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Ein Banner hängt an der Fassade des Landestheaters Parchim. "Das Leben ist voller Fragen. Idioten sind voller Antworten. Sokrates." Davor hat sich ein NPD-Stand aufgebaut. Es werden eifrig Flyer verteilt. Im Büro des Intendanten entspinnt sich eine Debatte über Handeln oder Wegschauen, die einiges verrät. Das erste Engagement an dem kleinen Theater in der mecklenburgischen Provinz stellt Gesa und Arikia vor Herausforderungen. Schumann begleitet die jungen Frauen während der ersten zwei Jahre, erzählt von ihren Hoffnungen und Zweifeln, von inneren und äußeren Widerständen. Der Film besticht durch Schumanns liebevollen Blick auf die Menschen und die Provinz und ist zugleich eine Hommage an das Theater.
Quelle: DOK.fest München 2024 / Ina Borrmann
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Parchim? Norddeutsche Backstein-Gotik mit Fachwerk vereint, Hinterhof-Romantik und Anglerglück. Am Markt gibt’s Soljanka aus der Gulaschkanone. Neben dem Landratsamt und dem Krankenhaus hat ein bisschen Industrie und Gewerbe die Wiedervereinigung überstanden – und das Theater. 1945, kurz nach Kriegsende von der sowjetischen Kommandantur im ehemaligen Hotel Graf Moltke gegründet, erlebte es in den 1960er und 1970er Jahren eine regelrechte Blüte als Drei-Sparten-Theater mit eigenem Chor und kleinem Orchester.
Zu Beginn der über zweieinhalb Jahre entstandenen Dokumentation im Jahr 2020 ist der ehemalige Ballsaal nicht mehr bespielbar, dessen Bühne dient nur noch als Proberaum. Der Intendant des Jungen Staatstheaters, Thomas Ott-Albrecht, ist dennoch optimistisch: Mit Hilfe des Landes soll aus der einstigen Elde-Mühle für 40 Millionen Euro ein neues multifunktionales Theater- und Kulturzentrum entstehen. Die Provinz lebt! Björn Pauli (38), der Requisiteur und gute Geist des abbruchreifen Hauses, führt die beiden neuen Ensemblemitglieder durch alle Abteilungen und später auch durch die Kleinstadt, in der es sogar noch ein Kino gibt. 2.100 Euro brutto als Einstiegsgehalt ist nicht gerade üppig, aber das erste feste Einkommen von Gesa und Arikia, die sich eine Wohnung teilen.
An der Seite des nur ein Jahr älteren, aber viel erfahreneren Schauspielers und Musikers Julian Dietz spielt Arikia in „Wie der Wahnsinn mir die Welt erklärte“, der Adaption des gleichnamigen Jugendromans von Dita Zipfel, das pubertierende Mädchen Lucie Schmurrer in der Regie von Jule Kracht. „‘Verrückt‘ ist ein schönes Wort“, sagt Arikia: „Ich find‘ den Wahnsinn immer spannender.“ Allerdings fühlt sie sich nun, ins kalte Wasser geworfen, überfordert, hat Selbstzweifel. Die sich im Corona-Lockdown noch verstärken: Der frühe Tod ihrer Mutter, den sie als 17-Jährige hautnah erlebte, und später des Vaters hatte sie zeitweise aus der Bahn geworfen. Der Traum von der Bühne war damals ihr Rettungsanker, der sie ins Leben zurückbrachte.
Gesa dagegen nutzt den Stillstand des Theaters für ihren Plan B. Sie hatte vor ihrem Schauspielstudium Biologie und Sport auf Lehramt studiert und schreibt sich an einer Fern-Uni für Umweltwissenschaften ein. Sich auf der Bühne spielerisch zu verausgaben, wie im Monodrama „Das Lied der Nibelungen“ von Marco Süß, ist eine Seite ihres Wesens, die andere ist der Drang, die Welt durch mehr Wissen zu verstehen. Als die NPD vor dem Eingang des Theaters einen Infostand aufgebaut hat, regt Gesa beim Intendanten Gegenmaßnahmen an. Thomas Ott-Albrecht verweist nicht nur auf die rechtliche Problematik, sondern auch auf das für sich selbst sprechende Banner an der Hausfassade: „Das Leben ist voller Fragen. Idioten sind voller Antworten. Sokrates“.
Als der Lockdown Geschichte ist, stürzen sich Arikia und Gesa in die Arbeit – und damit ins Leben zurück: Frank Voigtmann inszeniert „Antigone“ in der Fassung John von Düffels. Im Mai 2023, beiden wurden die Verträge inzwischen verlängert, wird das alte Theatergebäude nach 78 Jahren geschlossen und mit der „Kulturmühle“ nach nur fünfjähriger Bauzeit Deutschlands modernstes Theater in Parchim eröffnet. Der leicht resignierende Seufzer „Dann gehen wir eben nach Parchim“ stand am Anfang der Bühnenkarriere von Gesa und Arikia. „Bleiben, um zu spielen“ hat sich als neue, tolle Option erwiesen.
Die 94-minütige Dokumentation des 1953 im mecklenburgischen Ludwigslust geborenen Dieter Schumann, der als Seemann der Deutschen Seereederei Rostock zur Defa kam, wo ihm 1987 mit „flüstern & SCHREIEN“ ein außergewöhnlicher Film über die DDR-Rockszene gelang, ist am 4. November 2025 beim im Dritten Programm des koproduzierenden Norddeutschen Rundfunks erstausgestrahlt worden.
P.S. Nach vier Jahren Theater für Kinder und Jugendliche ist Arikia Orbán in den Westen an den Rand des Ruhrgebietes gewechselt, ans Westfälische Landestheater Castrop-Rauxel. Dort gehört sie zum Ensemble des Erwachsenentheaters und reüssierte zuletzt als Tessa Ensler in Suzie Millers monologischem Bühnen-Blockbuster „Prima Facie“.
Pitt Herrmann