Biografie
Serap Berrakkarasu, 1962 in Istanbul geboren, zählt zu den prägenden dokumentarischen Stimmen des türkisch deutschen Films. Ihre zwischen Ende der 1980er und Mitte der 1990er Jahre entstandenen Arbeiten zeichnen sich dadurch aus, dass sie soziale Wirklichkeiten mit großer Nähe und Sensibilität erkundet und auf die Leinwand bringt. So entstand Ende 1989 an der Landesarbeitsgemeinschaft für praktische Filmarbeit in Hamburg der Episodenfilm "Mavi, Mavi. Neun Geschichten. Ein Bahnhof. Ein Episodenfilm", zu dem Berrakkarasu die 5. Episode: "Klaus sucht seine Sehnsucht" beitrug.
Im Dokumentarfilm "Töchter zweier Welten", der 1991 im Forum des jungen Films der Berlinale zu sehen war, erzählt Berrakkarasu die Geschichte von Seriban und ihrer Tochter Meral, die zwischen der Türkei und Deutschland sehr unterschiedliche Lebenswege einschlagen. Seriban hält an Traditionen fest, während Meral – als Jugendliche nach Deutschland gekommen – in einer neuen sozialen Realität erwachsen wird und sich aus einer gewaltvollen Ehe befreit. Der Film bringt erstmals zur Sprache, was die beiden Frauen im Alltag nie miteinander teilen würden: Seriban reflektiert ihre arrangierte Ehe, Meral spricht über Zwang, Angst und den Versuch, ein eigenes Leben aufzubauen. Durch die Parallelmontage ihrer Erzählungen und die Einbindung einer türkischen Hochzeit zeigt Berrakkarasu, wie Migration familiäre Rollen, kulturelle Erwartungen und persönliche Freiheit neu verhandelt. Die intime Offenheit des Films, unterstützt von der behutsamen Kameraarbeit Gisela Tuchtenhagens, wurde 2019 in der Berlinale Retrospektive "Selbstbestimmt" erneut gewürdigt.
Mit "Ekmek parası – Geld für’s Brot" richtete Berrakkarasu – erneut in Zusammenarbeit mit Tuchtenhagen – ihren Blick auf den Arbeitsalltag von Frauen aus der Türkei und aus Mecklenburg, die in der Lübecker Hawesta Fischfabrik am Fließband stehen. Der Film zeigt die körperlich harte Routine und zugleich den Stolz dieser Frauen. In deutsch türkischen Gesprächen erzählen sie von Migration, Belastung und Zusammenhalt. 1994 wurde der Film, der – wie sein Vorgänger – von dem Vertrauen getragen wird, das Berrakkarasu und Tuchtenhagen zu den porträtierten Frauen aufbauen, bei den Nordischen Filmtagen mit dem Dokumentarfilmpreis ausgezeichnet.
Heute lebt Serap Berrakkarasu in Lübeck und arbeitet als Beraterin beim Jugendmigrationsdienst der Gemeindediakonie. Dort begleitet sie junge Menschen mit Migrationserfahrung und setzt so ihr Engagement für soziale Teilhabe und Selbstbestimmung jenseits des Films fort.