Inhalt
Die Erzählung von zwei Menschen, die ihre Krise durchleben, trifft auf die Realität im letzten Sanatorium seiner Art. Seit über hundert Jahren kommen Menschen an diesen Ort, die auf Heilung hoffen. So auch Nina und Henri, beide in der Lebensmitte, ausgebrannt und aus verschiedenen Milieus. Zwischen Speisesaal, Liegekur und Therapie kreuzen sich ihre Wege, in einer Zeit des Ringens um den eigenen Seelenfrieden.
Das Haus schneit ein und alles wird langsam und leise. Die Geister und Geschichten aus den langen Korridoren werden zum Begleiter ihrer Tage. Während die zwei sich die Leviten lesen und ihre Einsamkeit vergessen wollen, gräbt eine Historikerin im Hausarchiv nach Dokumenten aus der Frühzeit der Kuranstalt. Sie erforscht das Sanatorium als Knotenpunkt moderner Erschöpfungsgeschichte und spannt für eine Dissertation einen Bogen von der Neurasthenie zur "inneren Unruhe" der Gegenwart. Das Haus wird zum Schauplatz für eine Archäologie der Erschöpfung.
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Bevor Kameramann Dirk Lütter den Alltag der idyllisch im Grünen gelegenen Klinik dokumentiert von der Putzkolonne bis zur Küchenbesatzung, zitiert Sarah Christine Bernhardt aus dem Off einen historischen Bericht über eine Behandlung durch Hypnose.
Die Mainzer Historikerin, die 2020 ihre Dissertation „Neurasthenie und Burnout. Formen der Erschöpfung in der Moderne“ am Historischen Seminar der Johannes Gutenberg-Universität eingereicht hat, führt im Film mittels inszenierter Szenen durch die Geschichte dieses einzigen deutschen Fachkrankenhauses für Psychosomatik und Psychotherapie. Inszeniert sind auch die Gespräche mit und Therapien für die drei von Schauspielern verkörperten Patienten Nina, Henri und Robert. Aber bei den Ärzten der verschiedenen Fachgebiete (Psychosomatik und Psychotherapie, Psychiatrie, Neurologie, Allgemein- und Innere Medizin), den Therapeuten und Pflegern handelt es sich um das originale Braunlager Team.
So kreiert Sascha Hilpert mit „Formen Moderner Erschöpfung“ einen ebenso erhellenden wie auch berührenden Blick auf die sich binnen mehrerer Generationen kaum gewandelten Probleme der Menschen mit der mentalen Gesundheit und schildert zugleich in singulärer Authentizität den heutigen Klinikalltag bei laufendem Betrieb. Henris Angstzustände, Schwindelgefühle und Suizidgedanken haben keine neurologischen, sondern seelische Ursachen. Der nach einem Vorfall körperlicher Gewalt vom Dienst in einer Werkstatt für Behinderte suspendierte Sozialarbeiter ist auch noch von einer Räumungsklage nach Eigenbedarfskündigung gebeutelt. Da ist es fraglich, ob er durch Entspannungsübungen, Physiotherapie, Massagen und Wannenbäder den nötigen Abstand zum Alltag gewinnt, wo ihm doch schon die Blümchentapete seines Zimmers unerträglich erscheint.
Seine Tischnachbarin Nina gehört als Managerin einer großen Werbeagentur zwar einer anderen Gehaltsklasse an, hat aber – Stichwort Burnout nach Mobbing – keinesfalls geringere Probleme im Beruf wie auch im Privatleben, das nach der Scheidung ziemlich brach liegt, zumal ihr 20-jähriger Sohn nun bei seinem Vater wohnt. Bei der von Versagensängsten und Weinkrämpfen geplagten Frau stehen zunächst Gespräche im Vordergrund, dennoch muss auch sie das allgemeine Therapieprogramm durchlaufen, zu dem auch eine 90-minütige Liegekur bei Minustemperaturen auf der Terrasse gehört. Mit zwei Wärmflaschen in Decken eingepackt still zu liegen ist keine geringe Herausforderung.
Bei einer Schnee-Wanderung auf den Brocken läuft sie ihm noch mit gehörigem Abstand hinterher, aber beim „betreuten Trinken“ in einer Dorfkneipe, wo Henri und Nina dem Alkoholverbot trotzen, kommen sich beide allmählich näher. Nach einer wild ausufernden Bewegungs- und Tanztherapie steigt er mächtig in ihrem Ansehen, sodass Nina bei einem naturgemäß streng untersagten Weinabend auf ihrem Zimmer die einst von ihrem Vater für sie geschnitzte Holzpistole zückt, um Henri dazu zu bewegen, mehr von sich preiszugeben. Mit seiner Abreise schleicht sich der Hybrid aus Spiel- und Dokumentarfilm langsam aus.
Eine Hauptrolle im Film spielt das Gesamtkunstwerk des Klinikgebäudes selbst. Anfang des 20. Jahrhunderts entwarf der Architekt Albin Müller, bekannt aus der Darmstädter Künstlerkolonie, aber auch durch den nach ihm benannten Turm und das Pferdetor in Magdeburg, den Mittelbau und den gesamten Innenraum der Klinik. Der Film dokumentiert dieses bis heute erhaltene Jugendstil-Juwel, in welchem sich auch hundert Jahre später noch der reguläre Klinikalltag abspielt, mit langen Kamerafahrten durch die individuell gestalteten Gemeinschaftsräume, Treppenaufgänge und zumindest einige Einzelzimmer. Der knapp zweistündige Film ist daher ganz unabhängig vom eigentlichen Thema auch für Architektur- und Kunstliebhaber interessant.
Pitt Herrmann