Weitere Namen
Laura Maori Tonke (Geburtsname)
Darstellerin, Drehbuch, Sonstiges
Berlin

Das freche Mädchen

Sie lässt sich nicht fassen: die Schauspielerin Laura Tonke


Rainer Gansera, epd film, Nr. 09, 02.09.2004

Laura Tonke gehört zu den markantesten Darstellerinnen ihrer Generation im neueren deutschen Film. Sie gab ihr Debüt 1991 in Michael Kliers "Ostkreuz" – und hat nun in "Farland" (Start: 26.8.) erneut mit dem Regisseur (Interview und Kritik auf S. 26) zusammengearbeitet.

Von einer Aura des Mädchenhaften, der sehnsuchtsvollen Unschuld wird sie immer umgeben sein. Wegen der staunenden, fragenden, suchenden Augen. Auch von der Katzenfrau-Aura: ungreifbar. Wie die Frau bei Antonioni oder beim frühen Godard: Für allerlei männliche Erlösungsphantasien dient sie als Projektionsfläche, aber immerzu entwischt sie, nie lässt sie sich fassen. Lieber treibt sie davon im Strudel ihrer Verzweiflung als dass sie sich ins Regal der Vorstellungen anderer stellen lässt. Selbst dort, wo sie den konventionellen Weg beschreitet, wie in Rudolf Thomes "Just Married", mit Familie, Ehemann, zwei Kindern und Heirat in Weiß, inszeniert sie das wie ein großes Abenteuer, ihr Abenteuer, bei dem der Mann irgendwie hilflos hinterher trottelt.

Unvergesslich ihr Debüt in Michael Kliers "Ostkreuz", 1991, wo sie durch die typisch Kliersche Stadtrand-Tristesse stolpert, wie ein verirrtes Kind, wie der einsamste, verlorenste Unschuldsengel, der den Eingang zum Paradies, aus dem ihn ein unergründliches Schicksal verstoßen hat, nicht mehr findet. Unvergesslich auch der besonders heftig aufbrausende Beifall, als Ostkreuz beim Münchner Filmfest seine Uraufführung erlebte und die Debütantin, die gar nicht wusste, wie ihr geschah, nach der Vorstellung gefeiert wurde. Sie, die 16-Jährige, war die Seele des Films.

Weil Schauspielerkollege Miroslav Baka ihr riet: "Wenn du spielen willst, musst du auch leben", ging sie weiterhin zur Schule – "fleißig und gern", wie sie betont ", machte ihr Abitur, spielte mit bei zahlreichen Fernsehfilmen, besuchte vorsätzlich keine Schauspielschule und gewann dadurch eigenwillige Kontur, dass sie immer wieder mit wagemutigen Regieanfängern und den Großen des hiesigen Autorenkinos drehte: Oskar Roehler ("Silvester Countdown"), Thomas Arslan ("Mach die Musik leiser"), Rudolf Thome, Tom Tykwer ("Winterschläfer"), Dominik Graf ("Bittere Unschuld"), Eoin Moore ("Pigs Will Fly"), Christopher Roth ("Baader"). Sie wurde 2000 mit der Lilli-Palmer-Gedächtniskamera als beste deutsche Nachwuchsschauspielerin ausgezeichnet und knüpft nun, mit der Hauptrolle in Michael Kliers viertem Kinofilm "Farland", an ihre Anfänge an.

Wie entstand ihr Wunsch, Schauspielerin zu werden? "Als Kind wollte ich immer unbedingt berühmt werden, das heißt, Stewardess oder Schauspielerin. Stewardessen sind ja auch "berühmt", weil alle im Flugzeug sie angucken. So nehmen das Kinder wahr. Dann sah ich Charlotte Gainsbourgh in den beiden Filmen von Claude Miller "Das freche Mädchen" und "Die kleine Diebin", war hingerissen von ihr, konnte vieles von mir in ihr finden oder in sie projizieren. Sie flüstert immer nur so und ist dabei doch immens intensiv. Da war der Wunsch, Filmschauspielerin zu werden, schon sehr stark, und ich träumte davon, dass mein Name einmal als erster im Abspann erscheinen soll. Gleich bei meinem ersten Film ging dieser Traum in Erfüllung. Später dann habe ich Darstellerinnen wie Susanne Lothar, Angela Winkler und Eva Mattes gern gesehen. Nicht nur, weil das tolle Schauspielerinnen sind, sondern auch, weil sie insgesamt eine gute Art haben. Sie treten nicht plump-feministisch auf, auch nicht überkandidelt. Ich werde nie so sein, das ist eine ganz andere Generation – aber ich sehe ihnen gern zu, weil mir ihre Art insgesamt gefällt."

Gute Aktricen können in Rollen hineinschlüpfen, Ausnahmedarstellerinnen wie Laura Tonke können Metamorphosen vorführen. So hat sie ihre verschiedensten Facetten gezeigt: das verlorene Kind, die verzweifelte Jugendliche, die Unscheinbare, die Rebellische, auch die elegante Dame. Sie kann in Großaufnahmen ikonenhaft aussehen wie ein Stummfilmstar – oder wie Anna Karina, die Muse der Nouvelle Vague. Ihre größte Herausforderung war die Rolle als Terroristenbraut in Christopher Roths "Baader": "Da hatte ich schon den Eindruck, an meine Grenzen zu stoßen. In Rollen wie in "Pigs Will Fly" oder bei Hanno Hackforts "Junimond" spiele ich doch mehr oder weniger mich selbst. Das kann ich. Aber bei "Baader", als Gudrun Ensslin, da glaubte ich, meine Grenzen zu spüren. Wir wollten die Figur, die Gudrun Ensslin heißt, ja nicht einfach historisch abbilden, sondern sie neu erfinden. Zur Vorbereitung auf die Rolle habe ich mich mit einer Freundin meiner Mutter getroffen, die in der Kommune 1 war. Da wurde mir dieses ganz andere Denken klar: dass es damals fortwährend darum ging, Konventionen zu durchbrechen, Grenzen zu überschreiten. Und da wurde mir auch klar, dass ich genau das in meinem Leben nie tun musste: gegen Konventionen rebellieren. Im Gegenteil: mir wurden immer Türen aufgemacht. Ich musste nie kämpfen. Ich denke, dass ich mir manchmal selber Steine in den Weg lege, damit es mir nicht zu einfach wird."

Trotz ihrer vielen Rollen und ihrer Bekanntheit bleibt Tonke neugierig, sucht neue Herausforderungen. Sie kann auch, was sie sich anfänglich nicht zutraute, auf dem Theater bestehen, spielt an der Berliner Volksbühne in Frank Castorfs "Forever Young". Über Lob freut sie sich natürlich, aber sie bleibt selbstkritisch, skeptisch. Ihre Augen: staunend, fragend, suchend.