problematik umschreibt, die einer "werkgetreuen" Verfilmung innewohnt. Doch trotz aller Werktreue weicht Wicki, selbstverständlich und absolut begründet, ab. Den Pogrom im Berliner Scheunenviertel gibt es bei Roth nicht – aber es gab ihn 1923, als Roth "Das Spinnennnetz" knüpfte; und in Wickis Film bezeichnet er präzis den Augenblick, in dem aus den Agentenkomplizen Lenz und Lohse, Komplizen trotz unterschiedlicher Auftraggeber und aus Berechnung, aber auch die Konfigurationen der doppelten Möglichkeit in jedem einzelnen in der Geschichte, Feinde werden müssen, weil die Geschichte nur noch entweder Mörder oder Opfer kennen will.

Bernhard Wicki hat viele Jahre am "Spinnennnetz" gearbeitet, zu lange und zu kurz in einem. Zu lange, was die filmerzählerische Ästhetik des Realismus angeht, die im Augenblick nicht im Trend liegt, zu kurz, um sich noch von einigem Rankenwerk und von Zeitverschleppungen zu trennen. Als filmisches Psychogramm des Faschismus kann ein solcher Film nur immer zu spät und nie zu früh kommen. Die gegenwärtig brennende Aktualität, die dem "Spinnennetz" zukommt, hat der Film nicht haben wollen. Im Gegenteil. Das ist sein politisch-moralischer Ausweis. Ein Film zur rechten Zeit.